25 Jahre gibt es "Wetten, dass..?". Deutschlands erfolgreichste Show wird von Thomas Gottschalk moderiert - und von Stefan Raab gerne durch den Kakao gezogen. Zum Jubiläum sprechen die Herren über Peinlichkeiten, Showtalent und Haarprobleme.

Gipfeltreffen für den stern: Stefan Raab, 39, und Thomas Gottschalk, 55, in einem Kölner Hotel© Volker Hinz
Gottschalk: Die habe ich gesehen, ohne im Traum daran zu denken, dass ich mit dieser Show mal in Rente gehen würde. War da nicht eine Frau, die sich ihre langen Haare abschneiden lassen wollte, es dann aber doch nicht getan hat?
Raab: Keine Ahnung, aber ich habe das bestimmt gesehen. Ich fand all diese Shows am Samstag super, auch "Auf los geht's los" mit Fuchsberger und "Am laufenden Band" mit Carrell.
Gottschalk: Beim letzten Mal waren's fast 14 Millionen. Das ist gelerntes Fernsehen, die Show gehört zum Leben der Leute wie das Milchholen.
Raab: Die Show lebt aber auch davon, dass sie keine Feinde hat. Das ist wie mit den Kängurus in Australien. Die werden einfach immer mehr, weil keiner da ist, der sie frisst. Da bin ich gut informiert, ich weiß das auch von meinem Haussender - läuft "Wetten, dass..?", sendet Pro Sieben einen Film, der eh nicht mehr als vier Prozent Marktanteil bekommt.
Raab: Was Sie wieder denken. Ich schätze "Wetten, dass..?" außerordentlich, weil es eine der kommunikativsten Sendungen im deutschen Fernsehen ist. Ich sitze da mit meiner Familie oder mit Freunden, und wir haben einen Heidenspaß. Wir unterhalten uns dabei - und verpassen trotzdem nichts Wesentliches. Während der letzten Sendung, Thomas, habe ich im Internet gesurft und nebenbei gesehen: Ihr habt da einen Typen, der vor einer Reihe aufgespannter Regenschirme steht. Auch ohne deine Erklärung wusste ich: Der will die zumachen. Das Konzept einer guten Sendung muss auf einen Bierdeckel passen - wie eine gute Steuerreform.
Gottschalk: Jeder schaut anders. Mutti freut sich über Udo Jürgens, dem Opa gefallen die Wetten, dem Enkel Shakira. Aber es gelingt mir, einen Mantel über dem Land auszubreiten, und jeder wickelt sich in einen Zipfel ein - und damit bin ich sehr zufrieden. Und der Stefan wartet auf den Ausrutscher, von dem er dann die nächste halbe Woche lebt ...
Gottschalk: Wieso sollte ich? Er kommt einfach nicht an mir vorbei. Wenn ich bei "Wetten, dass..?" einen Rapper mit dieser Gangsta-Geste begrüße, wie die Jungs das nun mal machen...
Raab: ...was bei dir allerdings ein bisschen anders wirkt als bei Eminem...
Gottschalk: ...dann ist das für dich ein gefundenes Fressen. Aber es funktioniert nur, weil die Kids es bei mir schon gesehen haben. Ich finde nicht alles toll, was der Stefan so treibt, aber eines muss ich ihm lassen: Er ist angstfrei und nicht unwitzig. Vor allem ist er nicht dumpf.
Raab: Schreiben Sie jetzt bitte in Klammern: Raab applaudiert. (Raab applaudiert)
Gottschalk: Was ich hasse, sind diese gequälten Radiowitzbolde und Billig-Comedians. Von denen gelobt zu werden wäre mir peinlicher, als von Raab verarscht zu werden. Und wenn du nicht mehr verarscht wirst, dann bist du tot.
Gottschalk: Alles zu seiner Zeit. Mit fast 56 wäre ich als Enfant terrible doch ziemlich entwicklungsgestört. Ich bin da, wo ich in meinem Alter hingehöre. Ich bin Massenunterhalter, und das bin ich gern. Man kann am Samstagabend nicht vors Publikum treten und sagen: Heute halte ich erst mal den Hintern in die Kamera, und dann fange ich an, Cora Schumacher zu beleidigen. Das braucht kein Mensch.
Raab: Wenn wir hier in zehn Jahren wieder sitzen und ich bin drei Wochen vorher noch aus 15 Metern in einen Pool gesprungen wie beim letzten "TV Total-Turmspringen" - dann fragen Sie vermutlich auch, was bei mir schief gelaufen ist. Thomas, du hast mir mal gesagt, du kommst zu meiner nächsten "Wok WM". Hast du dann aber doch nicht gemacht. Völlig korrekte Entscheidung. Hat ein Thomas Gottschalk nicht mehr nötig.

© Volker Hinz
Gottschalk: Nein, ich bin zufrieden. Ich bin jetzt an einem Punkt, wo ich genießen kann, was ich mache - in dem Wissen, es nicht mehr machen zu müssen. Das habe ich meinem Amerika-Experiment zu verdanken, weil ich dort auch glücklich bin, ohne dass mir die Leute auf der Straße zuwinken. Ich bin entspannt, was sich auch daraus ergibt, dass ich die untergehende Sonne bereits etwas größer sehe als der Kollege hier.
Raab: Tolle Metapher!
Gottschalk: Mein Schicksal liegt in den Händen der Zuschauer und in der Entwicklung des Mediums. Es wird irgendwann Fernsehen auf iPods geben, es wird irgendwann am Samstagabend eng werden, weil die Konkurrenz nicht ewig still hält. Ich werde das hoffentlich rechtzeitig erkennen und dann nicht versuchen, meinen Fuß noch in irgendeine Tür zu bekommen. Ich werde nicht bei Kabel 1..
Gottschalk: Bestimmt nicht, der junge Kollege hier soll noch ein paar Wände einreißen, aber ich habe das hinter mir.
Raab: Sie werden's nicht glauben, ich hab kürzlich mit Freunden zusammengesessen, wir haben an die Zeit gedacht, als wir 18 waren und uns für 1000 Mark einen alten Mercedes Diesel gekauft haben, der uns dann auf dem Autoput in Jugoslawien verreckt ist. Und heute hat der eine oder andere ein Haus mit Bäumchen vor dem Eingang.
Gottschalk: Du hast dir sogar bessere Manieren zugelegt und behandelst nicht mehr alle Gäste wie Deppen. Selbst mein Sohn Roman, der zu meinem Entsetzen ein großer Fan von dir ist, bemerkte kürzlich: "He shows more respect!". Leider sagt er wichtige Dinge inzwischen auf Englisch, weil er in Kalifornien sein Deutsch verlernt hat.
Raab: Ich bin noch heiß, seien Sie unbesorgt. Und zu Frau Loch kann ich nur sagen: Sie hat einen lustigen Namen, und wir haben einen Scherz darüber gemacht. Kein Mensch würde mehr darüber reden, hätte sie das nicht selber groß in die Medien gebracht. Wenn uns jemand anruft und sagt: "Ihr hattet mich gestern in der Sendung, ich möchte, dass das nicht wieder vorkommt" - dann sind wir völlig kooperativ.
Raab: Ich habe nicht Lisa Lochs Privatvideo rausgezerrt; sie hatte an einer Miss-Wahl teilgenommen, die auf RTL zu sehen war. Das war für uns Chronistenpflicht, weil wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, das Fernsehen zu beleuchten, mit all seinen Schattenseiten. Das hat mit mir persönlich nichts zu tun. Ich halte meine Familie, meine Freunde aus allem raus, weil die keinen Bock auf Öffentlichkeit haben.
Gottschalk: Mein Sohn ist gerade für ein Praktikum in Deutschland, hat auf einem Fest mit irgendeiner Frau geredet - und schon durften wir lesen: Roman packt aus, die Ehe ist im Eimer! Die Dame hat sich nicht mal als Journalistin zu erkennen gegeben. Die Geschichte stimmt hinten und vorne nicht. Da bin ich wieder froh, dass meine Familie nicht jeden Tag durch Köln marschiert, sondern in Malibu lebt.
Raab: Eben. Ich bin nicht angetreten, um mein persönliches Umfeld zu präsentieren, sondern das, was ich im Fernsehen mache. Mir geht auch die nötige Eitelkeit ab, bei jedem Sektempfang ein Glas spazieren zu tragen.
Gottschalk: Es gibt auch keinen Grund für Eitelkeit.
Raab: Bitte...? Ach so, jetzt verstehe ich: bei mir! Ich dachte, du beziehst das auf dich.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 7/2006