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22. Mai 2009, 21:31 Uhr

Übertriebener Baby-Alarm

Schon mit der Presseankündigung seiner neuen Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" löste RTL einen Sturm der Entrüstung aus. Sogar Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ist gegen die Serie. Jetzt hat der Kölner Sender Kritiker und Journalisten zur Diskussion eingeladen. Die Fronten bleiben verhärtet. Von Mark Stöhr

Erwachsen auf Probe, RTL, Katja Kessler

Basti, 18, und Tamara, 17, kümmern sich in der umstrittenen RTL-Serie zunächst um eine Puppe, dann um einen echten Säugling© Frank Hempel/RTL

Tom Sänger, Unterhaltungschef von RTL, gab sich zerknirscht. Dass das neue Doku-Format "Erwachsen auf Probe", das am 3. Juni startet, nicht auf durchweg positives Echo stoßen würde, sei ihm klar gewesen. Doch die Intensität der Kritik habe ihn doch überrascht, sagte er. Und die hatte es tatsächlich in sich. Verbände, Politiker und Medienbeauftragte liefen Sturm, noch ohne ein einziges Bild gesehen zu haben. Es handle sich dabei um "eine neue Form der Prostitution", wetterte der Hebammenverband, eine Frauenberatungs-Organisation schlug vor, die "RTL-Voyeure in einen Käfig" zu sperren.

Sogar Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat sich gegen die umstrittene RTL-Reality-Show "Eltern auf Probe" ausgesprochen. "Ich fordere RTL auf, entweder die Sendung zu stoppen oder gründlich zu überarbeiten", sagte von der Leyen dem Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". "Man fragt sich die ganze Zeit: Was ist mit den Kindern? Wo bleiben deren Rechte?", wurde die CDU-Politikerin, die die Serie vorab sehen konnte, weiter zitiert.

RTL sah sich zum Handeln gezwungen. Der Sender lud Kritiker und Journalisten zum Runden Tisch nach Köln ein und präsentierte die komplette erste Folge der Reihe. Das Ergebnis: "Erwachsen auf Probe" ist fragwürdig, aber nicht so schlimm wie befürchtet.

Vier Teenagerpaare zwischen 16 und 19 Jahren wünschen sich ein Kind und legen vier Wochen lang eine Art Eignungstest ab. Jedes Pärchen bezieht ein eigenes Haus und wird nach und nach an die Verantwortung für ein Baby herangeführt. Mit einem künstlichen Schwangerschaftsbauch, einem Geburtsvorbereitungskurs und einem computergesteuerten Säuglings-Dummy. Bestehen sie diese Prüfungen, wird ihnen ein echtes Kind anvertraut. Die leiblichen Mütter sitzen in einem Nebengebäude und können über Kameras das Geschehen verfolgen. Erzieherinnen und Psychologen unterstützen die Teenager bei der Pflege, die Bestseller-Autorin Katja Kessler ("Das Mami-Buch") gibt Ratschläge.

Die Nerven liegen blank

Wie bei den Produktionen des gleichen Genres wie "Die Super-Nanny" oder "Teenager außer Kontrolle" verfährt RTL auch bei "Erwachsen auf Probe" nach dem krachledernen Prinzip: Gut ist, was weh tut. Die Pflegeeltern sind völlig überfordert von der Situation. Kinder sind früh wach, haben Hunger und schreien manchmal lauthals. Die Teenager wissen teilweise nicht, wie die Mikrowelle funktioniert, welcher Babybrei der richtige ist und füttern das Kleine in einem Fall erst mittags um halb zwei - mit Toastbrot. Die Nerven liegen blank, die Beziehungen werden auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Als einer der Nachwuchsväter das Baby auf dem Wickeltisch liegen lässt und in den Nebenraum geht, greifen die echten Eltern ein und brechen die Aktion ab. Warum sie sich überhaupt auf das Experiment eingelassen haben, war eine der vielen offenen Fragen.

Die Fronten in der anschließenden Diskussion waren klar. Den RTL-Machern ging es um die Teenager, den Kritikern mehr um die Kinder. Sänger legte eine Statistik vor, nach der Deutschland bei den Teenagerschwangerschaften im EU-Vergleich hinter England und Österreich den dritten Platz belege. Viele junge Mädchen ohne Ausbildungs- und Berufsperspektive sähen die Mutterrolle als "Ersatzlebensmodell". Das Thema habe also soziale Relevanz, so Sänger, die Doku-Reihe einen aufklärerischen Auftrag. Robert Wegner vom Kölner Fachausschuss Kinder- und Jugenddienst fand die Produktion auch nach der Betrachtung "zynisch und menschenverachtend". Die Jugendlichen würden in ihrer Not und Verzweiflung vorgeführt. An die Adresse von Sänger: "Sie tun damit nichts Gutes!"

Renate Blum-Maurice vom Kinderschutzbund Köln störte, dass die Kinder wie Puppen behandelt würden, "die einer bestimmten Gebrauchsanweisung unterliegen." Mit keinem Wort würde erwähnt, was die Trennung von ihren Müttern für die Kinder bedeute - "kein Wunder, dass sie sich manchmal nicht beruhigen ließen." Für Klaus-Peter Völlmecke vom Kölner Jugendamt lag der "ethische Knackpunkt" des Ganzen darin, dass die Eltern ihre Babys in eine Situation gegeben hätten, in der sie mehr Probleme hatten, als wenn sie zu Hause geblieben wären. Er verlangte von Sänger gar die Adressen der verantwortlichen Personen.

Bilder zeigen nur die halbe Wahrheit

Eine der Mütter saß in der Runde. Sie habe oft direkt hinter der Kamera gestanden und ihr Kind nicht aus den Augen gelassen. Zudem habe ihr Sohn viel öfter gelacht, als es im Zusammenschnitt zu sehen gewesen sei. Das gestanden sogar die Macher ein und leisteten einen dramaturgischen Offenbarungseid: Es bestehe ein Unterschied zwischen dem, was tatsächlich passiert ist und den gezeigten Bildern um der Wirkung willen. Das überrascht nur mäßig. Die letztliche Motivation aber, das eigene Kind einem solchen Stress aussetzen, blieb bis zuletzt im Dunkeln. Geld? Scheinbar nicht. RTL zufolge bekamen die Eltern lediglich eine Aufwandsentschädigung im "unteren dreistelligen Bereich". Man will es kaum glauben.

Bastian, einer der Protagonisten der Soap, verstand die ganze Aufregung nicht. Kinder würden auch heulen, wenn die Mutter dabei sei, sagte er. Für ihn hat die Reihe nur positive Aspekte: "Bestimmt 90 Prozent der Jugendlichen denken danach "krass" und überlegen sich nochmal genau, ob sie Kinder kriegen sollen oder nicht." Er habe seinen Kinderwunsch jedenfalls erstmal verschoben. Das galt auch für die Friedenspfeife zwischen RTL und seinen Kritikern. Man will beim nächsten Mal vor einer solchen Produktion miteinander sprechen und nicht erst danach, lautete die halbgare Vereinbarung. Vielleicht wurde auch einfach ein bisschen viel Lärm um ein Format gemacht, das gefährlicher daherkommt, als es in Wirklichkeit wahrscheinlich ist. "Guckt‘s euch doch einfach an", sagte Bastian zum Schluss, "ich würde jetzt nämlich echt gerne eine rauchen."

Von Mark Stöhr
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Crossbow (23.05.2009, 22:31 Uhr)
Was ist so schlimm daran...
...junge Leute mal Familie proben zu lassen? Unter strengster Aufsicht, versteht sich. Vielleicht kommen dann weniger Säuglinge in die Kinderklappe oder in den Müll. Ich verstehe die Aufregung nicht und - Gott ist meine Zeuge - ich bin wahrlich kein RTL-Zuschauer.
Vincent_Vega (23.05.2009, 15:44 Uhr)
@grafbyte
"aber alles was in richtung verdummung geht wir einfach vom publikum nicht angenommen! a.. armes dummes deutschland.. es gibt keine grenzen der verdummung hier :/"
Dürfen wir lachen oder möchten Sie, dass wir weinen. Die professionelle Verarsche des Publikums zugunsten der Schlagzeilen in Hoffnung auf noch mehr Einnahmen ist weltweit gleich. T.A.T.U. war doch eine kleine russische Popgruppe aus zwei ebenso hübschen wie -angeblich- lesbischen jungen Frauen. Warum wurde da auf "Lesbisch" gemacht? Damit der niedere Instinkt der Leute angesprochen wird.
Niedere Instinkte hie und niedere Instinkte da.
Und was es heute noch nicht in Ihrem PAradies Ex-Ostblock gibt - aber dafür eben morgen- , in Westeuropa aber schon, war gestern noch in den USA.
Ätsch!!!
Cienne (23.05.2009, 14:19 Uhr)
Oje
Kinder sollten keine Kinder haben, basta.
Mag sein, dass ich da zu "konservativ" eingestellt bin, aber das geht einfach nicht.
Man muss doch mal an die Kinder denken, was denen für eine Zukunft blüht, wenn die Eltern gerade mal 18 sind und weder arbeiten noch richtig zur Schule gehen können....
traurig
screne (23.05.2009, 13:31 Uhr)
@Xennia
Als ob RTL jetzt missionarisch tätig ist... Hier gehts nicht um einen uneigennützigen Dienst an der Gesellschaft, sondern um um Unterhaltung, Quote und Geld. Und dafür werden hier Babys benutzt.
Xennia (23.05.2009, 13:28 Uhr)
nur keine Teenagerschwangerschaften
Wenn die neue RTL-Serie vor Teenagerschwangerschaften warnen möchte, ist sie auf jeden Fall sinnvoll und gerechtfertigt. Man schaue sich nur mal auf deutschen Straßen um, wieviele Mädchen schon einen Kinderwagen schieben erschreckend. Den meisten von ihnen ist vorher nicht klar gewesen, wie extrem anstrengend ein Baby und ein Kleinkind ist. Schlimm nicht nur für die junge Mutter, sondern vor allem für die armen Würmchen, die ein Kind als Mutter haben und entsprechend geringere Chancen haben, psychisch gesund aufzuwachsen.
grafbyte (23.05.2009, 12:03 Uhr)
in polen würde das nie durch kommen!!
so neumodern wir auch hier leben so viel schei**e fressen wir auch 0o .. da sind die polen, russen... irgendwei besser dran! da kommt auch viel mist ind er glotze.. aber alles was in richtung verdummung geht wir einfach vom publikum nicht angenommen! also nur in deutschland ist sowas irgendwie möglich dass der statt sein volk nicht vor so einem mist schützt.. wie der dreck superstar, big brother, irgendwelche schauspieler rechtanwälte die eien tägliche show bekommen, oder jetzt das heir.. armes dummes deutschland.. es gibt keine grenzen der verdummung hier :/
jeanclaude (23.05.2009, 08:54 Uhr)
endlich haben unsere psychologen wieder etwas zu meckern...
wie ich dieses psychovolk hasse...
warum überlegt niemand diesen ganzen berufstand abzuwracken?
die leben lichtjahre von der realität entfernt.
anstatt ihrem job nachzugehen,sich um die zig tausend kinder zu kümmern,die geschlagen,geschändet oder sich selbst überlassen sind,wird sich über einen solchen mist aufgeregt.
giangastone (23.05.2009, 07:38 Uhr)
Ersatzwelt...
Die Trends sind klar und RTL reagiert marktgerecht. Kinder sind zunehmend "Mangelware". Hatten Jungs und Mädchen früher die Chance mit Geschwisterchen Teilzeitpapi und -mami zu spielen. In der Null-Kind bzw. Einzelkindgesellschaft muss man sich die Babys schon mal ausleihen: RTL machts möglich. Und -oh Schreck- Jugendliche haben Lust, Kinder zu bekommen. Die wollen sich gar nicht in unserer wunderschönen Arbeitswelt mit ihren herrlichen Perspektiven als nützliches Rädchen im Kreis drehen: Pfui! Gott sei Dank, wird RTL zum Jugendpädagogen. Die Zeichen stehn dazu günstiger denn je.
Im Mediendorf Germania (jeder weiß vom nachtbarn alles, von der herzzerreißenden Mehrfach-Abtreibungbeichte einer Kilius bis zu Bett- und Bums-Story) interessiert der mediale Applaus. "Ich bin in der Glotze, also bin ich." Insofern: Voll im Trend, Aufregung ist Nostalgie. Nach Dürrenmatt haben wir diesen Kelch bis zur Neide auszutrinken, es liegt da noch einiges vor uns...
SirDidimus (23.05.2009, 07:27 Uhr)
klingt nach einer
fernsehvariante des allseitsbekannten tamagotchi-spielchen. muss man nicht gucken...
PWB-NZ (23.05.2009, 01:01 Uhr)
Es tut mir leid...
... aber irgendwie finde ich die ganze Idee hinter der Sendung - pervers. Ist das "Unterhaltung in Deutschland?" Ja? Dann Gute Nacht...
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