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Der Schuljunge geht von Bord

Eigentlich alles wie gehabt: Auch in seiner letzten Sendung gibt Günther Jauch den sympathischen, aber belanglosen Gastgeber. Sein einziger Gast Wolfgang Schäuble durfte eine Stunde lang den Helmut Schmidt machen.

Von Jan Zier

Wenn ein Politiker, sagen wir: der Bundesfinanzminister, einen gestandenen Journalisten ermutigen muss, etwas zu fragen - dann, spätestens dann, ist es Zeit für ihn, zu gehen. Für den Journalisten. "Nur Mut", sagt Wolfgang Schäuble zu Günther Jauch, ganz am Ende eines langen Gesprächs. Jauch druckst ein wenig herum, will ihn nochmal nach Helmut Kohl fragen, nach der "großen Wunde seines politischen Lebens", traut sich aber nicht recht. Schäuble wird ihn ablaufen lassen, freundlich, aber bestimmt. Er hat das Gespräch stets in der Hand. Jauch, an diesem Abend, so gut wie nie.


Einem wie Schäuble ist Günther Jauch nicht gewachsen. Er ist kein politischer Journalist und er gibt einem nie wirklich das Gefühl, für ein Thema zu brennen, Leidenschaft zu haben. Er bleibt immer der irgendwie sympathische, aber ebenso distanzierte wie belanglose Gastgeber, ein charmanter Conferencier, der seine stärksten Momente immer dann hat, wenn er etwas flapsig werden darf. Wenn es um nichts geht. Oder nur um das irgendwie Gefühlige.

Wieder einmal mehr keine Themen gesetzt

Nun hat er sich nach viereinhalb Jahren ein letztes Mal an der politischen Talkshow versucht und sich von Wolfgang Schäuble seine Grenzen demonstrieren lassen. Umso weniger wird man Jauch vermissen, wenn seine Vorgängerin Anne Will nun seine Nachfolgerin wird. Und schon kurz nach der Sendung muss man sich überlegen - worum ging es gleich nochmal? Stirnrunzeln. "Am Ende eines Krisenjahres" ist das Stichwort der Sendung - hier werden einmal mehr keine Themen gesetzt. Nur nochmal erörtert.

Wobei man zur Jauchs Verteidigung sagen muss: Wolfgang Schäuble nimmt auch andere nicht mehr so richtig ernst, und vielleicht liegt das auch an seinem Alter. Auf die jüngste Kritik des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz (SPD) angesprochen, winkt Schäuble nur milde ab. Schulz hatte ihm im "Spiegel" die Mitschuld an der Spaltung Europas gegeben. Scharfe Kritik? "Das muss man nicht ernst nehmen", sagt Schäuble nur, und dass er sich nur ungern auf solch Niveau begebe. Thema erledigt. Ende der Debatte.

So genau will es Jauch nicht wissen

Und so ganz genau will der Jauch es im Grunde dann auch wieder nicht wissen. Als Schäuble - es geht gerade um die Flüchtlingspolitik - einen seiner typischen Sätze sagt, die so nichtssagend sind und nun doch etwas altersweise klingen bei ihm, als Schäuble also sagt: "Wir können das nun über Europa lösen!", da antwortet Jauch zwar, spontan, ehrlich, zurecht: "Aber das funktioniert doch gar nicht!" Doch im nächsten Moment lässt er sich gleich wieder abspeisen wie ein Schuljunge: "Es funktioniert jetzt besser". Hm. Andere in der Welt sähen jetzt, dass man sich kümmern müsse. Na dann. War da was?
Natürlich, auch nach der Integration der Flüchtlinge fragt Jauch, kurz nachdem Schäuble nochmal mühelos seinen umstrittenen Vergleich dieser Menschen mit einer "Lawine" verteidigt hat. Es könnte um Bildung, um Kindergärten, um Wohnungsbau gehen, um Geld für die Integration. "Das ist ein große Herausforderung", sagt Herr Schäuble, und dass anderes nun vielleicht etwas kürzer treten müsse. Doch Herr Jauch will es wieder nicht näher wissen, weil er lieber gleich nach Angela Merkels Auftritt beim Horst Seehofer und dessen letzten CSU-Parteitag fragen will. Oder danach, ob Schäuble nicht damals, statt Horst Köhler, Bundespräsident werden wollte. "Immer dieselben Themen", sagt der CDU-Politiker nur. Und lässt sein Gegenüber erneut alt aussehen.

Schäuble macht auf Helmut Schmidt

Also schnell wieder zurück zur aktuellen Weltpolitik, zur Türkei. "Ab wann ist es nicht mehr anständig, mit den Unanständigen politische Geschäfte zu machen?" fragt Jauch, mit Blick auf die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei. "Das ist Politik", erklärt Schäuble: Wer "Ordnung" schaffen wolle an Europas Außengrenzen, der müsse eben auch mit den Türken reden. "Deswegen macht man sich ja nicht mit denen gemein." Jauchs Frage beantwortet das natürlich nicht. Aber ungefähr so hätte es Helmut Schmidt auch so gesagt. Weil der aber tot ist, braucht es nun einen Nachfolger in der Rolle des weitsichtigen Welterklärers, der denen, die da draußen heute Politik spielen, lebensklug sagt, wo's lang geht. Einen, zu dem man aufblicken darf.
Für diesen Posten hat sich nun Wolfgang Schäuble empfohlen. Und was dem Schmidt seine Sturmflut und die RAF war, ist dem Schäuble seine deutsche Einheit. Zwar findet der selbsterklärte "Rechthaber", dass er sich davor hüten soll, ständig alle belehren zu wollen. Er tut es dann aber doch, schon weil er sich in der Politik längst jenseits von allen wähnt: "Ich bin nicht mehr ganz Teil der Herde". Er ist noch frei, der Platz von Helmut Schmidt.

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