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11. Juni 2009, 06:25 Uhr

Honks zum Heulen

Was letzte Woche schon schlimm war, wurde gestern nicht besser. Die RTL-Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" verdient nicht einmal mehr moralische Entrüstung. Sie ist nur zu ertragen als Realsatire. In den Hauptrollen: die beiden Teenager Elvir und Mario. Von Mark Stöhr

Erwachsen auf Probe, RTL

Eine interessante Fernsehwelt, wie es sie nur bei RTL gibt: Das Kopf-an-Kopf-Rennen im Kampf um "Germany's next Top-Tölpel"© Jörg Carstensen/DPA

RTL bekam für die ersten beiden Folgen von "Erwachsen auf Probe" vor gut einer Woche richtig Prügel. Die Sendung sei eine "einzige Heuchelei", hieß es landauf landab, von der "FAZ" bis zur "Süddeutschen", "ganz böses Fernsehen" oder schlicht: "der reine Dreck". Selten wurden so heftige Wortgeschütze aufgefahren gegen ein neues Format. Und selbst die Zuschauer, die der Kölner Sender in solchen Fällen gerne zu Anwälten seiner Sache erklärt, spielten nicht wie gewünscht mit. Knapp über drei Millionen schauten den überforderten Jugendlichen beim Windelnwechseln zu - eine eher suboptimale Ausbeute angesichts des ganzen Tamtams im Vorfeld.

Und was machte RTL? Es wählte den nordkoreanischen Weg - getreu dem Motto: Die Welt ist doof, wir basteln uns unsere eigene Öffentlichkeit. Ein Ehepaar mit Kindern, eine schwangere Krankenschwester und eine Teenie-Clique wurden zum Gucken der Show verdonnert und im Anschluss nach ihrer Einschätzung gefragt. Das Ergebnis gab es tags darauf im Mittagsmagazin "Punkt 12". Es hätte nicht besser ausfallen können. Von "Erziehungseffekten" für die Beteiligten und die Zuschauer war da die Rede und davon, dass die Serie "schon ziemlich vergleichbar mit dem normalen Leben" sei. Die Mutter von drei Kindern verwechselte das bestellte Jury-Votum mit einer Waschmittelwerbung und verkündete keck: "Ich guck's mir auf jeden Fall nochmal an, ich will wissen, wie's weitergeht!"

Sollte sie gestern Abend wider Erwarten doch etwas Besseres vorgehabt haben, ein Brettspiel mit ihrer Familie etwa, sei ihr hiermit mitgeteilt: "Erwachsen auf Probe" ging weiter und zwar genauso beknackt wie zuvor. Dieser verlogene Murks verdient keine moralische Entrüstung mehr. Er ist nur zu ertragen als Realsatire. In den Hauptrollen: Elvir und Mario, die beiden Honks zum Heulen.

Sie liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen im Kampf um "Germany's next Top-Tölpel". Elvir hatte nach der ersten Sendung eindeutig die Nase vorn. Gestern legte er nach. Im Supermarkt fühlte er sich mal wieder von Gott und der Welt verlassen. Vor allem von seiner Freundin Nadine. Die türmte tonnenweise Waren im Einkaufswagen - Bezahlung ungewiss -, während er Leihtochter Theresa beruhigte, besser: zu beruhigen versuchte. Mit kurzerhand entschraubten Fruchtsäften - Bezahlung ungeplant -, die die Tränen des verstörten Kindes trocknen sollten. Als es ans Getränkekisten-Schleppen ging, eskalierte die Situation. Elvir: "Du verstehst echt nix im Leben - ich bin hier am Aufpassen!" Nadine darauf: "Ich bin das am Merken!", und wuchtete den Kram selber.

Aber sie weiß, was sie an ihrem Elvir hat. Zumindest weiß er es: "Sie kennt mich und versteht, dass ich nicht arbeiten kann. Sie ist froh, dass sie jemanden kennengelernt hat, der Musik macht." Davon war zum Glück noch nichts zu hören. Es ist die einzige Peinlichkeit, die die Macher dem 18-Jährigen bisher erspart haben.

Familie ist nicht genau wie Knast, aber vergleichbar

Mario ist härter im Nehmen. Keine jammernde Douglette, sondern ein Kleinkrimineller, der bis unter die Schädeldecke voll mit Aggressionen ist. In der gestrigen Folge beließ er es noch bei Murren und Maulen. Als seine Freundin beim Friseur war - wo sonst? -, musste er sich selber um sein eigenes Frühstück und das des kleinen Zöglings kümmern. Ein Affront. Es gab Ravioli und Toastbrot weit nach zwölf Uhr mittags, der arme Tropf schrie vor Hunger. Marios Erkenntnis: "Kinder sind voll temperamentvoll und hyperaktiv." Zum Thema Familie fiel ihm ein: "Das ist nicht genau wie im Knast, aber vergleichbar." Danach setzte es erst einmal eine saftige Abreibung für die Freundin mit den frisch gemachten Haaren.

Elvir und Mario sind die Verlierer der Show. Dafür wurden sie von den Scouts eingekauft. Als Hampelmänner, die im Leben nichts auf die Kette kriegen. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn sie ihre vierwöchige Schicht in der Wirklichkeitsfabrik "Erwachsen auf Probe" beendet haben. Doch davor kommen noch die Kleinkinder, danach die Schulkinder und am Ende die fast gleichaltrigen Halbstarken zum Erziehungstest. Dann sind Teenager die Eltern von Teenagern. Das heißt also, sie bekamen als Babys Babys. Das ist eine interessante Welt. Die gibt es nur bei RTL.

Von Mark Stöhr
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
ewigerkritiker (11.06.2009, 13:12 Uhr)
Entschuldigung
@ freee & stern.de
Ich habe mich eben durch diverse Artikel zu journalistischen Darstellungsformen gelesen und muss zugeben - Sie haben selbstverständlich Recht! Ihrer journalistischen Pflicht ist nach der Trennungsregel Genüge getan, indem Sie den Artikel mit Namen des Autoren gekennzeichnet haben. Das dies so einfach ist, wusste ich nicht und entschuldige mich hiermit für meine Kritik an der Darstellungsform.
Ob und wieso der Artikel selbst eine Satire sein soll, bleibt mir weiterhin ein Rätsel.
Natürlich bin ich einer Meinung mit Herrn Mark Stöhr, halte aber weiterhin die Verwendung von Worten wie "beknackt", "Honks" und "Depp der Nation" eher für Polemik, als für gelungene, intelligente Satire.
Aber dies ist meine persönliche Meinung.
kritische Grüße ;)
hiro42 (11.06.2009, 11:37 Uhr)
Verdammt
Diese Perle der deutschen Fernsehunterhaltung ist bisher völlig an mir vorbei gegangen. Danke Stern das Sie mich auf dieses grossatige Sozialexperiment aufmerksam gemacht haben. Ab jetzt werde ich keine Sendung mehr verpassen!
logon (11.06.2009, 11:31 Uhr)
Ich wäre
für eine zeitweise Lockerung der Alkoholgesetze für Jugendliche, damit sich solche Fälle von verschwendeter Haut regelmäßig totsaufen.......notschlachten darf man die ja leider nicht.
ewigerkritiker (11.06.2009, 11:15 Uhr)
@freee
ja - SIE sind hier gut aufgehoben, immer draufhauen, persönliche Angriffe starten, hauptsache dagegen.
Das entspricht in etwa dem RTL-Niveau. Sie nennen mich "Laberheini"? "solche" können sie nicht ab? Was stört sie? Dass jemand nicht im Zuge der "medialen Gleichschaltung" alles abnickt, wo ein Sender-/Verlagslabel draufklebt? Dass jemand mehr schreibt, als ein durchschnittlicher BILD-Artikel Worte hat? Äussern sie sich sachlich. Oder sollte auch dies eine Satire gewesen sein?
Oder liebe(r?) freee - sind SIE gar der Autor des "Artikels"? Das würde Ihre Reaktion natürlich erklären.
Wenn ein Artikel, wie dieser in der Titanic stünde, wenn er als Satire gekennzeichnet wäre, wenn "persönliche Meinung des Verfassers" darüberstünde - dann hätte ich nichts gesagt.
Aber so?
Abgesehen davon habe ich einen Job, der mich ausfüllt. Aber dies nur, um kurz auf Ihr Niveau einzusteigen, freee.
kritische Grüße :)
freee (11.06.2009, 10:55 Uhr)
ewigkritiker
@ewigkritiker:
machen sie sich mal gedanken, wie man eine satire schreibt. richtig, in dem man sich auf das niveau des themas einlässt. sonst hat die satire ja keine bedeutung.
wie ich solche laberheinis nicht ab kann. suchen sie sich einen job der sie aufüllt.
Gisella (11.06.2009, 10:28 Uhr)
auwei-auwei-
und das ist unsere "Zukunft".
ewigerkritiker (11.06.2009, 10:08 Uhr)
Versteckte Kritik? Satire?
Liebe Leser des Artikels "Erwachsen auf Probe" - beim Lesen dieses "Artikels" fiel mir eines sofort auf - der werte Autor bedient sich stilistischer Mittel, die offensichtlich zum besseren Verständnis seitens der RTL Zuschauer beitragen sollen. Er lässt sich nämlich auf ein Niveau herab, das, wenn überhaupt, jenes einer grossen Tageszeitung mit 4 Buchstaben erreicht. (als kurzer Hinweis - es kann ja sein, dass SIe gar nicht wissen, wie ich darauf komme, sei mir das Zitat einer Textpassage erlaubt, die exemplarisch für den ganzen "Artikel" stehen mag: "Erwachsen auf Probe" ging weiter und zwar genauso beknackt wie zuvor. Dieser verlogene Murks verdient keine moralische Entrüstung mehr. Er ist nur zu ertragen als Realsatire. In den Hauptrollen: Elvir und Mario, die beiden Honks zum Heulen.)Sie verstehen? - "beknackt", "verlogene Murks", usw... dies spiegelt eine verständliche, allerdings persönliche Meinung wieder.
Ich mag falsch liegen und mir hier meinerseits Kritik einhandeln, allerdings habe ich in mener Schulzeit gelernt, dass ein Merkmal korrekter journalistischer Tätigkeit vor allem Sachlichkeit ist. Sollte man als Autor nicht dazu in der Lage sein, wäre der Beitrag unmissverständlich als KOMMENTAR zu kennzeichnen. Nun habe ich aber keinesfalls Journalismus, geschweige denn überhaupt studiert ;)
Unbesehen davon bleibt, dass der Sender RTL seinem Niveau weiterhin treu bleibt und sich als Quelle seriöser Information systematisch ins Abseits drängt. Das der Stern hier aber begeistert in selbe Horn stösst, stösst (um bei den Metaphern zu bleiben) MIR übelst auf.
Also, liebe Redaktion - ich hoffe, dass Leserkommentare von Ihnen gegengelesen werden - Ihre Artikel sollten die gleiche sorgfältige Kontrolle erfahren.
Denn als Quelle seriöser Information... sie wissen was ich meine.
Sollte ich mit meiner Einschätzung völlig falsch liegen, lassen Sie es mich bitte wissen - und kennzeichnen Sie Ihre Artikel inhaltsgerecht als "Kommentar".
kritische Grüße aus Hamburg
etobicoke (11.06.2009, 10:04 Uhr)
sorry....
...ich habe den artikel nicht gelesen, da mich das thema nicht interessiert. kann man nicht über etwas wichtigeres berichten? zum beispiel hat hier in der innenstadt eine neue heißmangel aufgemacht...
traldors (11.06.2009, 09:48 Uhr)
RTL (...)
hat seine "run time library" geschreddert, das mal sicher. Bei mir sind diverse private Sender "rausgeflogen". Mich interessiert weder deren Shice den sie senden noch die Filme die allesamt vorher gekürzt und mit Werbung verseucht sind. Da kommuniziere ich lieber mit der Tapete.
sininen (11.06.2009, 09:33 Uhr)
Freude an Realsatire
Ja, ich gebe es zu. Trotz hohem Bildungsabschlusses und gutem Buch neben dem Sofa habe ich mir die Sendung mit Genuss gegeben. Das ist kein Unterschichtenfernsehen im klassischen Sinne weil der Lebensbezug sowie die Langeweile fehlen!
Das ist Realsatire at its best!!
Die beiden Volldeppen Mario und Elvir sind dermassen daneben, dass ich minutenlang gackernd vor der Kiste hing. Erkan und Steffan aber WESENTLICH realistischer.
Freundin von Elvir (im Supermarkt):
"Schatz, kannst du mal bitte bei Seite gehen/helfen?"
Elvir: "Fuck you, fuck you, ey mann, fuck you"
Später Elvir: "Ey, isch will, dass meine Freundin mit mehr Respekt mit mir redet, das finde isch scheisse, so wie die mich anlabert."
(das ist jetzt nicht ganz wortwörtlich aber nah dran)
Natürlich ist es fies und böseböse, sich über wehrlose Teenager lustig zu machen. Aber sie merken es ja nicht. Die merken allerdings wirklich auch sonst nicht mehr viel.
Einfach der Hammer.
Zum schlapplachen ;-D
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