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4. Juni 2009, 06:37 Uhr

Teenager unter Kontrolle

Bis zuletzt versuchten Kinderschutzverbände die RTL-Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" zu verhindern. Gestern wurden die ersten beiden Folgen ausgestrahlt. Der vorgebliche Eignungstest für Teenagereltern entpuppte sich als fiese Freakshow. Um die Leih-Babys muss man sich dabei weniger Sorgen machen. Um die Jugendlichen um so mehr. Von Mark Stöhr

RTL, Baby, Erwachsen auf Probe, Klage, Verwaltungsgericht, Köln, Baby-Show

Hier sind es noch Trockenübungen mit einer Babypuppe, doch in der RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe" werden jungen Paaren auch echte Babys anvertraut© RTL

Elvir hatte einen Traum. Er träumte, dass ihn seine Freundin Nadine betrogen hat. Das war schlimm. Denn der 17-Jährige liebt Nadine über alles. "Sie hat ein gutes Herz", sagt er, "und sie ist sauber." Das ist die halbe Miete. Doch eines stört ihn gewaltig: Nadine steht auf schwarze Männer. Wenn sie Lieder hört, die von schwarzen Männern gesungen werden, flippt er schon mal aus. Oder wenn sie "asozial" mit ihm redet und keinen Respekt zeigt. Einmal hat er ihr eine gelangt dafür, seitdem ist Ruhe.

Nadine hat die Lektion verstanden. Sie versteht auch, dass Elvir nicht arbeiten kann. Er hat es in einer Waschstraße versucht. Nach zwei Autos war Schluss, keine Kraft mehr. Er war so fertig, dass er "nicht mehr richtig denken konnte." Und dann diese schreckliche Nacht mit dem Traum. Er legte sich vor lauter Träumen auf die Puppe mit dem Computerchip drin. Am nächsten Morgen machte sie keinen Mucks mehr. "Es ist schlimm, dass ich das Baby getötet habe", sagt Elvir. "Schlimmer ist aber, dass mich meine Freundin betrogen hat."

RTL hat ganze Arbeit geleistet

Die Macher von RTL haben wieder ganze Arbeit geleistet. Sie haben im Pool des Prekariats geangelt und verklappen das gefischte Personal ohne Rücksicht auf Verluste. Mit den Freaks zum Kopfschütteln und Totlachen, die bislang über den Kölner Sender gingen, könnte man mittlerweile eine ganze Kleinstadt füllen. In "Erwachsen auf Probe" ist es eine öde Vorortsiedlung. Dort ziehen für vier Wochen vier Teenagerpaare im Alter zwischen 16 und 19 Jahren ein. Jedes Paar bekommt ein eigenes Haus mit einem kleinen Garten davor. Ein Teil muss arbeiten gehen und für den Lebensunterhalt sorgen, der andere baut daheim das Nest. Das gilt auch für Elvir und Nadine, den Möchtegern-Macker ohne Mumm, und das arme Lieschen. Die Aufgabe der Siedler lautet: erwachsen werden. Das Ziel: am besten ohne Kinderkriegen. Denn noch mehr Elvirs und Nadines sind nicht gut für die Gesellschaft.

Die Gesellschaft wird vertreten durch Katja Kessler. Die hat in ihrem früheren Leben die nackten Seite-eins-Mädchen in der "Bild" betextet und Dieter Bohlen bei zwei Büchern als Ghostwriterin assistiert. Mittlerweile ist sie mit "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann verheiratet und hat mit ihm vier Kinder. Katja Kessler ist in dieser Show der Chancenlosen die Super-Nanny und die Stimme der bürgerlichen Vernunft. Sie analysiert die Fehler der Jugendlichen und gibt ihnen Ratschläge. Sie will ihnen ein kreuzbraves, durch und durch spießiges Lebensmodell schmackhaft machen, das im Wesentlichen auf Arbeit und Anpassung beruht. Selbst Lehrerkinder würden bei einem solchen Lehrgang die Krise kriegen.

Dauerqualmende Zombies

Doch RTL wäre nicht RTL, wenn es sich um ein ernsthaftes Experiment handeln würde. Die vorgebliche Persönlichkeitsbildung zielt ausschließlich auf Stress und Überforderung der Probanden. Genüsslich wird ein Pascha und Kraftprotz wie Mario auseinandergenommen, der zig Anzeigen wegen Körperverletzung und Diebstahl laufen hat und sich nun als Pantoffelheld und Papa beweisen soll. Bastian, ein durchaus sympathischer Schluffi, gähnt erst beim Geburtsvorbereitungskurs aus purer Langweile und lässt sich später seiner Freundin gegenüber zu Ausfällen hinreißen, die er im normalen Alltag so wahrscheinlich nicht hätte ("guck in den Spiegel, dann weißt du, was scheiße aussieht"). Und sogar ein Pärchen wie Lila und Sebastian, die einzigen Gymnasiasten im Camp und in der Dramaturgie der Soap als Gewinner-Team inszeniert, geht sich fast an die Gurgel. Für alle acht Jugendlichen wäre es schon Ausnahmezustand genug gewesen, überhaupt vier Wochen an einem fremden Ort zusammenzuleben. Der ganze Mumpitz mit künstlichem Schwangerschaftsbauch, computerprogrammiertem Baby-Dummy und dann noch echten Zöglingen macht sie zu dauerqualmenden Zombies. So werden sie zumindest gezeigt.

"Erwachsen auf Probe" startete mit einer Doppelfolge. Durch die Vorstellung der Protagonisten und die Vorbereitungen auf die Test-Elternschaft flackerte in zahllosen Vorausblenden immer wieder der eigentliche dramatische Höhepunkt: Die Kinder kommen! Wie ein feindliches Heer auf Buggy-Rollen näherten sich die Blagen Stück für Stück den Wohngemeinschaften, in denen die Nerven ohnehin schon blank lagen. Die Kinder, manche erst ein paar Monate alt, waren der Grund für die ganze Aufregung im Vorfeld. Noch bis zuletzt hatte das deutsche Familiennetzwerk mit einem Antrag beim Kölner Verwaltungsgericht versucht, die Ausstrahlung der Sendung zu verhindern.

Reifeprüfung mit fragwürdigem Zertifikat

Warum Eltern ihren Nachwuchs für ein solches Projekt hergeben, wurde auch gestern nicht klar. Auffällig war jedoch, dass sie öfter vor den Überwachungsmonitoren in einem Nebengebäude gezeigt wurden als noch in einer älteren Fassung der Folge, die RTL vor zwei Wochen bei einer Pressekonferenz präsentiert hatte. Scheinbar hat sich der Sender die massiven Vorwürfe von Kinderschutzverbänden also doch ein wenig zu Herzen genommen. An der völlig verquasten Versuchsanordnung ändert das gleichwohl nichts. Die Kinder wurden dem unnötigen Stress von Kameras und beknackten Babysittern ausgesetzt, die Teenager einmal mehr mit ihrem Unvermögen konfrontiert. Dass die Babys Schaden genommen haben, ist eher unwahrscheinlich. Der Schaden liegt eher bei Elvir und Co.. Sie haben keine Lobby im Rücken und werden ihre Reifeprüfung mit einem fragwürdigen Zertifikat abschließen: als Deppen der Nation.

Trotz des ganzen medialen Rummels waren die Quoten nur durchschnittlich: 3,03 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 10,7 Prozent) verfolgten den Start der Reihe, in der Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren lag die Quote mit 19,1 Prozent über dem derzeitigen Senderschnitt von rund 17 Prozent.

Von Mark Stöhr
 
 
KOMMENTARE (10 von 21)
 
raptor-xl (04.06.2009, 15:00 Uhr)
dummheit grenzenlos...
...anders kann man das nicht beschreiben. mitmachfernsehen und gewinnchance auf 5000 euro - so wird ein plattes, dümmliches konzept noch aufgewertet, wofür man sich als gesellschaft eines aufgeklärten landes nur noch schämen sollte.
die bildungsarmut breitet sich aus und statt diese zu bekämpfen, bekommt dummheit noch sendezeit und kann sich weiter selbst bejubeln.
kien wunder, dass es die dümmsten sind, die sich dann noch so selbstsicher sind. die klugen schweigen und deren programme werden als nebensparte nach 23.00 uhr irgendwo versteckt.
nicht killerspiele oder comics sind unser problem. unser problem heisst bildung, denn die tritt als deutliche mangelerscheinung in unserer gesellschaft auf.
und vor den dummen muss man dann auch alkohol, killerspiele, feuerzeuge oder kinder verstecken... weil die haben ja nicht gelernt, damit umzugehen.
1valentino (04.06.2009, 14:13 Uhr)
RTL
"Uns geht die Gesellschaft am Allerwertesten vorbei und wir verdienen noch daran". So sollte der hauseigene RTL-Slogan eigentlich lauten. Wie auch immer.
Man kann sich damit beruhigen, das keine vier Prozent der Bevölkerung diesem Moloch-Sender für so einen verdummenden Schwachsinn eine Chance gibt. Trotzdem macht es einen traurig und irgendwie auch wütend, das die einfach struktuierten Menschen (Präkariat) in Deutschland von verantwortungslosen TV Sendern noch blöder gemacht werden, als es uns allen lieb sein kann. Hier wird permanent gegen die Gesellschaft gearbeitet, nur damit es bei ein paar Karrierezombies richtig im Geldbeutel klingelt.
Da nutzt dann auch keine Initiative wie "Du bist Deutschland", wenn die Herren der Chef-Etagen und deren traurige Gehilfen einen permanent mit Exkrementen bombadieren! Irgendwie ist doch immer noch Mittelalter.
bernie-abg (04.06.2009, 12:38 Uhr)
Und jetzt kennen alle...
...die aktuelle Definition von "Bildungsauftrag". Es bedeutet "im Auftrag der BILD(Zeitung).
s4sh81 (04.06.2009, 12:27 Uhr)
Armes Deutschland
Vorweg, habe im Vorfeld schon Artikel über diese, ja was soll man dazu sagen, Show / Horror / Verblödung gelesen und mein gesunder Menschenverstand sagte mir: Das guckst du nicht!
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Der heutige Artikel beschreibt genau das, was ich erwartet habe.
Über die Art und Weise wie er geschrieben wurde, da war ich doch etwas entsetzt.
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Aber heutzutage muss man schon richtig deutlich werden, damit einige Leute aus Ihrem Traum der heilen Welt herausgerissen werden.
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Wenn ich mir dann noch überlege, dass ich knapp 10 Jahre älter bin als diese "Erwachsenen auf Probe" wird mir richtig schlecht.
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Mich wundert allerdings, dass Ursula von der Leyen nichts unternommen hat, oder wollte sie dass die harte Realität gezeigt wird?
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Meine Forderung, auch wenn ich damit Öl ins Feuer giesse, einen Elterntüv einzuführen, der zumindest eine Tauglichkeit der zukünftigen Eltern testet.
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Ansonsten sollte jeder auf den gesunden Menschenverstand hören, denn der Zuschauer ist für das TV Programm verantwortlich.
tri.star (04.06.2009, 11:33 Uhr)
nur eins: abschalten!
mein längerer Kommentar scheint abgestürzt zu sein, deshalb noch mal ganz kurz der Tipp: ABSCHALTEN wenn es anfängt.
Hirnfreund (04.06.2009, 11:18 Uhr)
Unterschichten für die Unterschicht
Diese Sendung ist so belanglos wie billig. Unterhaltung für die Unterschicht aus der Unterschicht von der Unterschicht.
Na und?
butcher99 (04.06.2009, 11:12 Uhr)
RTL
steht doch schon im Kürzel:
Radio Television für Looser
MrMouse (04.06.2009, 10:37 Uhr)
Viel Hype um nix
Die Sendung war Strunzlangweilig und war einzig und alleine darauf ausgerichtet RTL typische Freaks zu zeigen.
Der größte Gag gab es aber am Anfang - wieso bitteschön wird Katja Kessler als "Expertin" vorgestellt ? Die Frau ist doch keine gelernte Erzieherin sondern hat Texte für Aktfotos sowie die Bohlenbücher geschrieben ! So schnell wird man bei RTL zum Experten bloß weil sie 4 Kinder hat. Hatte Katja Saalfrank keine Zeit oder gar keine Lust bei dem Mist mitzumachen ?
gj58 (04.06.2009, 10:35 Uhr)
Dass die Babys Schaden genommen haben, ist eher unwahrscheinlich.
Super Artikel, bis auf den o. g. Satz. Aber man könnte ja zynisch sagen: ist doch eh egal, ob die jetzt in einer "Assi"-Familie (von wo sie wohl eher rekrutiert werden als von den Hätschelbabies der Wohlhabenden), oder da oder sonstwo ihren Knacks wegkriegen ...
Ein Baby nimmt so ungeheuer viel wahr und in sich auf - lernt beispielsweise schon vor der Geburt Teile der sog. "Muttersprache" - dass ich die Art Missbrauch ebenfalls als verbrecherisch und menschenverachtend bezeichnen kann. Das ist kein Stück Vieh, das ist ein Mensch und zwar ein vollständiger inkl. Menschenrechte!
Ein Überwachungsvideo als Schutz und "Eingreifreserve" ist lachhaft. Aber gut, vielleicht dann eben "Abhärtung" gegen das, was die Kleinen dann im späteren Leben sonst noch so erwarten mag.
Gockeline512 (04.06.2009, 10:29 Uhr)
RTL zeigt uns unsere zukünftigen Eltern
Das ist die kommende Elterngeneration!Zum Geschlechtsverkehr reif,aber nicht für Partnerschaft und erst recht nicht für Kinder.In EXAKT wurde ein Beitrag gezeigt wie viele Kinder inzwischen in der Kinderpsychatrie landen und die Wartezeit ist lang da sein Kind unterzubringen.Es zeigt aber nicht nur arme jugendliche ohne perspektive,sondern auch in den oberen Schichten ist das Problem zu beobachten.Menschen die nicht mehr in der Lage sind auf Kleinkinder mit Verantwortung einzu gehen.So verkümmern und verkrüppeln sie geistig emotionell,und die sollen mal unsere alte Generation auffangen?Da hilft auch kein zusätzliches Geld,denn sie bekommen nur Kinder weil es Geld gibt.
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