Der Korruptionsprozess gegen den ehemaligen Sportchef des Hessischen Rundfunks offenbart: Nicht nur der Angeklagte machte schwere Fehler, sondern auch der Sender selbst. Doch auch der Intendant des HR, Helmut Reitze, wollte keine Verantwortung übernehmen. Von Daniel Bouhs, Frankfurt am Main

Helmut Reitze, Intendant des Hessischen Rundfunks, gab vor Gericht Auskunft über das Gebaren seines früheren Sportchefs Jürgen Emig© Michael Probst/AP
Plötzlich verschanzen sich alle hinter der Revision. Alle bisher aus dem Hessischen Rundfunk geladene Zeugen im Prozess gegen Jürgen Emig, Ex-Sportchef des gebührenfinanzierten Frankfurter Senders, haben bisher ausgesagt, die Innenrevision sei doch mit der Frage beauftragt gewesen, ob der Ex-Sportchef hinter der Agentur SMP stecke, die dem HR-Sport so viele Drittmittel beischaffte. Auch der Intendant Helmut Reitze verwies am Mittwoch vor dem Frankfurter Landgericht auf die Revision - und ihren stets negativen Bescheid.
Eine Woche zuvor hatte der ehemalige Programmchef und Vorgesetzte Emigs, Heinz-Werner Conrad, ebenfalls auf die fehlgeschlagenen Prüfungen der Revision verwiesen. Er sagte auch, es habe mehrere Gerüchte um die Agentur gegeben. Unter anderem sei geflüstert worden, Emig stehe der Agentur nahe. Seit die Staatsanwaltschaft im Jahr 2004 ihre Ermittlungen aufnahm, ist aber längst klar: Emig stand der SMP nicht nur nahe, er hat sie im Wesentlichen gesteuert. Gegründet hatte die SMP einst Harald Frahm, ein Kumpel Emigs. Und der Gewinn wurde größtenteils an Emigs Frau, Atlanta Killinger-Emig, ausgeschüttet, die stille Teilhaberin war und die Firma Killinger Productions führt.
Das alles will die Revision des Senders trotz mehrfacher Prüfungen nicht herausgefunden haben, sagen jedenfalls die bisherigen Zeugen. Frahm jedoch, der Geschäftsführer der SMP war, sagte Mitte August aus, der Revisionschef des Senders habe ihn auf seinem Privatanwesen getroffen. Und er sagte wörtlich: "Ich habe ihm rübergebracht, dass Herr Emig für alle Geschäfte der Entscheidungsträger war." Hier widersprechen sich die Aussagen also fundamental.
Die Sache aufklären kann wohl nur der Revisionschef, denn Frahm sagte auch, es gebe keine Belege für das Treffen. Der HR-Funktionär, auf dessen Aussage jetzt alle Prozessbeteiligte gespannt warten, wird Mitte September im Zeugenstand erwartet. Allerdings: Sollte er die Gesprächsdetails abstreiten, auf die sich Frahm und nicht zuletzt auch Emig stützen, und dabei die Unwahrheit sagen - wer sollte ihm das je wie nachweisen können?
Reitzes Besuch war aber auch mit Spannung erwartet worden, weil im vorigen Prozessverlauf ein Schriftwechsel zwischen der hessischen Landesregierung, dem HR-Intendanten und dem Veranstalter des Triathlons Ironman Frankfurt, Kurt Denk, bekannt wurde. Wie alle Beteiligten bestätigten, schrieb er im Jahr 2003 Ministerpräsident Roland Koch und dessen Innenminister Volker Bouffier (beide CDU). In dem Brief beschwerte er sich darüber, dass Emig einen Zuschuss zu den Produktionskosten des HR von 95.000 Euro verlangte - das sei seiner Meinung nach bei dem öffentlichen Interesse des Events viel zu hoch und etwa bei einer vergleichbaren und vom Norddeutschen Rundfunk (NDR) übertragenen Hamburger Veranstaltung ganz anders.
Reitze sagte am Mittwoch, er habe die Beschwerde des Veranstalters beantwortet, dabei aber vor allem die Notwendigkeit der Zuschüsse erklärt, die eine umfangreiche Übertragung sportlicher Ereignisse zu dieser Zeit meist überhaupt erst ermöglicht hätten. Heute verzichtet der Sender übrigens auf diese häufig intransparente Praxis, vor allem, um sich nicht angreifbar zu machen. Der hessische Sender verzichtet inzwischen lieber auf Übertragungen, die allein aus dem gebührenfinanzierten Etats nicht finanzierbar sind.
Vor allem aber sagte Reitze, ihm sei zum Zeitpunkt des Briefwechsels nicht bekannt gewesen, dass die zwischengeschaltete Agentur Sport-Marketing & Production, die Reitze als "Strohfirma" bezeichnete, zwar 95.000 Euro vom Veranstalter kassierte, aber nur 30.500 Euro an den Sender abführte. Das aber brachte der SMP eine Provision von deutlich mehr als 50 Prozent ein, die per Gewinnausschüttung zu einem großen Teil auf den Konten der Beteiligten landete.