RTL-Kinderexperiment unter Beschuss

14. Mai 2009, 16:38 Uhr

Im Juni startet RTL die Doku-Soap "Erwachsen auf Probe". Weil dort Säuglinge vier Tage lang in die Obhut von Teenagern gegeben werden, reagieren Experten bereits vorab empört. Jetzt kündigen auch Politiker mit markigen Worten Widerstand an. Von Carsten Heidböhmer

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"Erwachsen auf Probe", RTL, Baby-Doku

Moderatorin Katja Kessler (4.v.r.) mit den Teilnehmern der Sendung "Erwachsen auf Probe"©

"Ich bin sozial, offen und durchsetzungsstark" - so stellt sich Schleswig-Holsteins Kinder- und Jugendministerin Dr. Gitta Trauernicht in einem bei RTL ausgestrahlten Beitrag selbst vor. Genau gegen diesen Sender möchte die Politikerin ihre Durchsetzungsstärke unter Beweis stellen: Die Ministerin zeigte sich "entsetzt" über eine von RTL angekündigte Doku-Reihe, in der Säuglinge und Kleinkinder von ihren Eltern getrennt und für mehrere Tage in die Obhut von Teenagern gegeben werden. "Ich werde alle denkbaren Aktivitäten ergreifen, um dies zu unterbinden", erklärte Trauernicht in Kiel. "Ich sehe hier das Kindeswohl gefährdet. Solche Vorhaben sind gänzlich ungeeignet und unmoralisch."

Zuvor hatten sich bereits mehrere Experten kritisch zu dem geplanten RTL-Format geäußert. Der Kölner Sender hatte vor einigen Wochen angekündigt, am 3. Juni eine neue Doku-Soap zu starten. In "Erwachsen auf Probe" müssen sich vier Teenie-Paare im Zeitraffer von Schwangerschaft bis zur Pubertät als Eltern behaupten. Zunächst wird eine Schwangerschaft simuliert, später müssen sich die Teenager als junge Eltern um ein Neugeborenes kümmern, das mit einem Dummy simuliert wird. Wenn die Paare diese Prüfung bestehen, bekommen sie einen echten Säugling anvertraut.

Eltern können jederzeit einschreiten

Vier Tage werden die Teenager mit dem Säugling in ein Haus ziehen und sich rund um die Uhr um das Kind kümmern. Zwar können die leiblichen Eltern ihr Baby aus dem gegenüberliegenden Haus über Monitore beobachten und das Experiment jederzeit abbrechen - die Säuglinge werden aber für diese vier Tage aus der elterlichen Obhut gerissen und in eine andere Umgebung verpflanzt.

Genau an diesem Punkt stoßen sich viele Sachverständige. "Diese Sendung setzt die Kinder einem hohen Risiko aus, ist somit Kindeswohlgefährdung und nicht hinnehmbar", sagt Paula Honkanen-Schoberth vom Deutschen Kinderschutzbund. Kinder im Alter von neun bis 14 Monaten seien in einer hochsensiblen Phase und reagierten entwicklungsbedingt mit Angst und Abwehr auf fremde Personen. "Indem RTL diese Kinder existenziellen Ängsten aussetzt, nimmt der Sender die Entstehung einer Bindungsstörung bei den Kindern billigend in Kauf", so Honkanen-Schoberth weiter.

RTL droht Anzeige wegen Kindesmisshandlung

RTL weist darauf hin, dass eine Kinderpsychologin, eine Ärztin sowie erfahrene Erzieherinnen bei dem TV-Experiment rund um die Uhr anwesend seien. Für den Kinderschutzbund ist das jedoch keine Lösung: "Diese Experten können die Kinder weder trösten, noch ihnen die Ängste nehmen", so Honkanen-Schoberth. Protest kommt auch von anderen Sachverständigen. Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" erwägt der Münchner Psychosomatiker Karl Heinz Brisch gar, gegen den Sender und die Eltern Anzeige wegen Kindesmisshandlung zu erstatten.

Auch die Kinderkommission des Deutschen Bundestags schaltete sich ein: "Wir fordern RTL dringend auf, die Serie nicht auszustrahlen und keine weiteren, die Entwicklung der Kinder gefährdenden, gleich gearteten Sendungen mehr zu produzieren", erklärte die Kommission in Berlin. Das Kindeswohl sei selbst durch psychologische Betreuung im Umfeld nicht gesichert. Der Hebammenverband sprach gar von einer "neuen Form der Prostitution".

RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger verwies dagegen auf die kontinuierlich steigende Zahl der Teenager-Schwangerschaften in Deutschland. Die Sendung sei ein Eignungstest für Jugendliche mit Kinderwunsch, bei dem sie Familienkompetenz erlernten und Verantwortung für sich, den Partner und Kinder übernähmen.

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KOMMENTARE (10 von 15)
 
sportartmakler (15.05.2009, 11:13 Uhr)
wann wird experte endlich mal zum unwort?
sehe das kindeswohl nicht gefährdet, bin aber natürlich auch kein eksberte.
alles wird jederzeit überwacht und die kinder werden ihren eltern nicht entrissen. in der grippe müssen babys auch mit "fremden" menschen "zurecht" kommen. immer noch besser die kleinen schreien in der situation, als wenn se dann später komplett fremdeln. aber was wissen schon ottonormalbürger wenn es experten gibt, auch noch aus der politik....
ansonsten ist mir das format eindeutig zu langweilig.
sternchen72 (15.05.2009, 09:03 Uhr)
Heidewitzka
Ich als Tagesmutter von Kindern zwischen 6 Monaten und 3 Jahren kann da echt nur rythmisch den Kopf an die Wand schlagen.
Hoffentlich wurden die KLeinen wenigstens schrittweise und ausreichend lange an die neuen "Eltern" gewöhnt. Ein echtes Rätsel, warum Leute ihre Kinder derart präsentieren müssen.
dr_sobal (15.05.2009, 08:31 Uhr)
BBC Baby Borrowers
Das Format gabs schon vor Jahren in Großbritannien und zwar sehr erfolgreich. Die Reihe wurde auch im Unterricht verwendet und es gibt richtige Lehrpläne von der BBC dazu. Hab das ganze selbst im Unterricht verwendet.
Hier "leihen" die Jugendlichen aber auch Teenager und später Rentner aus und stoßen bei allen Altersgruppen sehr schnell an ihre Grenzen.
Der Unterschied liegt hier wohl darin, dass die BBC das ganze weniger kommerziell und reißerisch bearbeitet hat.
Spocks_Kommentar (14.05.2009, 20:52 Uhr)
Schluß mit Krokodilstränen..
Vorab: Ich find das Format auch blöd. Aber.......
Viel schlimmer sind die gespielte Erregung dieser dubiosen angeblichen Kinderschützer wie Frau Trauernicht und Frau Honkanen-Schoberth.
Jeden 2. Tag wird ein Kind von seinen Eltern in Deutschland bei der "Erziehung" ermordet. Hört man dazu jedes mal, also 3x die Woche Frau Trauernicht und Frau Honkanen-Schoberth? NEIN!
Was tun die ach so besorgten Jugenämtern mit mißhandelten Kindern? Sie bringen die Ausreisser heim, weil die Familie so gut ist.
Und wo sind die ganzen Jugendpsychologen und Sozialarbeiter und was so sonst noch kreucht und fleucht und sich jetzt aufregt, wenn Kinder wirkliche Probleme haben? Hinterm Busch in Deckung.
Einzig Katharina Saalfrank hat aber auch nur ein einziges Mal einen Aufstand gemacht - übrigens dank Fernsehen.
Kinderschutz ja. Kindeswohl, unbedingt. Aber wahlkampfgerechte Betroffenheit über eine Blödheit eines Fernsehsenders nicht.
Die Sendung ist doof, aber nicht der Untergang des Abendlandes.
Bei 200 jährlich von ihren Eltern erschlagenen Kindern sieht das schon anders aus.
Dazu möchte ich Frau Frau Trauernicht und Frau Honkanen-Schoberth hören und das soll sie zuerst beseitigen.
Dann kann sie sich von mir aus wieder um RTL kümmern. Und wenn sie das nicht begreift, gehört sie nicht in ein Ministerium, sondern an den heimischen Herd, am besten ohne Kinder, damit sie keinen Schaden machen kann.
hosiannarunner (14.05.2009, 20:49 Uhr)
Es reicht!
Wenn Erwachsene sich im Dschungel oder bei irgendwelchem Superstar-Geträller blamieren, ist das ihre Sache. Wenn ein Sender aber vor gar nichts mehr zurückschreckt, dann sollte man ihn vielleicht besser boykottieren. Und die Erziehungsberechtigten, die ihre Kinder dafür hergeben, sollten mal genau hinterfragt werden, ob sie selber überhaupt erziehungsfähig sind.
steinhardt (14.05.2009, 19:29 Uhr)
RTL gehört schon lange angeschaltet
Solche Sender sind Miterzeuger der "Generation Doof"
Im Namen der Medienfreiheit können sie sich hierzulande alles erlauben.
PPSS (14.05.2009, 19:06 Uhr)
wer ist da hirnloser
Die Nummer von RTL ist auf jeden Fall extrem grenzwertig.
Aber nicht viel Hirnloser sind doch Politker, die den Anlass für die Show (die steigende Anzahl der Teenagerschwangerschaften) nicht Thematisieren, aber Krawall schlagen, nur sie ein Aufmerksamkeitsdefizitssyndrom hat...
kepe (14.05.2009, 19:01 Uhr)
Da verschlägt es mir die Sprache
ein Beweis mehr, dass Kinder keine Menschenrechte haben, sondern als Objekt betrachtet werden. Der "Knacks" hat wohl schon stattgefunden; ich gehe davon aus, das bereits produziert wurde.
Dass man so tief sinken kann ....
Bebuquin (14.05.2009, 18:53 Uhr)
Gibt es für sowas nicht...
... Plastikpuppen mit entsprechender Technik, die die Fürsorge registriert und damit am Ende des Tests Aufschluß über die Betreuung ermöglicht?
.
Oder will RTL auf diese Weise den Ruf als White-Trash-Sender aufrecht erhalten?
sternchen2007 (14.05.2009, 18:41 Uhr)
Das Schlimme ist...
..., dass solche Sendungen ja nur dafür gemacht sind, damit etwas schief läuft, denn sonst wäre es ja für die Zuschauer unspektakulär! Das heißt, es wird billigend in Kauf genommen oder sogar gewünscht, dass dem Elternpaar auf Probe eine Panne nach der anderen passiert. Wer will schon sehen, wie alles klappt?
Die armen Säuglinge haben ihren Knacks dann weg, aber bei Eltern, die ihr Baby für so etwas frei geben, war es bestimmt nicht der erste Knacks...
Regt sich noch jemand auf, dass vor drei Wochen drei Kinder alleine in einer Pizzeria in Italien zurückgelassen wurden? Das ist dagegen ja schon fast verantwortungsbewußt...
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