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Krebspatient Westerwelle und der Talk der verpassten Chancen

500.000 Menschen erkranken deutschlandweit an Krebs. Guido Westerwelle ist einer von ihnen. Bei Günther Jauch sprach er über seine "Dämonen". Was das heißt? Wie so oft wurden einige Fragen oft und andere gar nicht gestellt.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Günther Jauch und seine Gäste sprechen über das Schicksal einer Leukämie-Erkrankung

Günther Jauch und seine Gäste sprechen über das Schicksal einer Leukämie-Erkrankung

Kommt beim nächsten Mal Daniela Katzenberger und erzählt über die Aufs und Abs ihrer Schwangerschaft? Böse, wer so fragt. Natürlich gibt es zahllose Schicksale, die berühren - positive wie negative. Krankheiten etwa, vor allem Krebs. Und es sollte und muss gerade auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen darüber gesprochen werden. Aber was hat dieses Thema bei Günther Jauch in der Sendung zu suchen? Vielleicht liegt's am Heimweh nach der guten, alten sternTV-Zeit, das eben manchmal durchbricht. Im Februar 2013 beispielsweise ging es in Jauchs ARD-Talk schon mal um Einzelschicksale. Damals handelte es sich um das Entführungsopfer Natascha Kampusch und die Frage "Wie gelingt ein Leben danach?"


Am Sonntagabend nun war der an Leukämie erkrankte Guido Westerwelle dran und die Frage, wie es sich mit der Diagnose Krebs lebt. Der Ex-FDP-Chef berichtete unter anderem von dem Moment, als er in der Kühlkammer lag und auf eine Infusion allergisch reagierte: "Ich dachte, so fühlt es sich also an, das Sterben." Nun freue er sich, wieder "unter Menschen sein zu dürfen". Über den Berg sei er aber noch nicht. Er kämpfe immer noch mit seinen "Dämonen".

Nach 15 Minuten war alles gesagt

Nochmal: das Thema braucht Öffentlichkeit und die Betroffenen und ihre Angehörigen Empathie. Man denke etwa an Christoph Schlingensiefs Engagement in dieser Sache. Aber wieso fällt es Günther Jauch und seiner Redaktion, wenn denn schon in diesem Format darüber gesprochen werden soll, dann erst ein, wenn Guido Westerwelle ein Buch dazu geschrieben hat? Weltweit erkranken jährlich rund zwölf Millionen Menschen an Krebs - allein in Deutschland sind es mehr als 500.000.

 Zu Gast war auch Eva Fidler, die ihre Krebs-Diagnose während der Schwangerschaft erhielt und trotz Chemotherapie eine gesunde Tochter zur Welt brachte. Sie hätte viel zu erzählen gehabt über ihren Überlebenskampf für sich und, wie sie sagte, vor allem für ihr Kind. Allein: Ihr wurde kaum Möglichkeit gegeben, das auch zu tun. Man versteht nicht warum, denn gerade ihr hätte man gerne noch länger zugehört.

Muss eine Sendung deshalb gut sein, weil über Krebs gesprochen wird? Muss sie nicht. Jauch hat leider auch hier, wie man es aus dem politischen Debattenfeld kennt, viele Chancen vertan. Vor allem: Die Sendung war zu lang, zumindest für die Fragen, die Herr Jauch dabei hatte. Nach 15 Minuten hatte man bereits das Gefühl, alles sei schon gesagt. Was dann kam, waren auf weiten Strecken lediglich Varianten des bereits Gesagten. Was auch daran lag, das einige Fragen oft und andere gar nicht gestellt wurden. Beispielsweise längst geklärt war, dass bei Westerwelle das Politische hintenansteht. "Ich habe komplett andere Sorgen", sagte er im zweiten Drittel der Sendung. Flüchtlingsfragen beispielsweise seien für ihn momentan "zweitrangig". Trotzdem wollte Jauch ganz am Schluss wissen, warum Westerwelle sich denn zu politischen Themen wie der Flüchtlingspolitik nicht äußern wolle. Das klang so als hätte Jauch die ganze Sendung nicht kapiert.

Die wichtigen Fragen blieben ungeklärt

Nicht auf der Agenda standen Fragen wie: Woher kommen diese ganzen Krebserkrankungen? Was sind die Folgen und Spätfolgen von Chemotherapie und Bestrahlung? Wie hoch sind die Überlebenschancen nach einer Chemotherapie tatsächlich? Man denke an den Regisseur Helmut Dietl, der an Lungenkrebs erkrankte und gut zehn Monate nach einer abgeschlossenen Chemotherapie verstarb. Immerhin angerissen wurde, ob Privatpatienten bessere Überlebenschancen hätten als Kassenpatienten. "Ich behaupte, es spielt keine Rolle und es darf auch keine Rolle spielen", sagte Michael Hallek, der als einer der führenden Onkologen weltweit gilt. Das war's dann aber auch. Genauso an der Oberfläche blieb das Thema Stammzellenspende. Westerwelle rief dazu auf, sich als Spender registrieren zu lassen. Ihm zufolge müsse man "nichts weiter" tun, als einen Abstrich mit einem Wattestäbchen. Wer sich dafür interessierte, hätte sicher gerne mehr gewusst. Etwa was bei einer Spende genau passiert. Üblicherweise werden dem Spender über fünf Tage lang Wachstumshormone gespritzt. Doch auch dazu kein Wort.

Oft muss man das Wichtigste noch googlen

Westerwelle erklärte, warum er sich mit dem Sprechen noch schwer tue: "Ich kämpfe mit einer Abstoßungsreaktion". Wann und warum kann es zu Abstoßungsreaktionen kommen? Es wäre ganz leicht gewesen, danach zu fragen - der Experte saß gegenüber. Aber so ist es eben nach einer Jauch-Sendung: Oft muss man das Wichtigste noch googlen. Und was man nicht googlen kann, das lieferte Mediziner Hallek. Bewegend seine Aussage zu der Frage, inwiefern man sich im Laufe der Krebserkrankung verwandelte: "Ich glaube nicht, dass man sich verwandelt, sondern sich der Mensch durch die Krankheit in seiner wahren Größe zeigt." Er beginne endlich der zu sein, der er wirklich ist. "Da kommt viel Schönheit im Menschen hervor."

Auch Westerwelle sagte, er lebe nun ein anderes, ein zweites Leben. Er rege sich nicht mehr über Kleinigkeiten auf und erkenne, was er bisher falsch gemacht habe, beispielsweise habe er Freundschaften vernachlässigt. Im Online-Forum zur Sendung schrieb ein User : "Warum lernen manche Menschen erst durch so eine Krankheit Demut und Achtung vor dem Leben und fangen dann an, auch mal an andere zu denken?" Ob es darauf wohl eine Antwort gibt? 

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