Es war doch nur Fernsehen. Aber es war lange Zeit eben ungewöhnlich großes Fernsehen. Nur gemeinsam hatten "Wetten, dass ..?", und Thomas Gottschalk Erfolg. Jetzt ist endgültig Schluss. Was bleibt? Von Bernd Gäbler

Eine Ära geht zu Ende: Thomas Gottschalk moderiert zum letzten Mal "Wetten, dass ..?"© DPA
Die Loblieder sind gesungen, die Ruhmesblätter vollgeschrieben, Preise wurden überreicht. Dabei lautet die offizielle Version lediglich: Ein allseits bekannter Moderator wechselt den Sender und das Format. Nach "Wetten, dass ..?" im ZDF soll Thomas Gottschalk für die ARD den werberelevanten Vorabend aufhübschen. Die Programmverantwortlichen der ARD hoffen darauf, dass er an neuer Stelle wieder großes Fernsehen machen wird. Alle anderen aber ahnen, dass am Samstagabend mehr zu Ende geht als eine populäre Sendung.
Für Thomas Gottschalk ist es der Abschied vom großen Fernsehen. Alles andere ist jetzt nur noch eine Zugabe, so wie auch Hans-Joachim Kulenkampff am Ende noch eine Büchersendung gemacht hat oder Peter Frankenfeld noch in diesem oder jenem Sketch mitwirkte - eine Ära ist vorbei. Hoffen wir auf ein besonnenes Finale, mit etwas Rührung, aber nicht zu viel unprofessionellem Pathos. Zum Glück kommt die eingeladene Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht zum Defilee. Schuld ist Gerhard Schröder. Zu viel leichte Muse in ernster Zeit - das kann einem Politiker auch auf die Füße fallen. Angela Merkel will sich nichts nachsagen lassen.
Peter Frankenfeld, der Conférencier im großkarierten Jackett, der vom Hörfunk kam, hat das Varieté ins Fernsehen zurückgebracht, einen Hauch von 20er Jahren, dezenter Verruchtheit, offenkundigem Witz und viel Rummel. Die neue Republik durfte sich wieder an eine Zeit vor den "dunklen Jahren" erinnern und von Herzen lachen, weil es bergauf ging. Mit Frankenfeld wurde das Fernsehen wieder bunter und weniger gesetzt. Es war nicht länger eine Veranstaltung für wenige Technik-Avantgardisten oder besserverdienende Bürger.
Hans-Joachim Kulenkampff, der gelernte Schauspieler, war galanter. Er half Mutti etwas umständlich in den Mantel, erlaubte sich sogar etwas Ironie, wenn er mit ihr per Kamera flirtete und rehabilitierte die Guck-Kasten-Perspektive für das große Show-Fernsehen. Indem er durch die Sendung führte, führte er zugleich etwas vor: meistens freundliche und gebildete europäische EWG-("Einer wird gewinnen")-Nachbarn. Ihm lag die große Geste. Aber nie schlug er über die Stränge. Es war ein Fernsehen für jedermann. In einer wieder etablierten Bundesrepublik verkörperte er angemessene Sitten und zivilisierten Humor. Ein unmissverständliches Plädoyer für die Brandt'sche Ostpolitik auch von der Showbühne herab stand dazu nicht im Widerspruch, sondern entsprach dem Engagement fordernden Geist der Zeit.
Und Thomas Gottschalk? Wofür steht er? Sicher gehört er in diese Reihe. Aber nach dem Varieté-Direktor und dem Gentleman sorgte er für ein ganz neues Show-Gefühl. Es wurde zugleich ein neues Selbstgefühl des Publikums. Gottschalk war - schon drängt sich die Vergangenheitsform auf - schräg gekleideter Clown und netter Nachbar, unerreichbar ferner Star aus Malibu und zugleich Kulmbacher Kumpel. Er hat die Kategorien durcheinander gewirbelt. Das ist sein Verdienst. Das ist sein Können. Das ist sein langer Weg in das neue, postmoderne Deutschland.