19. Juni 2012, 09:32 Uhr

Verändert euch oder verelendet!

Was macht eigentlich Costa Cordalis? Bei Frank Plasberg über die Griechenland-Krise diskutieren. Dem Schlagersänger fiel nur Kitsch zu seinen Landsleuten ein. Andere wurden da sehr viel konkreter. Von Mark Stöhr

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Beackerte mal wieder das Thema Griechenland: TV-Talker Frank Plasberg©

Costa Cordalis ließ sich bekanntlich vor Jahren das Gesicht neu machen. Am Bodensee war das, Cordalis ging mit der Sache damals sehr offen um. Inzwischen ist er 68 Jahre alt und immer noch glatt wie ein bügelfreies Hemd. Das kann man zur Kenntnis nehmen oder auch nicht. Bei "Hart aber fair" kam man nicht drumrum, da Frank Plasberg dem Sänger offenbar eine Doppelfunktion zugedacht hatte: als Grieche und als Mumie. Ein Statement zu Griechenland war das qua Einladung, noch bevor das erste Wort gefallen war.

Es ist schon komisch, dass in einer deutschen Talksendung über eine Stunde lang über nichts anderes als über den Zustand eines anderen Landes gesprochen wird. Manchmal schien es, als sei vom 17. Bundesland die Rede: Griechenland, das Schmuddelkind südlich von Baden-Württemberg, gerade frisch adoptiert und in einem erbarmungswürdigen Zustand. Vor allem Nikolaus Blome, der Chefzyniker von der "Bild", macht seit Langem aus seiner Verachtung für die "Pleite-Griechen" keinen Hehl. Am Samstag erschien in seinem Blatt ein "offener Brief an die Griechen". Darin stand unter anderem: Aus den griechischen Bankautomaten kämen nur deswegen Euros raus, "weil wir Deutschen und die anderen Eurostaaten sie reingesteckt haben."

Für Blome sind solche Fouls nur Teil einer "lauten, mitunter schrillen Berichterstattung". Griechenland ist für ihn ein "Entwicklungsland", ohne funktionierendes Steuerwesen, ohne Rechtssicherheit, völlig uninteressant für Investoren. Das mag in der Sache richtig sein – doch was soll dieser überhebliche Ton, in dem immer mitschwingt: So toll wie wir werdet ihr Versager nie sein?

Mr. Dax mit altbekannter These

Dirk Müller, der Börsenexperte, Spitzname: "Mr. Dax" sieht das ähnlich, drückt es nur sachlicher aus. Der Euro sei einfach die falsche Währung für Griechenland. Sie liege rund 100 Prozent über der wahren Leistungsfähigkeit des Landes, rechnete er vor. Sollten die Griechen im Euro bleiben, müssten Deutschland und Co. mit immer neuen Milliardenspritzen diese Differenz zwischen Sein und Schein ausgleichen. Sein Fazit, mit dem er schon seit Monaten hausieren geht: Griechenland muss raus aus der Währungsunion. Kostenpunkt: schlappe 70 bis 100 Milliarden Euro.

Das hat man alles schon mal gelesen und gehört. Interessant daran ist nur, dass sich der Schwerpunkt der öffentlichen Diskussion gerade – wie bei "Hart aber fair" – vom Großen und Ganzen des Finanzsystems zum Blick auf die besondere Misere Griechenlands zu verschieben scheint. So als wollte man sagen: Das ist eure letzte Chance, verändert euch oder verelendet.

Schwarzmaler Plasberg

Plasberg mischte noch mehr Schwarz ins Schwarz seiner Einspieler: um ein Drittel gesunkene Löhne, hieß es da etwa, halbierte Renten, ein kollabierendes Gesundheitssystem, keine Herz-OPs mehr in Thessaloniki, Medikamentenmangel in den Apotheken. Dazu die rhetorische Frage: Sind das nun die fiesen Folgen des Spardiktats oder der jahrzehntelangen Misswirtschaft?

Tanja Nettersheim kennt die Lage in Griechenland aus erster Hand. Sie ist mit einem Griechen verheiratet und lebt seit zwölf Jahren in Athen. Dank ihrer Schilderungen wurde die Problematik noch einmal plastisch. Kollegen von ihr – sie arbeitet in einem Altenheim – würden 500 Euro im Monat verdienen, bei einer Steuergrenze, die auf 5000 Euro heruntergesetzt worden ist. Auch sie habe beim Arzt schon mal keine Quittung verlangt oder für ein Produkt oder eine Dienstleistung mal keine Mehrwertsteuer abgeführt, nie aber habe sie "Fakelaki" – Bestechungsgelder – bezahlt. "Wenn man in Griechenland bestimmt auftritt, kommt man auch ohne Fakelaki durch." Von der neuen Regierung wünscht sie sich, klar, Reformen, von uns: Respekt.

Costa Cordalis - die stumme Mumie

Costa Cordalis verfolgte die Gespräche um ihn herum, eher unbewegt. Manchmal sah man seine blendend weißen Zähne aufblitzen. Plasberg ignorierte ihn den Großteil der Sendung, weil er als stumme Mumie gut, als sprechender Grieche eher ein Reinfall war. Gegen Ende ergriff der Schlagersänger dann doch das Wort. "Das Wertvollste", sagte er, "ist der Mensch, die Kultur und die wunderbare Landschaft." Manchmal braucht man eben nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch neue Gedanken.

Von Mark Stöhr
 
 
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