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Der AfD-Mann und seine Angst um blonde Frauen

Hass und Vorurteile in der Flüchtlingsdebatte: Darüber diskutierte Günther Jauch mit seinen Gästen. AfD-Politiker Björn Höcke machte die Sendung zu seiner Bühne - mit Deutschlandflagge und peinlichen Sprüchen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Ja, ist denn jetzt schon Fußball-WM? Für Björn Höcke braucht es diesen Anlass nicht. Günther Jauch hat zu dem Thema "Pöbeln, hetzen, drohen - Wird der Hass gesellschaftsfähig?" eingeladen, und die Sendung ist erst wenige Minuten alt, da macht der AfD-Politiker ein seltsam feierliches Gesicht, greift in die Innentasche seines blauglänzenden Jacketts und zieht die deutsche Nationalflagge heraus.

"Ich möchte Farbe an den historischen Ort Berlin bringen", kommentiert er. Und breitet die Fahne so über seiner Stuhllehne aus, dass sie deutlich sichtbar bleibt. Allerdings übersieht er dabei, sonst um Penibilität bemüht, dass sie für den Zuschauer falsch herum zu sehen ist: Gelb liegt oben. Oder ist damit etwa eine Aussage gemacht, die nur Eingeweihte lesen können?

Man denke an eine Darstellung des Deutschen Michels aus dem Jahr 1919, unter der geschrieben steht: "Schwarz die Zukunft, Rot die Gegenwart, Golden die Vergangenheit." Zurück also in die - Achtung Ironie - "goldene" Vergangenheit mit der AfD?

"Angsträume für blonde Frauen"

Höcke sagt über Flüchtlinge: "Wir importieren sozialen Brennstoff", und über Erfurt sagt er, es sei "schön deutsch". In einem Einspieler, der ihn während einer öffentlichen Rede zeigt, fordert er, man müsse blonde Frauen beschützen, weil, so im Originalsprech, "die Angsträume für blonde Frauen größer werden". Wie bitte?

Jauch greift ein. Immerhin, denn so selbstverständlich ist das nicht, wie sich mal wieder zeigt. Und Höcke rudert, und so selbstverständlich ist das erst recht nicht, zurück. "Ich muss mich entschuldigen", sagt er. Nicht nur die blonden, auch brünette und rothaarige Frauen seien betroffen. Es gäbe, so seine These, täglich Gewalt gegen Frauen durch Flüchtlinge. Jauch widerspricht, das könne keiner, nicht mal die Polizei, bestätigen.

Kritik vom Justizminister

Talkgast Heiko Maas, der Höckes Äußerungen mit einem "Das ist widerlich" beantwortet, spricht von einem "Beispiel für rhetorische Brandstiftung". Verantwortung in der Politik heiße, so der Bundesjustizminister weiter, "gegen Angst anzusprechen und Zuversicht zu verbreiten".  

In der Runde ist es CDU-Mann Klaus Bouillon, der das mit dem Merkel-Mantra "Wir schaffen das" tut und damit gegen Höckes Mantra "Dieses Volk hat Angst" hält. Auch NDR-Journalistin Anja Reschke will sich da keinesfalls einreihen und signalisiert klar: "Ich habe keine Angst."

Anja Reschke über Morddrohungen

Als die Sendung läuft, ist bereits bekannt, dass Kölns neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker heißt. Nach einer Messerattacke am Samstag liegt die parteilose Politikerin schwer verletzt im Krankenhaus.

Der Attentäter soll als Grund "Fremdenhass" angegeben haben - und zum Lager derer gehören, die die Politikerin beschuldigen, "falsche Einwanderungspolitik" zu machen.

Morddrohungen erhielt auch Anja Reschke zuhauf, nach ihrem Tagesschau-Kommentar gegen Fremdenhass. Bei Jauch liest sie aus den Hass-Mails vor: "Anti-germanische Volksverräterin", "schwarzislamische Hure", "Verbrennt die Alte".

Ein Großteil der Äußerungen sei, so Maas, ein Fall für den Staatsanwalt. Er warnt: "Erst kommen die Worte, dann die Taten." Deshalb wolle man auch Facebook in die Pflicht nehmen, die Hetzer dürften nicht davonkommen. Höcke grätscht dazwischen: "Hoffentlich mausern sie sich nicht zum Zensurminister." 

"Schande für Deutschland"

Im Online-Forum zur Sendung geht es erwartungsgemäß hoch her. Es gibt die, die sich nicht wahrgenommen fühlen: "90 Prozent von Volkes Meinung wird öffentlich rechtlich wegzensiert" und sich auf die Seite Höckes schlagen: "Ich habe immer CDU gewählt, nun ist Schluss, ich wähle AfD." Es gibt die, die fassungslos sind über Höckes Auftritt: "Sie und seinesgleichen sind eine Schande für Deutschland" und "Die ARD gibt der AfD eine Plattform, für die ich mich schäme."  

Es gibt andere, die gegen Jauch wettern: "Sehr unglücklich, dass Sie sich als Moderator so eindeutig positionieren" - und die die Gesprächskonstellation "einer gegen vier" kritisieren.

CDU-Mann Bouillon positioniert sich

Das tut auch Höcke, der für sich, so kündigt er es Jauch gegenüber an, eine Redezeit  von 50 Prozent einfordern will. Obwohl er eigentlich, so verrät er, ein introvertierter Mensch sei, einzig durch die "Notsituation" gezwungen, nun im Land öffentlich aufzutreten.

Notsituation? "Die Belastbarkeitsgrenze ist nicht erreicht", positioniert sich Bouillon. Der Innenminister des Saarlands setzte auf eigene Erfahrung und zog mit seinem Büro vier Wochen lang in einen Flüchtlingscontainer. Er habe, wie er erzählt, beobachtet, dass muslimische Männer Essen ablehnen, wenn es von Frauen ausgeteilt werde, mit der Begründung, es sei dann, weil von weiblicher Hand berührt, verunreinigt.

Woher kommt die Wut?

"Zur Integration braucht es die ganze Wahrheit", so Bouillon weiter. Es sei nicht einfach, aber machbar. Ein entscheidender Schritt müsse sein, die Computersysteme der bearbeitenden Behörden besser zu vernetzen, um bald "keine sieben Monate mehr" zu brauchen, um die vorliegenden Asylanträge zu bearbeiten.

Maas gibt zudem zu bedenken, dass auch anderswo Integrationsbedarf besteht: "Auch Rechtsradikale und Neonazis sind nicht in unser Land integriert." Warum Menschen den radikalen Weg einschlagen, darüber allerdings wurde nicht gesprochen. Woher kommt die Wut?

Wieder mal wurde den Ursachen nicht auf den Grund gegangen. Und eine Chance vertan. Die Kommentare der Diskutanten waren vorhersehbar. Maas sagt zum Schluss: "Is' egal." Es ist sein Kommentar zu Höckes Äußerung an Jauch: "Sie haben sich selbst konditioniert." Jauch zurück: "Wie meinen Sie das?" Man sieht ihm an: Er weiß nichts damit anzufangen.

 

 

Kommentare (12)

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    Stern-Moderation

    Was war Ihr Eindruck von der skurrilen Jauch-Sendung?

  • stern-Moderation
    Wir verabschieden uns für heute und schließen die Kommentare unter diesem Artikel. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an sterncommunity@stern.de (ds)
  • gernoedl
    gernoedl
    bedauerlich ist, was ich leider schon mehrmals beobachten mußte: Bis zu einem bestimmten IQ wird das Auftreten, die Argumentation von Herrn Hoecke bei den Zuschauern garnicht als dumm und peinlich oder eckelhaft empfunden. Sie und andere Randgruppen sind für Herrn Hoecke und die, von ihm zum Besten gegebene Weltansicht, weil sie diese (und damit ihn) verstehen. Für die Sicht dieser "Volks"-Gruppe auf die andren Teilnehmer des Talks gilt das bekannte Twitter-Bonmot: "Von unten sieht Niveau aus wie Arroganz."
    Um zu vermeiden, dass es den Brandstifftern gelingt, nochmals eine "Machtergreifung" zu organisieren, sollte die ARD in der Folge von Sendungen wie der von Herrn Jauch, bei der mir dezidiertere Antworten auf die Statements von Herrn Hoeck - teilweise wegen der lautstarken Auseinandersetzung - etwas zu kurz kamen, mit einem Kommentar oder einer Talkrunde, zu ergänzen.
  • Max Mustermann
    Max Mustermann
    Guten Tag, ich studiere Wirtschaftswissenschaften, habe daher ein gewisses Verständnis unseres ökonomischen Systems und auch über diverse andere, gesellschaftliche Bereiche. Ich setze mich intensiv mit Nachrichten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auseinander und zwar täglich, seit Jahren.

    Wie Sie sehen habe ich mich für einen anonymen Beitrag entschieden. Zu diesem Schritt sehe ich mich veranlasst, da ich öffentlich nicht unter meinem richtigen Namen auftreten kann, ohne - in diesem Kontext - angegriffen zu werden.

    Meine Position ist weder rechts, noch links. Ich bin, so denke ich, ein Mensch von sehr vielen, in ganz Europa momentan. Was ich jedoch hier anbringen möchte, ist Kritik. Als Menschenfreund, der sehr wohl soziale Verantwortung wahrnimmt kann ich mich in keiner Weise mit fremdenfeindlichen Äußerungen identifizieren. Eine politische Partei wie die Alternative für Deutschland ist für mich nicht wählbar und wird es auch nie sein.
  • Max Mustermann
    Max Mustermann
    Abgesehen davon, dass ich, als Homosexueller, in einem Deutschland unter Führung einer rechts-konservativen Partei sicherlich weitere, mir zustehende Rechte, aberkannt bekommen würde, wie es derzeit, unter Führung der CDU mit Angela Merkel als Kanzlerin, auch bereits der Fall ist.

    Diesen Aspekt sollten Sie ebenso im Hinterkopf behalten. Ich versuche weiterzudenken. Weiter als ein Jahr, weiter als ein paar Jahre. Ein großer Teil der Schutzbedürftigen, die Deutschland momentan aufnimmt, wird unser Land nicht wieder verlassen. Diese Menschen werden, aller Voraussicht nach, ein Teil unserer Gesellschaft werden. Ich finde das durchaus begrüßenswert. Denn wir haben ein deutsches Problem. Es fehlt an Kindern. Es fehlen Menschen, die das große Ungleichgewicht ausbalancieren. Wenn nichts passiert wird mir in einigen Jahrzehnten niemand meine Rente bezahlen können. Schlicht, weil es keine Beitragszahler, bzw. viel zu wenige geben wird. Wir deutschen reproduzieren uns nicht ausreichend. An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich mir meine Sexualität nicht ausgesucht habe und ich mich bei bestem Willen nicht in der Lage sehe, entgegen meiner angeborenen, natürlichen Sexualität, Kinder zu zeugen. Sorry. Tragisch ist, dass all diese Menschen aufgrund von Krieg, Verbrechen und Tod zu uns kommen. Sie hoffen auf Schutz und ein menschenwürdiges Leben. Welcher normal-denkende Mensch könnte ihnen dies verwehren?

    Jetzt möchte ich jedoch gerne zu meiner Kritik kommen. In zwei Punkten.
  • Max Mustermann
    Max Mustermann
    1. Punkt: Ich informiere mich umfassend und bin bestrebt mir eine gewisse Neutralität in der Berichterstattung zukommen zu lassen. Ich lese viel und vieles. Meine Meinung oder gar Einstellung bilde ich jedoch nicht von heute auf morgen oder wegen einem oder zwei Artikel. Mir ist bisher aufgefallen, dass sowohl klassische Medien, als auch progressive Medien über kulturelle Unterschiede, drastische Unterschiede, berichten.
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