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Plappern mit Putin

Wladimir Putin hat der ARD ein Interview gegeben. Danach wurde bei "Günther Jauch" eifrig darüber diskutiert - leider ohne Erkenntnisgewinn.

Von Andrea Zschocher

  Hubert Seipel (r.) lässt Wladimir Putin seine Sicht der Welt erläutern. Von kritischen Zwischenfragen keine Spur.

Hubert Seipel (r.) lässt Wladimir Putin seine Sicht der Welt erläutern. Von kritischen Zwischenfragen keine Spur.

Die ARD-Themenwoche "Toleranz" ist am Samstag gestartet. Folglich wäre auch bei "Günther Jauch" ein Beitrag zur Toleranz möglich gewesen. Aber nein, stattdessen wurde Russlands Präsident Wladimir Putin zum Thema erkoren. Der Mann, der sehr vielen Menschen Toleranz in jeder Art verwehrt. Putin, der Homosexualität unter Strafe stellt, der die freie Presse unterdrückt und Oppositionelle einschüchtert. All diese Themen waren im Interview jedoch leider kein Thema.

Die Jauch-Sendung firmierte unter dem Thema "Das Putin-Interview – wohin steuert der Kremlchef?" und folglich wurde zunächst ein dreißigminütiges Interview mit Russlands Oberhaupt gezeigt. Der Fernsehjournalist Hubert Seipel hatte am Donnerstag dieser Woche Wladimir Putin in Wladiwostok zum Interview getroffen. Ob es Fragen gab, die er nicht stellen durfte, will Jauch wissen. "Nein", alles sei erlaubt gewesen. Und deswegen fragte Seipel auch nach der Übernahme der Krim, den angespannten Beziehungen zu den Nato-Mitgliedsstaaten und der Entwicklung Russlands nach den Sanktionen. Wieso aber die oben genannten Themen nicht angesprochen wurden, wo doch alle Fragen erlaubt waren, da kann nur spekuliert werden.

Putin redet viel und sagt nichts

Putin gibt wohlüberlegte Antworten, die die Studiogäste Jauchs später auseinandernehmen. Seipel bemerkt während des Interviews süffisant, dass man dem Kreml-Chef seine juristische Praxis anmerken würde. Weil sich Putin eben kaum auf eine klare Aussage festnageln lässt, sondern um Antworten herumredet. Wohin Wladimir Putin steuern wird, auch dazu keine klare Position.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen, die Chefredakteurin vom WDR Sonia Seymour Mikich und der Historiker Heinrich August Winkler waren zusätzlich zu Seipel geladen, um die Aussagen einzuordnen. Das Problem dabei: von der Leyen schien ein anderes Interview gesehen zu haben als die anderen Anwesenden. Die Verteidigungsministerin schüttet den Phrasensack über allem aus, wozu sie gefragt wurde. "Wir müssen im Dialog bleiben...". "Es ist seine Sicht der Dinge...".

So richtig war von der Leyen auch nichts zu entlocken. Als sie dann noch darauf beharrt, die Historie im aktuellen Russlandkonflikt außer Acht zu lassen, widerspricht Sonia Mikich vehement. "Wir dürfen nicht geschichtsvergessend werden", warnt sie. Und, dass es nicht DEN Russen gibt. Mikich ist die Einzige, die darauf hinweist und sich in ihren Ausführungen deswegen auch mehrfach selbst unterbricht. "Die Russen …, nein, nicht DIE Russen, ich muss vorsichtig sein."

Mikich gibt sich als Russland-Versteherin

So zeigt die ehemalige Russland-Korrespondentin, dass sie in der Lage ist, Russland differenziert zu betrachten. Den anderen Anwesenden gelang das leider nicht. Als ein Foto von Seipel eingeblendet wird, dass ihn zusammen mit Putin in Camouflagejacke zeigt, antwortet der amüsiert: "Alles in Ordnung mit dem Feindbild."

Der TV-Journalist Seipel hat zwar mit Putin gesprochen, war für den Rest der Sendung aber sehr wortkarg. Fast hatte man den Eindruck, er habe mit seinem Putin-Interview seinen Beitrag bereits geleistet. Dabei hakte er im Interview mit dem Kreml-Chef kaum nach, stattdessen ließ er ihn seine Sicht der Dinge ohne Anmerkungen schildern.

Das fordert vom Zuschauer viel Toleranz, denn wenn Putin minutenlang darüber spricht, wieso es kein Unrecht war, dass Russland die Krim annektiert hat, dann kann einem die Hutschnur schon hochgehen. Es wäre kein Unrecht in der Ukraine geschehen, so Putin, weil sich die Russen auf der Krim eben bedroht gefühlt hätten. Russland hätte seine Landsleute nur unterstützt, um das zurückzuholen, was ihnen gehört. Seipel kommentierte dies nicht.

Statt Handfestem jede Menge Polemik

Für derlei Ausführungen hat niemand der Talkgäste bei Jauch Toleranz, alle verwahren sich gegen die Aussagen und führen sofort Beweise an, dass die Ukraine nicht rechtsradikal ist. Putin würde hier einen "Papiertiger" aufbauen um sich, so Heinrich August Winkler, an die europäische Rechte zu wenden. Überhaupt war Winkler um große Vergleiche nicht verlegen. Handfestes gab er dem Zuschauer kaum an die Hand, stattdessen jede Menge Polemik.

Mikich plädierte für Toleranz im Umgang mit Russland. "Russland muss man mit Sie anreden", sagte sie. Dann aber, so die Hoffnung, würde Bewegung ins Land kommen.

Von dem Interview, dass Wladimir Putin exklusiv für die ARD gegeben hat, hätte man sich mehr erwartet. Aber die anschließende Diskussion war noch enttäuschender. Wie sich die Krise entschärfen lassen wird, darauf hatten weder der Kremlchef noch die Talkgäste bei Jauch im Studio eine Antwort.

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