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Jauch stochert im Rauch

Altkanzler Helmut Schmidt ist ein brillanter, eloquenter Gast. Einer, der sich aus dem Talkshow-Einheitsbrei abhebt. Doch Jauch wollte lieber kuscheln statt Klartext reden. Glücklicherweise redete Schmidt dennoch - über die Euro-Krise und die Kanzlerkandidatenfrage.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Es soll Männer geben, die auf Plapper-Blondchen Daniela Katzenberger abfahren. Würde man einen von ihnen in ein Hotelzimmer mit eben dieser silikonhaltigen TV-Lady sperren, würde der wohl nichts unversucht lassen, mit ihr, um es mal so zu sagen, auf Tuchfühlung zu gehen. Was das mit Günther Jauch zu tun hat? Erstmal: Der Moderator ist kein Draufgänger. Man mag ihn sich auf gar keinen Fall in unmittelbarer Hautnähe der Katzenberger vorstellen. Darum geht es auch nicht, sondern um das Talent von Deutschlands neuestem Polit-Talker eben nicht in die Vollen zu gehen. Bei Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der am Sonntagabend in Jauchs ARD-Sendung zu Gast war, müsste es heißen: nichts wie ran an dessen brillante Denke. Der eloquente SPD-Grande weiß viel, hat viel zu sagen, wesentlich mehr als der durchschnittliche Talkgast.

Ein Glücksfall also. Doch Günther Jauch kümmerte es wenig, er schaltete bis auf wenige Ausnahmen auf die übliche Sparflamme - kein Biss, wenig journalistische Raffinesse, keine rhetorische Akrobatik - und verpasste dabei die seltene Chance, gut durchdachte Gedanken seines Gesprächspartners weiterzuverfolgen und damit auf Höhepunkte zuzusteuern, wie sie in dem beinah täglichen Talk-Einheitsbrei kaum mehr zu finden sind. Oder um es anders, etwas brachial zu sagen: Der Fernsehliebling stellte sich ein bisschen so an wie einer, der eine Kuh melken will, aber mit einem leeren Eimer zurückkehrt.

Persönliches vor Politischem

Verbales Kuscheln bleibt, wohin man auch zappt, Jauch, Maischberger & Co, der ungebrochene Trend. Soll bloß keiner der Zuschauer vor lauter Bohei von der Wohnzimmercouch kippen. Das Thema bei "Günther Jauch" hieß diesmal "Klartext in der Krise". Vielversprechend, brisant, hochaktuell - hat doch kaum einer mehr den Durchblick im andauernden Krisen-Chaos. Doch die erste Frage driftete ins Persönliche der Gäste ab. Neben Helmut Schmidt, der in seinem Rollstuhl saß, in regelmäßigen Intervallen Zigarette rauchend, hatte man außerdem den ehemaligen Bundesfinanzminister und SPD-Politiker Peer Steinbrück eingeladen. Ein Solo für zwei, die einander lange schon begleiten, und sich unter anderem gerne mal auf eine Partie Schach zusammensetzen. "Wie haben Sie sich kennen- und schätzen gelernt?", eröffnete Jauch die Runde. Eine hübsche Frage. Wir sind aber hier nicht bei Reinhold Beckmann. Und eine Homestory für die Yellow Press soll's auch nicht werden.

Bitte, im nicht allzu fernen Brüssel läuft gerade ein Gipfelmarathon. Das Schicksal Europas soll entschieden werden. Viele Teilnehmer sind noch geschockt vom neuen Schuldentragfähigkeitsbericht zu Griechenland - bis zum Jahr 2020 würden rund 250 Milliarden Euro an Hilfskrediten benötigt - und die Banken scheinen nicht so mitzuspielen, wie es die Politiker für die Rettung der Euro-Zone fordern. Heißt: Das Gesamtpaket, das am Mittwochabend verkündet werden soll, ist in Gefahr. Klingt verdammt nach Krisenmanagement, das - wohl längst schon - aus dem Ruder geraten ist. Gemütlich ist das alles nicht und schön wäre es, wenn darüber endlich auch mal von politischer Seite Tacheles geredet würde. Das war doch das Versprechen eben dieser Sendung. Oder?

Schmidt wünscht sich Sachverstand

Wenigstens ging es nicht weiter mit artverwandten Fragen, etwa nach Lieblingsmusik, -büchern und -essen. Jauch ruderte von U zu E, ruckartig Richtung Thema. Helmut Schmidt sagte, die derzeitige Krise sei ernst zu nehmen. Zu lange schon würde es dauern, wie gegenwärtig Regierende, ob etwa in Berlin, ob in Paris, damit umgingen. Man habe viel zu viel Zeit unnötig vertan, einen Rettungsschirm nach dem anderen aufgemacht, ohne Entscheidendes auf den Weg zu bringen. "In Wahrheit haben wir es zu tun mit einer Krise der Handlungsfähigkeit der politischen Organe", beurteilte Schmidt bereits bei der Verabschiedung von EZB-Chef Jean-Claude Trichet am Dienstag in Frankfurt die aktuelle Lage. Damit blies er in dasselbe Horn wie Jean-Claude Juncker, Chef der Euro-Gruppe, der jüngst in Brüssel wetterte, die Außenwirkung der Euro-Retter sei desaströs. Was aber braucht es, um das zu ändern? Knowhow beispielsweise. "Ein bisschen mehr an wirtschaftlichem Sachverstand kann man allen politischen Parteien in Deutschland nur wünschen", so Schmidt bei "Günther Jauch". Mit der Aufnahme Griechenlands in die Europäische Währungsunion habe man beispielsweise einen entscheidenden Fehler gemacht.

Doch wie sehr ist die Sache den Beteiligten tatsächlich über den Kopf gewachsen? Erleben wir derzeit den Anfang vom Ende des Kapitalismus? Liegt die soziale Marktwirtschaft in den letzten Zügen? "Nein, das nicht", so Steinbrück. Doch hinter der ökonomischen Krise stecke auch eine gewisse gesellschaftliche Krise. "Viele Menschen merken, der Politiker ist der Getriebene. Er erscheint als jemand, der erpressbar ist von den Märkten", so der Bundestagsabgeordnete weiter. Die Politik sei offenbar aus Sicht vieler Menschen nicht mehr der handlungsfähige Teil. Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. "Wir helfen den Banken, aber anschließend sind die Banken nicht mehr beteiligt an der Finanzierung der Folgekosten", sagte Steinbrück. "Viele Banken gehen hochgradige Risiken ein, aber es haftet anschließend die Steuergemeinschaft." Allein: Nicht nur die Banken seien der Buhmann. "Natürlich hat auch die Politik Fehler gemacht", räumte Steinbrück ein. Dazu zähle die "Leichtfüßigkeit, mit der die Staaten sich verschuldet haben". Aha. Oho. Derlei Fehlereingeständnisse sind nicht gerade an der politischen Tagesordnung. Bekannt: Insbesondere Bundeskanzlerin Angela Merkel fremdelt damit.

Schmidt klärt die Kandidatenfrage

Vielleicht gehört derlei Selbstkritik auch schon mit hinein in das Empfehlungsschreiben, das Peer Steinbrück attestieren soll, auch er "könne Kanzler". In der letzten Phase der Sendung war plötzlich Schluss mit Krisen-Talk. Abrupter Themenwechsel, obwohl längst noch nicht alles angesprochen war. Doch der PR in eigener Sache wollte sich Jauch nicht in die Quere stellen, was ihm auf jeden Fall eine Note in gutem Betragen garantierte. Nun also drehte sich alles um eine mögliche Kanzlerkandidatur Steinbrücks. Schmidt rührte engagiert die Werbetrommel für seinen SPD-Kollegen. "Er ist der geeignete Mann, weil wir im Augenblick politische Führer brauchen, die wissen, worüber sie sprechen", sagte der "Elder Statesman". "Und er ist einer von denen, die wissen, worüber sie reden." Steinbrück hingegen hielt sich zurück: "Ich werde mich äußern, wenn und falls der SPD-Vorsitzende mir die Frage stellt."

"Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen, den Vorhang zu und alle Fragen offen", heißt es im Epilog von Bertolt Brechts "Der gute Mensch von Sezuan". Kaum anders fühlte es sich am Ende bei "Günther Jauch" an. Unbestritten, die Sendung brachte ein bisschen Licht ins Dunkel und das perfekt eingespielte Polit-Duo sorgte nebenbei noch für Lacher und charmante Lockerheit, doch man hätte noch gerne Antworten gehört auf entscheidende Fragen wie "Was braucht es, um uns aus der Krise zu führen und wen braucht es?", "Wie sollten verantwortliche Politiker handeln?", "Was muss Politik in Zeiten wie diesen leisten?" Auch mehr Detailwissen hätte sicher nicht geschadet, beispielsweise: Was bedeutet der Schuldenschnitt und welche Auswirkungen hat er auf die finanzielle Lage Deutschlands? Und: Wie funktioniert der Rettungsschirm und was passiert, wenn er hochgehebelt wird? Stattdessen, und hier wieder was aus dem "leichten" Fach, gab es Aufklärung in der Frage nach der Ursache für die beeindruckende geistige Vitalität des inzwischen 92-jährigen Helmut Schmidt. "Man muss ständig gearbeitet haben. Und vor allem braucht man Zigaretten." Sagte es. Schmunzelte. Was sonst keiner mehr im TV wagt, Schmidt ließ es sich nicht nehmen. Auch in der Sendung konnte der Altbundeskanzler, so kennt man ihn, kaum von seinen Menthol-Glimmstängeln lassen. Und der Jauch, saß im Rauch.

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  • Sylvie-Sophie Schindler