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7. Mai 2010, 12:06 Uhr

Ist der NDR für sein Publikum zu laut?

Der Norddeutsche Rundfunk wird dieser Tage von einem ganz besonderen Problem geplagt: Immer mehr Zuschauer beschweren sich über zu laute Hintergrundmusik. NDR-Fernsehdirektor Frank Beckmann nimmt das Problem erstaunlich ernst. Von Alexander Kühn

NDR, Norddeutscher Rundfunk, Frank Beckmann

Setzt sich für "konsistente Lautheit" ein: Frank Beckmann, Programmdirektor NDR-Fernsehen© NDR/Marcus Krüger

Man kann nicht behaupten, dass sie beim NDR-Fernsehen in Hamburg kein Gespür dafür hätten, was sie ihrer Stammkundschaft schuldig sind. Vorrangig die Geschichten aus der Heimat sind's, derentwegen die Zuschauer ihrem Regionalfernsehen die Treue halten. Das Dritte im Norden erzählt von Land und Leuten, Mole und Deich, Elbe und Alster. Zu den ergreifendsten programmlichen Vorkommnissen der vergangenen Wochen zählen: ein Beitrag über einen 15-Jährigen, der Plattdeutsch lernt, weil er demnächst beim Ohnsorg-Theater mitspielen darf; eine Reportage über einen Hufschmied; und die Sendung "Pralle Euter, schöne Augen", die von einem Schönheits-Wettbewerb für Kühe berichtete.

Doch nützt das kundenfreundlichste Angebot wenig, wenn's keiner versteht. Was im Fall des NDR keineswegs einer etwaigen intellektuellen Überforderung der Zielgruppe geschuldet ist, sondern dem Einsatz von Akkordeon, Gitarre oder Synthesizer. Fast täglich, so ist aus dem Sender zu hören, beschwerten Zuschauer sich in Briefen und am Telefon über eine zu laute Hintergrundmusik, die ihnen das gesprochene Wort unverständlich mache. (An dieser Stelle sei erwähnt, dass der NDR-Zuschauer im Schnitt 62 Jahre alt ist.)

Entschlossen wie einst Helmut Schmidt

"Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden", heißt es schon bei Wilhelm Busch. Dennoch muss es für Frank Beckmann, seit anderthalb Jahren Fernsehdirektor des NDR, ein Schock gewesen sein, von der akustischen Kluft zwischen Sender und Empfänger zu erfahren. Zumal er es in seinem vorigen Job als Chef des Kinderkanals vergleichsweise selten mit schwerhörigen Zuschauern zu tun gehabt haben dürfte. Brennende Sorge jedenfalls spricht aus einer E-Mail, die er jüngst den Mitarbeitern der Programmdirektion zukommen ließ: "Mir ist es wichtig, dass wir für das NDR Fernsehen sofort handeln", schreibt er in einer Entschlossenheit, die an die zupackende Art erinnert, mit der 1962 der damalige Innensenator Helmut Schmidt der Hamburger Sturmflut Herr wurde.

"Die Vielzahl der Beschwerden zeigt", so Beckmann weiter, "dass unsere Zuschauer offensichtlich eine andere Wahrnehmung haben als viele von uns, die tagtäglich mit der Produktion von Beiträgen und Sendungen beschäftigt sind." Ferner seien die Endgeräte in vielen Haushalten nicht optimal eingestellt. "Dies führt häufig dazu, dass viele unserer Zuschauer nur noch mit der Fernbedienung in der Hand unsere Sendungen verfolgen. Statt entspannend zu wirken, wird der Fernsehabend anstrengend. Der betroffene Zuschauer fühlt sich bei uns nicht mehr wohl. Ein Zustand, auf den wir reagieren müssen."

Mehr 20er-Jahre-Stummfilme

Für den 20. Mai hat Krisenmanager Beckmann eine interne Informationsveranstaltung anberaumt zum Thema "Lautheit". In einem ersten Schritt wurden die Mitarbeiter von Schnitt und Ton bereits angewiesen, "durchgehend eine konsistente 'Lautheit' und Sprachverständlichkeit" zu gewährleisten. Doch was, wenn die Beschwerden der Zuschauer trotzdem nicht nachließen? Wie würden wir an Beckmanns Stelle handeln? Alle Sprecher und Reporter anhalten, ihre Texte künftig zu brüllen? Sämtliche Sendungen durchgehend untertiteln? Das Programm konsequent reduzieren auf Stummfilme aus den 20er Jahren, was den zusätzlichen Vorteil böte, dass die Mehrzahl der Stammseher sich zurückversetzt fühlte in ihre Jugend? Könnte man nicht die Kontrolleure der GEZ bitten, bei Hausbesuchen automatisch die Einstellung der Fernseher sowie, falls vorhanden, die Hörgeräte der Fernsehbesitzer zu kontrollieren?

In diesen bitteren Tagen könnte Frank Beckmann sich als Retter des Fernsehens im Norden erweisen, womit er sich ohne Zweifel für höhere Weihen empfehlen würde. Helmut Schmidt hat es nach seiner Hamburger Großtat bekanntlich erst zum Minister und später zum Kanzler gebracht.

Von Alexander Kühn
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
friedolin (08.05.2010, 08:07 Uhr)
Warum so süffisant Herr Autor?
Auch wenn der Artikel die ganze Sache ein bisschen durch den Kakao ziehen
will, so ist es mittlerweile echt ein Problem.

DIe Filmbeiträge werden in High-End Studios zusammengeschnitten und vertont, über hochtransparente Monitorsysteme abgehört und für gut befunden.

Das Signal dann läuft in der Fernsehstube vielleicht über einen 100 EURO Supermarkt Fernseher mit einem billigen Breitband-Lautsprecher im Plastikgehäuse. Da hört sich der diffizile KLangteppich dann ganz anders an, nähmlich dröhnende Kopfwehmusik mit kaum verständlichen Stimmen.

Der Fehler liegt eindeutig beim Fernsehmacher, das hat der Intendant schon richtig erkannt. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht.
Chivay (08.05.2010, 05:11 Uhr)
Ergänzung
Die Kritik betrifft aber nicht nur den NDR (über den ging es leider in dem Artkel), sondern ALLE Sender,
egal ob öffentlich-rechtliche Sender(welche Ironie in dem Namen), als auch für die Privaten und SKY (vormals Premiere).
Ich habe mir jetzt von HAMA ein Gerät besorgt, das zumindest die Lautstärke der Werbung begrenzt - naja eher reduziert.
Wieso kann man "Hintergrund"-Musik nicht im Hintergrund lassen?
Wieso muß Werbung wie Marktschreier so plärren?
Chivay (08.05.2010, 03:54 Uhr)
nicht nur Musik
die manchmal ohrenbetäubend rüberkommt, auf dem gleichen Level bewegt sich auch die Werbung.
Das hat also mit schlechten Endgeräten nichts zu tun, sondern ist bewußt gewollt,
Wahrhyde (07.05.2010, 23:44 Uhr)
Loudness war
s. wikipedia
Intercity (07.05.2010, 19:33 Uhr)
Zu laute und unpassende Hintergrundmusik...
Ich erlebte es mehrmals, dass bei gut gemachten und interessanten Dokumentarfilmen die Hintergrundmusik überwiegend zu laut und auch - wichtig - vollkommen deplatziert war. Der Genuss war dahin und ich verließ schließlich jeweils den Beitrag. Meine Enttäuschung mailte ich dem NDR und erhielt auch vernünftige Antworten.
Doch es änderte sich wenig. Im Kommentar von "joschitura um 14.31 Uhr" wird ganz genau das Problem benannt, um das es geht. Die heutigen "Macher" sind schon so musikgeschädigt, dass sie dezente und einfühlsame Hintergrundmusik als störend empfinden. DerFilm o.ä. an sich ist doch das Wichtigste und nicht das sich Austoben in der begleitenden Musik. Nicht die Alten sind das Problem, sondern die hörgeschädigten jungen Tontechniker und die verantwortlichen Redakteure. Mein Mittel: Ich zappe zu einem anderen Beitrag oder schalte ganz aus. Positiv überrascht bin ich nun darüber, dass der NDR das benannte Thema jetzt ernst nimmt.
Tendina (07.05.2010, 17:42 Uhr)
@endbenutzer
Nun, es wäre wirklich Interessant an die empfindlichen Ohren der Tontechniker mal den Sound von 08/15-Geräten zu lassen. Die wahren Künstler unter diesen Leuten lässt man dann den optimalen Klang einstellen unter besonderer Berücksichtigung auf sehr gute Sprachverständlichkeit. Eventuell empfiehlt sich vor der Sendung ein Warnhinweis auf den ungewohnten Sound ;)
suleiman (07.05.2010, 17:29 Uhr)
wie
kann das sein, die ganzen programme sind für hörgeschädigte nuschelig und zu leise, alles lüge, schlechte tonqualität, und das für 33 euro im monat?
dreicon (07.05.2010, 17:26 Uhr)
Wenn schon, denn schon
Wilhelm Busch sagte: Musik wird störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden.

Soviel Zeit sollte auch beim dümmsten Artikel sein.
Runner84 (07.05.2010, 16:52 Uhr)
stern.de
Wie schön, dass stern.de, das seine Heimat ja im ruhigsten und beschaulichsten aller Medien, dem Internet, hat , ein solches Qualitätsmedium ist, dass man auch ruhig einmal die blöden Öffis mit Hähme und Spott überziehen kann. Recht so, nur keine falsche Bescheidenheit.
ESELSDRIEVER (07.05.2010, 16:10 Uhr)
kann ich nur
bestätigen.Es nervt wenn zum Beispiel bei Nachrichten fast jeder Bildwechsel akustisch untermalt wird.Bei N24 und andere wird permanent bei Dokus dieses Gedudel gespielt.Ich will den Beitrag sehen und nicht diesen Mist hören.Auch der nervige Bildwechsel kann einen die Sehlaune verderben.Von Zeitlupe auf Einzelbildschaltung,dann auf Schnellablauf und so weiter.Scheinbar spielt da jemand sehr gern auf kosten der Zuschauernerven.
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