Während Karl-Theodor zu Guttenberg in Bayreuth der Hochkultur frönt, begibt sich der Trash-Adel im Unterschichten-Fernsehen auf Frauensuche. "Gräfin gesucht" ist ein Armutszeugnis der deutschen Noblesse. Der Adel gibt sich pikiert, der Zuschauer beschämt und stern.de wagt einen Blick hinter die feudalen Gemäuer. Von Katharina Miklis

Die Verwandschaft rümpft pikiert die Nase: Graf Moritz Dohna sucht eine Frau im Unterschichtenfernsehen© Boris Laewen
Moritz Konstantin Burggraf und Graf zu Dohna-Schlobitten wartet im Schatten einer 500 Jahre alten Eiche. Das Einstecktuch sitzt perfekt. Die italienischen Schuhe glänzen in der Sonne. Er nippt an seinem Kaffee. Gekreuzte Hirschschaufeln zieren das edle Porzellan. Das Familienwappen. Den Kaffee hat Mutti frisch aufgebrüht. Bedienstete gibt es auf dem malerischen Gutshof Dohna-Schlobitten im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein nicht. Die Butler, die in den Badezimmern des stilvollen Landhauses die Handtücher reichen, sind nur aus Holz. Die Zeiten, in denen sie noch echt waren, gehören hier längst der Vergangenheit an. Ein Gärtner beschneidet ein paar Meter weiter die Rosen. Doch der ist nur gemietet.
Moritz Dohnas Familienwurzeln lassen sich nahezu 1000 Jahre zurückverfolgen. Seine Vorfahren haben mit Napoleon gefeiert, waren Vertraute Kaiser Wilhelms II. oder zu Hitler-Zeiten Freiheitskämpfer an der Seite von Stauffenberg. Moritz ist stolz auf seine adligen Wurzeln, die Geschichte, die Noblesse seiner Familie. Auch er wird in die jahrhundertealte Familienchronik eingehen. Als Teilnehmer der Sat1-Doku-Soap "Gräfin gesucht". Der Trash mischt sich ins blaue Blut. Einige Familienmitglieder sind empört. "Die sind doch nur eifersüchtig, dass Moritz jetzt ins Fernsehen kommt", weiß die Frau Mama.
Moritz ist einer von vier Adligen, die in der Kuppelshow "Gräfin gesucht - Adel auf Brautschau" nach adäquaten Partnerinnen für die edlen Gemächer suchen. Als "romantischen Burggrafen" setzt Sat1 den 29-Jährigen in Szene. Mit ihm begeben sich der "attraktive Gutsherr" Tilo von Donner, 39, der "charismatische Geschäftsmann" Johann Graf Villavicencio-Margheri, 48, und der 26-jährige "sportliche Jungunternehmer" Christoph von Preysing vom Tegernsee auf Freiersfüße. Die Charakterisierung mit den einfallsreichen Adjektiven ähnelt der Vorgehensweise bei der RTL-Dating-Dokusoap "Bauer sucht Frau". Überhaupt sind - abgesehen von gestelzter Ausdrucksweise und Kaminzimmern statt Kuhställen - nicht viele Unterschiede zur bäuerlichen Variante der medialen Partnervermittlung zu erkennen.
Der Adel. Finanziell in der Krise und zu allem bereit? Eine neue Generation von mediengeiler Oberschicht im Geiste von Prinz Foffi und seiner TV-Sexkapaden mit Busenwitwe Tatjana Gsell? Damit wollen die neuen TV-Grafen gar nicht erst in Verbindung gebracht werden. "Das war Prostitution", so Johann Graf Villavicencio-Margheri, Spross einer 900 Jahre alten Adelsfamilie mit besten Verbindungen in das spanische Königshaus. Die Beweggründe der vier Standesgenossen, ihr feudales Treiben vom Privatfernsehen begleiten zu lassen, gehen in eine andere Richtung. Es ist mehr eine Art "Big Brother" der erlesenen Oberschicht. Und Graf Villavicencio-Margheri und seine Standesgenossen die Zlatkos des Hochadels.

Lieber Sat1 als P1: Warum nach München fahren, wenn die Mädels zu Hause Schlange stehen? Von Preysing harrt den Mädels, die da kommen© Walter Wehner
Graf Villavicencio, gern gesehener Gast in der Hamburger High Society, will sich Foffi-fern ganz bodenständig zeigen. Von Champagner bekomme er Sodbrennen und überhaupt: Mein Schloss, meine Yacht, mein Sportwagen ... Nicht dass man damit nicht dienen könnte, aber diese Prahlerei hat man hier einfach nicht nötig. Die Grafen sprechen von den "Erfahrungen", die man machen, den "Grenzen", an die man stoßen will. Nur einer pfeift auf Standesdünkel und sagt es ohne distinguiertes Gehabe freiheraus: Christoph von Preysing aus dem ältesten Grafengeschlecht Bayerns. Er weiß, warum es sich lohnt, über eine TV-Show eine Frau zu suchen: "Das ist einfacher und günstiger, als den Mädels im P1 einen Schampus nach dem anderen ausgeben zu müssen."
Doku-Soaps als Einkommensquelle für die krisengebeutelte Hautevolee? Keine Dating-Soap, sondern Dokumentation des Verfalls? Der Adelsexperte und Buchautor Jürgen Worlitz weiß von einem der Grafen, dass Sat1 zwar längst nicht mehr so gut zahlt wie bei der ersten Staffel. Das Leben, so der Soap-Teilnehmer, sei jedoch hart, und man nehme, was man kriegen kann. Ein Honorar von 180.000 Euro wurde im vergangenen Jahr kolportiert. Eine Summe, die Worlitz jedoch für absolut unrealistisch hält. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Grafen ja keine Promis seien, sondern "mit Verlaub, schlicht und einfach Langweiler".
2008 gab es schon einmal eine Staffel von "Gräfin gesucht". Doch man musste bei Sat1 die bittere Feststellung machen, dass sich die Leute mehr für arme, trottelige Bauern als für reiche, trottelige Grafen interessieren. Während der Erfolg der RTL-Kuppelshow "Bauer sucht Frau" ungebrochen ist, waren die Quoten der abgekupferten Deluxe-Variante, moderiert von der Upper-Class-Inka-Bause Marlene Lufen, eher mau. Doch die Zeiten haben sich geändert. Die Krise ist da. Und die könnte dem Sender nun in die Hände spielen, so noch die Hoffnung vor der Ausstrahlung ersten Folge. "Je schlechter es dem Volke geht", weiß der Adelsreporter Worlitz, "desto lieber schaut es über den goldenen Tellerrand." In Zeiten wie diesen wollen sich die Leute nicht nur mit Hartz-IV-Dokus und Pöbel-Talk zufrieden geben. Sie wollen sehen, dass es da auch eine andere Welt gibt. Eine Welt jenseits ihres Alltags. Eine Welt mit Stil. Mit Geld. Mit Hoffnung. Vielleicht erklärt das auch den überraschenden Erfolg der neuen ARD-Serie "Geld. Macht. Liebe". Die Hochglanz-Schmonzette, die auf dem Frankfurter Börsen- und Gesellschaftsparkett spielt, fährt seit Wochen sehr gute Quoten ein. In Zeiten von Wirtschaftskrise und Schweinegrippe giert das gemeine Volk nach Jetset und Schickimicki. Da lässt man sich schon mal bereitwillig blenden.
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