Wer Gefallen am Elend anderer Leute findet, wird derzeit im TV-Programm bestens bedient. Ein bisschen Krebs hier, ein bisschen Hartz IV da, und hin und wieder mal ein schmerzlicher Todesfall. "Emotainment" nennen es die Sender - und produzieren eine Helfer-Show nach der anderen. Von Katharina Miklis

Auch Tine Wittler macht mit beim "Emotainment" und renoviert für "Einsatz in 4 Wänden" Wohnungen von Menschen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat© RTL
Unheilbar krank zu sein, ist eine tragische Sache. Daraufhin seinen Job zu verlieren, macht das ganze nicht gerade leichter. Da hilft es wenig, wenn auch noch ein Millionenpublikum dabei zuschaut, wie fremde Leute das schäbige, renovierungsbedürftige Heim aufmöbeln, in dem man sein klägliches Dasein fristet. So zu sehen in so genannten Helfer-Shows, die zurzeit aus allen Kanälen gekrochen kommen. Warmherzige B-Promis helfen vom Schicksal gebeutelten Menschen in der Not und beruhigen das schlechte Gewissen derer, die es verlernt haben, selber anzupacken.
Eigentlich sind diese Reality-Shows mit Helfersyndrom nichts Neues. Rudi Carrell hat auch schon Glück in die Welt gebracht. Aktuell feiern diese Formate jedoch wieder ein Revival. Und alle ziehen mit. Wer am Montagabend den Fernseher einschaltet, bekommt das ganze Ausmaß der medialen Glückseligkeit zu spüren. Es beginnt mit "Surprise, Surprise! - Die Überraschungsshow mit Oliver Geissen" um 20.15 Uhr auf RTL. Ab 21.15 Uhr muss man sich zwischen "Der Glücksvollzieher" auf Kabel Eins und Tine Wittlers "Einsatz in 4 Wänden" auf RTL entscheiden.
Die Sender wittern die Quoten, die ihnen der Voyeurismus der Zuschauer bietet. Die Wohlstandsgesellschaft lässt sich gerne das Gewissen beruhigen und muss dafür noch nicht einmal viel tun. Ein Abend vor dem Fernseher - und schon hat man das Gefühl, dass die Welt gerecht ist und nicht so schlimm, wie alle immer sagen.
Für den Züricher Kommunikations- und Medienpsychologen Prof. Dr. Daniel Süss liegt der Grund für den Erfolg dieser Shows am tristen Privatleben vieler Zuschauer: "Emotionalisierende Sendungen lenken ab vom oft eintönigen Alltag und erlauben, sich auf andere Schicksale einzulassen, ohne Verbindlichkeiten einzugehen. Die Formate wecken starke Emotionen, sei es Anteilnahme, Überraschung, Schadenfreude oder Empörung."
Die Moderatoren heißen Vera, Tetje oder Verona. Und sie haben viel Liebe zu geben. Vielleicht nicht jeden Tag - aber zumindest ein Mal pro Woche zur besten Sendezeit. Vera Int-Veen ritt als eine der ersten auf der neuen Helfer-Welle und eilte für RTL II überall dort hin, wo die Not am größten war. Mittlerweile ist sie mit ihrer Sendung "Helfer mit Herz" (zurzeit in Sommerpause) bei RTL angekommen, wo auch Oliver Geissen seit Juli mit "Surprise, Surprise!" Gutes tut. Der Kreis der Kandidaten, die von Vera glücklich gemacht werden sollen, wird mit Bedacht gewählt. Schließlich steigt die Quote, wenn der Schmerz sichtbar ist. Ein Familienvater im Rollstuhl, ein behindertes Kind. Das zieht.
Den Sendern darf man keinen direkten Vorwurf machen. Die Familien kriegen schließlich dank "Helfer mit Herz" oder auch "Engel im Einsatz" mit Verona Pooth auf RTL II eine Chance auf ein besseres Leben. Ein neues Haus, schicke Möbel. Manchmal gibt es auch einen begehrten Kindergartenplatz für die Kleinen oder ein Bewerbungsgespräch für die Großen oben drauf. Bitter ist nur der Nachgeschmack. Warum muss erst Vera die gesamte Nachbarschaft zusammentrommeln, um einer in Not geratenen Familie zu helfen? Warum muss Verona durch die Provinz stöckeln, um Hilfe zu organisieren?
Erst haben sie jahrelang weggeschaut, jetzt sind die eifrigen Nachbarn sofort zur Stelle, wenn ein Fernsehteam vor der Tür steht. Sie backen Kuchen und reißen Tapeten von den Wänden, als wäre es das Natürlichste der Welt. "Die Helfer, welche in einer Fernseh-Show mit anpacken, erliegen der Faszination, im Fernsehen aufzutreten und damit - zumindest für einen Moment - ein kleiner Star zu sein", erklärt Medienpsychologe Süss. Ist das also das Geheimnis des Erfolges? Die Warhol'schen 15 Minuten Ruhm? Nicht ganz. Für den Medienpsychologen spielt auch der soziale Vergleich eine große Rolle: "Man fühlt sich gleich besser, wenn man sieht, wie schwierig es andere Menschen haben können. Außerdem kann man mitleiden und sich mitfreuen, wenn - wie in einem Märchen - eine unverhoffte positive Wendung auftritt. Die Fernseh-Helfer sind die modernen Feen und Zauberer, welche die Hoffnung nähren, dass am Ende alles gut wird."
Und wenn wir nicht gestorben sind, dann hat das Fernsehen uns zu besseren Menschen gemacht? So weit wird es laut Süss nicht kommen. Jedoch: "Das Fernsehen kann durchaus Anstöße zu sozialem Verhalten geben. Das kennen wir ja auch von großen Spendensammlungen bei Katastrophen, welche ein weltweites Zusammengehörigkeitsgefühl auslösen können."
Die Welt retten - wir haben es geahnt - kann das Fernsehen also nicht. Und es ist auch fraglich, wo die Nachbarschaftshilfe bleibt, wenn die Kamerateams abgerückt sind. Wenn sich jedoch wenigstens die eine oder andere Couch-Potato eine dicke Scheibe Hilfsbereitschaft abschneiden würde, wäre schon viel getan.