Im Juni startet RTL die Doku-Soap "Erwachsen auf Probe". Weil dort Säuglinge vier Tage lang in die Obhut von Teenagern gegeben werden, reagieren Experten bereits vorab empört. Jetzt kündigen auch Politiker mit markigen Worten Widerstand an. Von Carsten Heidböhmer

Moderatorin Katja Kessler (4.v.r.) mit den Teilnehmern der Sendung "Erwachsen auf Probe"© RTL/Frank Hempel
"Ich bin sozial, offen und durchsetzungsstark" - so stellt sich Schleswig-Holsteins Kinder- und Jugendministerin Dr. Gitta Trauernicht in einem bei RTL ausgestrahlten Beitrag selbst vor. Genau gegen diesen Sender möchte die Politikerin ihre Durchsetzungsstärke unter Beweis stellen: Die Ministerin zeigte sich "entsetzt" über eine von RTL angekündigte Doku-Reihe, in der Säuglinge und Kleinkinder von ihren Eltern getrennt und für mehrere Tage in die Obhut von Teenagern gegeben werden. "Ich werde alle denkbaren Aktivitäten ergreifen, um dies zu unterbinden", erklärte Trauernicht in Kiel. "Ich sehe hier das Kindeswohl gefährdet. Solche Vorhaben sind gänzlich ungeeignet und unmoralisch."
Zuvor hatten sich bereits mehrere Experten kritisch zu dem geplanten RTL-Format geäußert. Der Kölner Sender hatte vor einigen Wochen angekündigt, am 3. Juni eine neue Doku-Soap zu starten. In "Erwachsen auf Probe" müssen sich vier Teenie-Paare im Zeitraffer von Schwangerschaft bis zur Pubertät als Eltern behaupten. Zunächst wird eine Schwangerschaft simuliert, später müssen sich die Teenager als junge Eltern um ein Neugeborenes kümmern, das mit einem Dummy simuliert wird. Wenn die Paare diese Prüfung bestehen, bekommen sie einen echten Säugling anvertraut.
Vier Tage werden die Teenager mit dem Säugling in ein Haus ziehen und sich rund um die Uhr um das Kind kümmern. Zwar können die leiblichen Eltern ihr Baby aus dem gegenüberliegenden Haus über Monitore beobachten und das Experiment jederzeit abbrechen - die Säuglinge werden aber für diese vier Tage aus der elterlichen Obhut gerissen und in eine andere Umgebung verpflanzt.
Genau an diesem Punkt stoßen sich viele Sachverständige. "Diese Sendung setzt die Kinder einem hohen Risiko aus, ist somit Kindeswohlgefährdung und nicht hinnehmbar", sagt Paula Honkanen-Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund. Kinder im Alter von neun bis 14 Monaten seien in einer hochsensiblen Phase und reagierten entwicklungsbedingt mit Angst und Abwehr auf fremde Personen. "Indem RTL diese Kinder existenziellen Ängsten aussetzt, nimmt der Sender die Entstehung einer Bindungsstörung bei den Kindern billigend in Kauf", so Honkanen-Schoberth weiter.
RTL weist darauf hin, dass eine Kinderpsychologin, eine Ärztin sowie erfahrene Erzieherinnen bei dem TV-Experiment rund um die Uhr anwesend seien. Für den Kinderschutzbund ist das jedoch keine Lösung: "Diese Experten können die Kinder weder trösten, noch ihnen die Ängste nehmen", so Honkanen-Schoberth. Protest kommt auch von anderen Sachverständigen. Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" erwägt der Münchner Psychosomatiker Karl Heinz Brisch gar, gegen den Sender und die Eltern Anzeige wegen Kindesmisshandlung zu erstatten.
Auch die Kinderkommission des Deutschen Bundestags schaltete sich ein: "Wir fordern RTL dringend auf, die Serie nicht auszustrahlen und keine weiteren, die Entwicklung der Kinder gefährdenden, gleich gearteten Sendungen mehr zu produzieren", erklärte die Kommission in Berlin. Das Kindeswohl sei selbst durch psychologische Betreuung im Umfeld nicht gesichert. Der Hebammenverband sprach gar von einer "neuen Form der Prostitution".
RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger verwies dagegen auf die kontinuierlich steigende Zahl der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland. Die Sendung sei ein Eignungstest für Jugendliche mit Kinderwunsch, bei dem sie Familienkompetenz erlernten und Verantwortung für sich, den Partner und Kinder übernähmen.
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