Er fordert die Gäste seiner Talkrunde. Reizt sie. Kontert. Nach sechs Jahren "Hart aber fair" lässt die ARD Frank Plasberg nun endlich ins Erste. Die Geschichte eines Journalisten, der es immer allen beweisen wollte, als Chef unerträglich war - und mit wachsendem Erfolg gelassener wird. Von Alexander Kühn

"Ich bin nicht im Widerstand - ich bin im Fernsehen"© Matthias Jung
Manchmal rufen ihm fremde Menschen zu: "Halten Sie durch!" Frank Plasberg antwortet dann etwas wie: "Ich bin nicht im Widerstand - ich bin im Fernsehen!" Oder er trifft am Check-in nach Mallorca auf wohlversorgte Senioren, die über gierige Politiker schimpfen, ihr eigenes Dasein beklagend - worauf er entgegnet: "Ihr wie vielter Urlaub in diesem Jahr ist das eigentlich?" Plasberg, 50, ist nicht Robin Hood und nicht jedermanns Anwalt. "Ich will nur eine gute Sendung machen", sagt er, und dass er dabei oft an seinen Onkel Rudolf denke, Bauer, Hühnerzüchter, politisch rechtsaußen. Der las gründlich Zeitung, schaute Nachrichten - doch in sein Hirn drang nur durch, was seine Weltsicht bestätigte. "Er hatte ein Sieb vorm Kopf ", sagt Plasberg. Und lädt jeden Mittwoch durch, um Siebe bei den Zuschauern seiner Talkrunde "Hart aber fair" zu zerschießen, bislang im Dritten, vom nächsten Mittwoch an im Ersten. Wo Geringverdiener nicht aufs Aussätzigen-Sofa verbannt werden wie bei Anne Will, sondern mitdiskutieren.
Wo Politiker nicht ungerügt Unsinn absondern dürfen, wie Sabine Christiansen es ihnen gestattete. Und wo der Moderator sich aus der Deckung wagt, wie neulich, als Plasberg bei einer Diskussion um Gier und Schnorrer einwarf, er fahre einen Kombi der oberen Mittelklasse, erworben mit 18 Prozent Presserabatt - und herausfordernd in die Runde fragte: "Sie finden das richtig scheiße?" Ein Septemberabend in Leverkusen. Plasberg liest aus seinem Buch "Der Inlandskorrespondent", es erzählt vom ganz normalen Leben, von der 84-Jährigen, die mit 200 Euro im Monat auskommt, vom Koch aus dem Sternerestaurant, der eine Currywurstbude aufgemacht hat. Er freue sich, dass seine Eltern hier sind, sagt Plasberg eingangs, aus Tente, hier um die Ecke, als von hinten eine Frauenstimme ruft: "Dann möchte ich dich bitten, etwas lauter ins Mikrofon zu sprechen!" Plasberg frotzelt zurück: "Vielleicht sollten wir noch mal über das Thema Hörgerät reden, Mutter?" Im Saal: Riesenstimmung. Plasberg, das Einzelkind, ist der Stolz der Eltern.
Wenn er im Fernsehen kommt, sollte man sie nicht anrufen. Und schon gar nicht auf Einlass hoffen. "Der Mittwoch ist uns heilig", sagt seine Mutter. Neulich haben die Eltern ihn gefragt, ob er denn mit seinem Geld auskomme. Gudrun Plasberg, heute 78, war Kinderkrankenschwester, ihr Mann Günter, 80, kaufmännischer Angestellter. In ihrem Häuschen mit den grünen Fensterläden galt stets: Sparen ist seliger als ausgeben. Seine Heimat, das Bergisch Land, sei rau und pietistisch, sagt Plasberg. Sich etwas zu gönnen, mit seiner Frau und den Kindern teuer zu urlauben, schick essen zu gehen, habe er erst lernen müssen. "Ich bin Kleinbürgersohn", sagt Plasberg. "Mein Selbstbewusstsein hängt davon ab, wie fleißig ich bin."
Als er 13 ist, druckt die "Bergische Morgenpost" ein Foto, das er beim Schulfest geschossen hat. Den eigenen Namen in der Zeitung zu lesen, das hat was. Mit 16 jobbt er an der Tankstelle; eines Sonntags, 1973, mitten in der Ölkrise, klingelt der Lokalchef der "Morgenpost" durch: Wie viel kostet der Liter heute? Plasberg sagt, er habe auch eine Frage: Wie wird man Journalist? Kommen Sie vorbei, sagt der Lokalchef. Plasberg wird der Mann für Sportfeste, Hahnenköpfwettbewerbe, der Vater fährt ihn von Termin zu Termin.

Einzelkind mit Eltern: Gudrun und Günter Plasberg bei einer Lesung ihres Sohnes in Leverkusen© Matthias Jung
Mit 18 Volontariat bei der "Schwäbischen Zeitung". Als Polizeireporter nach München zur "Abendzeitung". Von dort zum Radio, SWF 3 in Baden-Baden, damals republikweit der hipste Sender. Fernsehen beim WDR, Moderation und Leitung des Magazins "Aktuelle Stunde". Stellvertretender Chefredakteur. 2001 erstmals "Hart aber fair". Und dann 2005, als Nordrhein- Westfalen wählt, nimmt er sich für die "Tagesschau" die Landespolitiker zur Brust. Neugierig, direkt. So hatte er’s immer gemacht - aber noch nie zur Primetime im Ersten. Die Presse feiert ihn wie ein Nachwuchstalent.
Er sitzt in einer Konferenz, als im vergangenen Januar ein Anruf kommt, es ist der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn mit drei dramatischen Worten: "Jauch hat hingeschmissen." Günther Jauch, der Christiansen nachfolgen und die ARD retten sollte. Wenig später ruft Jauch an: Er wünsche Plasberg Glück - wofür auch immer. Fritz Pleitgen, damals noch Intendant des WDR, sieht die Chance, sich kurz vor dem Ruhestand einen alten Wunsch zu erfüllen: Plasberg soll ins Erste. Jobst Plog indes, Intendant des NDR, ebenfalls auf dem Weg ins Pensionärsdasein, gibt die Parole aus: Da müsse ein Zirkuspferd ran. Und lässt Anne Will aufgaloppieren. Der Deal der alten Männer sieht schließlich so aus: Will am Sonntag, Plasberg mittwochs. Keine Verlierer, nur ein zweiter Sieger.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2007