Erst fielen nur die Hüllen, nämlich die von Dita von Teese. Jetzt fallen auch die Hemmungen: Nachdem der Erotik-Auftritt ein deutsches Debakel beim Eurovision Song Contest in Moskau nicht verhindern konnte, scheint die ARD zu allem bereit. Selbst für eine sündige Kooperation mit der Konkurrenz. Von Katharina Miklis

Oscar singt und Dita zieht ihn aus - genützt hat es nichts© Ulrich Perrey/EPA
Die Prosecco-Laune ist längst verflogen. Die Euphorie, die im deutschen Lager noch bei den Proben zum Eurovision Song Contest herrschte, ist getrübt. Zwei Tage nach dem Debakel von Moskau herrscht Katerstimmung in der ARD-Zentrale. Und die Erkenntnis, dass ein bisschen Busen nicht den Erfolg von "Ein bisschen Frieden" wiederholen kann. Dita von Teeses Striptease brachte das deutsche Duo "Alex Swings, Oscar Sings" nur auf Platz 20. Ein Riesenflop für Deutschland. Mal wieder.
Am Ende ist es doch beruhigend: Der Sieg beim Eurovision Song Contest lässt sich nicht erkaufen. Obwohl Produzent Alex Christensen ("Du hast den schönsten Arsch der Welt") gemeinsam mit seiner Plattenfirma und dem Norddeutschen Rundfunk für viel Geld den Auftritt der US-Burlesque-Tänzerin von Teese erkauft hatte, landete Deutschland auf den hintersten Plätzen. Zu Recht. Anstatt mutig mit einer originellen Idee in den Wettbewerb zu treten, wie der norwegische Grand-Prix-Sieger Alexander Rybak, hechelte der deutsche Beitrag den Erfolgsrezepten der letzten Jahre hinterher: Sex sells. Der Song des Duos Oscar Loya und Alex Christensen "Miss Kiss Kiss Bang" geriet schon lange vor der großen Show in Moskau in den Hintergrund. Das deutsche Team setzte auf die PR-Maschinerie um die Edel-Stripperin von Teese: Was würde sie anziehen, wie viel Haut würde sie zeigen? Der Song von Christensen hingegen wurde im Radio kaum gespielt. Nicht einmal in Deutschland wurde er zum Hit. Zeugt es da nicht von gewisser Arroganz zu erwarten, der Rest Europas würde für ihn stimmen?
Das Konzept des deutschen Beitrags war ebenso leicht zu durchschauen wie peinlich: Wenn wir musikalisch nicht viel zu bieten haben, setzen wir auf Brüste. Auch Sänger Oscar Loya tanzte am Samstag mit offenem Hemd und engem Glitzerhöschen auf der großen Bühne des europäischen Musik-Wettbewerbs, während Dita von Teese im engen Korsett die Peitsche schwang. Am Ende nützte es nichts. Unschuld siegte über Erotik.
Während Alex Christensen das Ergebnis einfach nur "ungeil" findet, zeigt man sich bei der ARD tatsächlich überrascht. Hatte man doch das Siegeskonzept der letzten Jahre so schön abgekupfert und mit dem Luxus-Striptease von Dita von Teese noch einen oben drauf gesetzt.
Jetzt also wieder große Veränderungen. Thomas Schreiber, ARD-Koordinator Unterhaltung: "Für uns heißt das: Wir müssen beim Eurovision Song Contest radikal neue Wege gehen." Wie radikal diese Wege sein könnten, zeigt ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung". Demnach ist für den federführenden NDR sogar eine Kooperation mit der Konkurrenz denkbar. Der Privatsender ProSieben soll nicht nur die jungen Zuschauer bringen, sondern vor allem die Allzweckwaffe Stefan Raab. Bereits heute sollen die ARD-Programmdirektoren bei ihrer Konferenz in Köln über Schreibers Vorschlag beraten, Stefan Raab und seinen Haussender ins Boot zu holen, erfuhr die "Süddeutsche Zeitung" aus ARD-Kreisen.
Schon nach der Pleite im vergangenen Jahr, in dem die "No Angels" den letzten Platz belegten, hatten Deutschlands Grand-Prix-Macher das Verfahren verändert. Statt des TV-Publikums bestimmte eine Jury den deutschen Teilnehmer für den Eurovision Song Contest 2009.
Dass jedes Jahr aufs Neue "alles anders" werden muss, daran hat man sich gewöhnt. Dass man bei der ARD jetzt sogar bereit ist, mit Mephisto einen Pakt einzugehen, zeigt, dass man mit dem Latein am Ende ist. Stellt sich nur die Gretchenfrage: Wird der öffentlich-rechtliche Sender tatsächlich mit den Kommerziellen gemeinsame Sache machen? Stefan Raab veranstaltet bei ProSieben seit vier Jahren die Gegenveranstaltung zum Eurovision Song Contest - den Bundesvision Song Contest. Und das mit großem Erfolg. Dreimal nahm er selbst beim Eurovision Song Contest teil. Immer landete er auf den vorderen Plätzen. Für Guildo Horn komponierte er 1998 "Guildo hat euch lieb" und landete auf Platz sieben. Ein Jahr später trat er selbst mit "Wadde hadde dudde da" auf - es reichte für Platz fünf. Sein Protegé Max Mutzke erreichte 2004 Platz acht.
Immerhin scheint die ARD erkannt zu haben, dass es beim Eurovision Song Contest mittlerweile wieder mehr um die Musik geht. Und nackte Haut keine Garantie für den Sieg ist. Morgen will sich die ARD auf einer Pressekonferenz zu den Gerüchten um die Kooperation mit ProSieben äußern.