Philosophisches Räsonnieren auf der Bühne: Das neue Stück des Regie-Akrobaten René Pollesch feierte in Stuttgart eine furiose Premiere - mit Harald Schmidt im Ensemble. Es ist Polleschs sechste Abrechnung mit festgefahrenen Denkmustern. Von Ulrike Posche, Stuttgart

Harald Schmidt (l.) und Schauspieler Christian Brey im Stück "Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr" von Rene Pollesch in Stuttgart© Norbert Försterling/DPA
Nach eineinviertel Stunde geistig-physischer Höchstanstrengung ist sein jagdgrünes Hemd unter den Hosenträgern klitschnass. Harald Schmidt hat sich auf dem Boden gewälzt, mit seiner Kollegin Silja Bächli im Clinch gerangelt, ist Treppen im Stil der Echternacher Springprozession auf und ab gestiegen. Er hat deklamiert, charmiert, dekonstruiert, pathetisiert, bramarbasiert. Manchmal hat er auch nur den Harald Schmidt gemacht. "Ja, meine Herren, wann erreicht Opel das Theater?" Da würde man doch jetzt gern mehr drüber hören! Oder nicht? Aber das berührt uns doch gar nicht! Oder doch? Oder haben wir noch ein paar G' stanzl mehr, die wir aus der großen Toolbox der Tagesphrasen ins Publikum dreschen können?
Herrliche Kakophonie in wunderbarer Kulisse. Flamingos und Buchsbaum im Pygmäenschnitt vor einer Fassade mit blauem Bad, blassrosa Vestibül und grünem Schlafzimmer. Darüber Videoleinwände, links eine Wendeltreppe, eine Feuerwehrrutsche, rechts der Lustgarten der Finzi Contini unter dem Rettungsschirm, Hirsche links, Hirsche rechts. "La Mer" singt Charles Trenet, und dann kommt auch noch die Trapp-Familie zur musikalischen Behelligung. Der Abend ist schön.
Pfadfinder hatten sich am Nachmittag auf der Schlossgartenwiese niedergelassen, Pfadfinderinnen aus Ravensburg, Ochsenblut und Biberach, oder so ähnlich. Gut Pfad! Die haben es leicht, die kennen den Weg der guten Tat. Aber wir, wir verloren gegangenen Theatergänger, die wir Halt in der Kunst suchen, irren wie eine Herde Schafe durch die Wüste.
"Überall, vor allem im Theater wird mit dem Verdacht operiert, das hinter dieser Ikone, dem Subjekt Hamlet irgendetwas steckt, von dem wir vermuten, dass es ganz groß ist. Das ist aber nur ein Furz." Sagt René Pollesch, der Regisseur des Stückes. Was er inszeniert, ist ein philosophisches Räsonnieren auf der Bühne, zerschossen vom Boulevard, "damit es erträglich wird, weil sonst könnte man es ja auch an der Uni machen."
Hedley Lamarr, so die Geschichte, sei ein Schauspieler, eine Figur aus einem Mel-Brooks-Film, der es satt gehabt habe, sich mit Regisseuren und dem künstlerischen Betriebs-Büro des Theaters herumplagen zu müssen. So machte er den Vorschlag, alle Rollen zu lernen und gleichzeitig zu spielen, falls die Schauspieler mal keinen Babysitter fänden am Abend, mit dem Geliebten zusammen sein wollten, oder sonst wie an der Bühnenpräsenz gehindert wären. Hedley würde übernehmen. Hedley Lamarr (nicht zu verwechseln mit der Hollywood-Diva Hedy Lamarr) war ein "Chor der guten Tat".
Aber - Achtung, künstlerische Überhöhung! - in Wirklichkeit ist dieser Hedley nur ein "Schmusium", das uns die Sinne vernebelt. Eine Gleitcreme, die uns zu schmierigen Übereinkünften verleitet. Ein Kriechgift, das uns das Denken lähmt und den Willen. Und Harmonie vorgaukelt, wo keine ist. Das berührt mich! Die Schamlosigkeit, die Sprachlosigkeit. "Es muss doch möglich sein, in diesem Theater eine kulturelle Leistung zu erbringen", ruft Schmidt, "ich will Klistiere, Aderlass, Aderlass. Auf nichts ist Verlass als auf Aderlass."
Es ist René Polleschs sechste Uraufführung in Stuttgart. Oder besser: Seine sechste Abrechnung mit festgefahrenen Denkmustern, mit Opel und General Motors, mit Iris Berben, die ihren Hund liebt, mit Hannelore Elstner, Charles Darwin, den Marx Brothers, Steve Martin und Frau M. aus Gütersloh. Und mit Leslie Nielsen in der nackten Kanone. "Ein Schleimpilz erzählt sich das Leben und den Tod auch nicht als Drama. Kooperation! Darum geht es. Mit Pilzen zu Flechten werden!" Alles, was hier auf der Bühne gesagt, gebrüllt, hysterisch entgrenzt wird, ist zuvor in Zusammenarbeit mit den Schauspielern entstanden. Meist schreibt Pollesch erst morgens den Text, den er nachmittags probt, diesmal nach der Devise: "Die Grenze zwischen Mensch und Mops ist nicht durch Toleranz überwindbar."