Shala-lie Holland und ojemine Balkan!

15. Mai 2013, 06:30 Uhr

Der Balkan ist überraschend gescheitert, dafür sind die Niederlande zum ersten Mal seit 2004 im ESC-Finale dabei. Lehrt Sängerin Anouk jetzt dem ukrainischen Riesen und Cascada das Fürchten? Von Jens Maier, Malmö

Eurovision Song Contest, Malmö, ESC, Cascada, Schweden, EBU

Anouk macht Holland froh: Endlich dürfen die Niederländer im ESC-Finale wieder ein Lied singen.©

Holländische Schlachtrufe aus Schweden: "Netherlands, Netherlands" skandieren die rund 9000 Zuschauer in der Malmö-Arena einhellig. Fans in Oranje schwenken rot-weiß-blaue-Fahnen. An diesem Abend geht es ihnen nicht um Ajax Amsterdam oder den Koninginnedag, sondern um das Ende einer neunjährigen Schmach. Seit 2004 haben die Niederlande den Einzug ins ESC-Finale verpasst. Nun drohen sie abermals unterzugehen. Neun von zehn Tickets sind bereits vergeben. An wen wird das letzte gehen? Angespannt sitzt die holländische Balladen-Königin Anouk im Green Room, ihre Anhänger in der Halle zittern. Doch dann fallen endlich die erlösenden Worte: "The Netherlands".

Die Niederlande stehen im Finale des Eurovision Song Contest. Zusammen mit Moldawien, Litauen, Irland, Estland, Weißrussland, Dänemark, Russland, Belgien und der Ukraine haben sie beim ersten Semifinale in Malmö den Einzug in die Endrunde am 18. Mai geschafft. Vorjahressiegerin Loreen eröffnete den Abend, unterstützt von einem Kinderchor, mit ihrem Siegertitel "Euphoria". Statt mit immer gigantischeren Hallen und größeren LED-Wänden gelang es den Schweden, mit Witz und Ideenreichtum neue Maßstäbe in der TV-Unterhaltung zu setzen. Ob der animierte Schmetterling als Symbol für die Vielfältigkeit Europas, die Selbstironie der Moderatorin oder die Einbindung der Zuschauer in der Arena mit Leuchtarmbändern: Die Show war - um es in einem Wort zu sagen - grandios.

Weißer Riese und Dampfstrahlgebläse

Dass am Ende nicht alle glücklich waren, lag wohl nur an den Entscheidungen der Jurys und Telefonanrufer. Sechs Teilnehmer mussten die Heimreise antreten. Österreich und Soul-Diva Natlia Kelly vermasselte wohl der undankbare erste Startplatz ein Weiterkommen. Verdient hat sie es nicht. Ganz im Gegensatz zu den Glücksbärchis aus Serbien. Im Pennäler-Outfit hörte sich ihre Darbietung eher an wie eine Schulaufführung. Sitzen, sechs! Auch um die belanglose Zypriotin, die Tenöre aus Kroatien und die Astronauten aus Montenegro mit ihrem Ohren betäubenden Lärm aus Dampfstrahlgebläsen muss es einem nicht leidtun. Zisch und weg. Erstaunlicherweise wie der gesamte Balkan, dem doch sonst gerne vorgeworfen wird, sich die Punkte gegenseitig zuzuschieben. Dabei wäre die Slowenin Hannah mit ihrer Dancehymne "Straight Into Love" eine Bereicherung für den Balladenbrei gewesen, der die Zuschauer am kommenden Samstag erwartet. Es wird geschmachtet, dass es nur so trieft.

Mit der Ukraine und Russland sind erwartungsgemäß zwei hochfavorisierte Balladen weiter gekommen. Trotz oder gerade wegen der kitschigen Inszenierung? Die ukrainische Sängerin Zlata Ohnewitsch wird von einem weißen Riesen im Wikingerkostüm auf die Bühne getragen. Es ist der mit über 2,50 Meter größte Mann der Welt. Derartige Zirkus-Sensationen kann die Russin Dina Garipova nicht aufbieten. Oder halt, sind das nicht die größten Ikea-Lampen der Welt auf ihrer Bühne? Singen können beide Damen aus dem Osten. Ihr Weiterkommen geht völlig in Ordnung, so dass sich "Gravity" und "What if" am Samstag ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Sieg liefern könnten. Dem Szenenapplaus in der Halle nach zu urteilen, würden die Malmöer Zuschauer wohl der Frau mit dem weißen Riesen den Vorzug geben. Doch der wahre Publikumsliebling des Abends trug Nachthemd und Zottelhaare.

Heimspiel für Dänin Emmelie de Forrest

Die Dänin Emmelie de Forrest feierte so etwas wie ein Heimspiel. Mit einem Meer aus rot-weißen Fahnen wurde sie von Tausenden ihrer Landsleute, die den kurzen Weg über die Öresundbrücke nach Malmö gekommen waren, frenetisch begrüßt. "Das war so wow", wird sie hinterher auf der Pressekonferenz über ihre Fans sagen. Party-Time in Malmö. Die kleine Emmelie aus dem Wald enttäuscht nicht. Trommeln, Blechflöte, eingängiger Refrain und eine bombastische Inszenierung mit Pyrowasserfall und Glitzerregen - so sehen Sieger aus. Seit Wochen wird "Teardrops" auf Platz eins gewettet. Doch die Außenseiter lauern. Da wäre zum Beispiel Charmebolzen Ryan Dolan aus Irland. Bislang völlig unterschätzt, könnte er das Damentrio aus der Ukraine, Russland und Dänemark mit seiner Dancenummer "Only Love Survives" noch abfangen. Den homoerotischsten Auftritt hat er schon mal: eingeölte und halbnackte Tänzer. Die Jurys hat er damit vielleicht nicht auf seiner Seite, aber können die Anrufer dazu nein sagen?

Doch dieser Abend führt noch eine weitere Frau ins Feld der Favoriten. Balladenkönigin Anouk aus Holland kämpft jetzt nicht mehr um den Finaleinzug, sondern um die Sangeskrone. Ihre einfühlsame Ballade "Birds" könnte Europa in einen kollektiven Rausch der Gefühle versetzen. Ein Lied, zum Träumen schön. Doch am Donnerstag sind im zweiten Semifinale auch Aserbaidschan und Georgien auf mehr aus. Und schließlich kommt es dann im Finale zum Duell Holland gegen Deutschland, Anouk gegen Cascada, Schmachtballade gegen Dampfhammer.

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Verfolgen Sie, wie unser Autor den ESC erlebt:

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