Schon mit der Presseankündigung seiner neuen Doku-Soap "Erwachsen auf Probe" löste RTL einen Sturm der Entrüstung aus. Sogar Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ist gegen die Serie. Jetzt hat der Kölner Sender Kritiker und Journalisten zur Diskussion eingeladen. Die Fronten bleiben verhärtet. Von Mark Stöhr

Basti, 18, und Tamara, 17, kümmern sich in der umstrittenen RTL-Serie zunächst um eine Puppe, dann um einen echten Säugling© Frank Hempel/RTL
Tom Sänger, Unterhaltungschef von RTL, gab sich zerknirscht. Dass das neue Doku-Format "Erwachsen auf Probe", das am 3. Juni startet, nicht auf durchweg positives Echo stoßen würde, sei ihm klar gewesen. Doch die Intensität der Kritik habe ihn doch überrascht, sagte er. Und die hatte es tatsächlich in sich. Verbände, Politiker und Medienbeauftragte liefen Sturm, noch ohne ein einziges Bild gesehen zu haben. Es handle sich dabei um "eine neue Form der Prostitution", wetterte der Hebammenverband, eine Frauenberatungs-Organisation schlug vor, die "RTL-Voyeure in einen Käfig" zu sperren.
Sogar Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen hat sich gegen die umstrittene RTL-Reality-Show "Eltern auf Probe" ausgesprochen. "Ich fordere RTL auf, entweder die Sendung zu stoppen oder gründlich zu überarbeiten", sagte von der Leyen dem Nachrichtenmagazins "Der Spiegel". "Man fragt sich die ganze Zeit: Was ist mit den Kindern? Wo bleiben deren Rechte?", wurde die CDU-Politikerin, die die Serie vorab sehen konnte, weiter zitiert.
RTL sah sich zum Handeln gezwungen. Der Sender lud Kritiker und Journalisten zum Runden Tisch nach Köln ein und präsentierte die komplette erste Folge der Reihe. Das Ergebnis: "Erwachsen auf Probe" ist fragwürdig, aber nicht so schlimm wie befürchtet.
Vier Teenagerpaare zwischen 16 und 19 Jahren wünschen sich ein Kind und legen vier Wochen lang eine Art Eignungstest ab. Jedes Pärchen bezieht ein eigenes Haus und wird nach und nach an die Verantwortung für ein Baby herangeführt. Mit einem künstlichen Schwangerschaftsbauch, einem Geburtsvorbereitungskurs und einem computergesteuerten Säuglings-Dummy. Bestehen sie diese Prüfungen, wird ihnen ein echtes Kind anvertraut. Die leiblichen Mütter sitzen in einem Nebengebäude und können über Kameras das Geschehen verfolgen. Erzieherinnen und Psychologen unterstützen die Teenager bei der Pflege, die Bestseller-Autorin Katja Kessler ("Das Mami-Buch") gibt Ratschläge.
Wie bei den Produktionen des gleichen Genres wie "Die Super-Nanny" oder "Teenager außer Kontrolle" verfährt RTL auch bei "Erwachsen auf Probe" nach dem krachledernen Prinzip: Gut ist, was weh tut. Die Pflegeeltern sind völlig überfordert von der Situation. Kinder sind früh wach, haben Hunger und schreien manchmal lauthals. Die Teenager wissen teilweise nicht, wie die Mikrowelle funktioniert, welcher Babybrei der richtige ist und füttern das Kleine in einem Fall erst mittags um halb zwei - mit Toastbrot. Die Nerven liegen blank, die Beziehungen werden auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Als einer der Nachwuchsväter das Baby auf dem Wickeltisch liegen lässt und in den Nebenraum geht, greifen die echten Eltern ein und brechen die Aktion ab. Warum sie sich überhaupt auf das Experiment eingelassen haben, war eine der vielen offenen Fragen.
Die Fronten in der anschließenden Diskussion waren klar. Den RTL-Machern ging es um die Teenager, den Kritikern mehr um die Kinder. Sänger legte eine Statistik vor, nach der Deutschland bei den Teenagerschwangerschaften im EU-Vergleich hinter England und Österreich den dritten Platz belege. Viele junge Mädchen ohne Ausbildungs- und Berufsperspektive sähen die Mutterrolle als "Ersatzlebensmodell". Das Thema habe also soziale Relevanz, so Sänger, die Doku-Reihe einen aufklärerischen Auftrag. Robert Wegner vom Kölner Fachausschuss Kinder- und Jugenddienst fand die Produktion auch nach der Betrachtung "zynisch und menschenverachtend". Die Jugendlichen würden in ihrer Not und Verzweiflung vorgeführt. An die Adresse von Sänger: "Sie tun damit nichts Gutes!"
Renate Blum-Maurice vom Kinderschutzbund Köln störte, dass die Kinder wie Puppen behandelt würden, "die einer bestimmten Gebrauchsanweisung unterliegen." Mit keinem Wort würde erwähnt, was die Trennung von ihren Müttern für die Kinder bedeute - "kein Wunder, dass sie sich manchmal nicht beruhigen ließen." Für Klaus-Peter Völlmecke vom Kölner Jugendamt lag der "ethische Knackpunkt" des Ganzen darin, dass die Eltern ihre Babys in eine Situation gegeben hätten, in der sie mehr Probleme hatten, als wenn sie zu Hause geblieben wären. Er verlangte von Sänger gar die Adressen der verantwortlichen Personen.
Eine der Mütter saß in der Runde. Sie habe oft direkt hinter der Kamera gestanden und ihr Kind nicht aus den Augen gelassen. Zudem habe ihr Sohn viel öfter gelacht, als es im Zusammenschnitt zu sehen gewesen sei. Das gestanden sogar die Macher ein und leisteten einen dramaturgischen Offenbarungseid: Es bestehe ein Unterschied zwischen dem, was tatsächlich passiert ist und den gezeigten Bildern um der Wirkung willen. Das überrascht nur mäßig. Die letztliche Motivation aber, das eigene Kind einem solchen Stress aussetzen, blieb bis zuletzt im Dunkeln. Geld? Scheinbar nicht. RTL zufolge bekamen die Eltern lediglich eine Aufwandsentschädigung im "unteren dreistelligen Bereich". Man will es kaum glauben.
Bastian, einer der Protagonisten der Soap, verstand die ganze Aufregung nicht. Kinder würden auch heulen, wenn die Mutter dabei sei, sagte er. Für ihn hat die Reihe nur positive Aspekte: "Bestimmt 90 Prozent der Jugendlichen denken danach "krass" und überlegen sich nochmal genau, ob sie Kinder kriegen sollen oder nicht." Er habe seinen Kinderwunsch jedenfalls erstmal verschoben. Das galt auch für die Friedenspfeife zwischen RTL und seinen Kritikern. Man will beim nächsten Mal vor einer solchen Produktion miteinander sprechen und nicht erst danach, lautete die halbgare Vereinbarung. Vielleicht wurde auch einfach ein bisschen viel Lärm um ein Format gemacht, das gefährlicher daherkommt, als es in Wirklichkeit wahrscheinlich ist. "Guckt‘s euch doch einfach an", sagte Bastian zum Schluss, "ich würde jetzt nämlich echt gerne eine rauchen."