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6. Oktober 2007, 10:24 Uhr

Das geklonte Ereignis

Besser gut aus dem Geschichtsbuch geklaut als schlecht selbst ausgedacht: Historische TV-Events bringen Quote. Nach dem "Dritten Reich" wird nun die DDR ausgeweidet, der nächste Trend sind die Verfilmungen von Promi-Biografien. Von Alexander Kühn

Die Haare kurz und suchend der Blick: Veronica Ferres als "Die Frau vom Checkpoint Charlie"© Jan Woitas/ DPA

Erfolgreich Fernsehen machen, also mit Quote, ist immer einfach, wenn etwas los ist. 11. September. Alter Papst tot. Neuer Papst da. WM. Da simmer dabei! Wenn nix los ist, muss man so tun, als wäre etwas los. Ereignisse werden geklont, die Historie wird geplündert. Flucht, Vertreibung, Luftbrücke - ein Stichwort, und jeder weiß Bescheid. Der Spielfilm wird zum Event.

Als Felicitas Woll durch das brennende Dresden irrte, litten zwölf Millionen mit - Hitler geht immer, das "Dritte Reich", samt Vor- und Nachwehen, mobilisiert Massen. Die Produktionsfirma Ufa möchte demnächst, wie's 1933 geschah, den Reichstag anzünden, ein Sender wird noch gesucht; ihr Flüchtlingsschiff "Wilhelm Gustloff", gesunken 1945, hat sie ans ZDF verkauft. Nun kommt die zweite deutsche Diktatur, mit Macht: Ermutigt durch den Oscar- Erfolg "Das Leben der Anderen", will das Fernsehen auch der DDR authentischen Grusel und bewegende Dramen abtrotzen. Der Mauerfall wird 20, in zwei Jahren erst, doch jeder will als Erster gedenken. RTL hat schon mal angefangen, vergangenen Sonntag mit der Spitzel-Schnulze "Prager Botschaft". Am Sonntag und Montag, 30. September und 1. Oktober, vorm Einheitstag, zeigte das Erste "Die Frau vom Checkpoint Charlie" - eine Mutter, die bei der Flucht in den Westen von ihren Töchtern getrennt wird. Sie hofft. Kämpft. Siegt. Rührt. Eine "wahre Geschichte" - kostbarer ist nur das Gütesiegel "Futtern wie bei Muttern".

Verlangt werden Stars

"Die Frau vom Checkpoint Charlie" gab Veronica Ferres, einfühlsam, überzeugend, Ferres-Hasser dürften überrascht gewesen sein. Ihr nächster Zonen-Einsatz ist das Wende-Drama "Das Wunder von Berlin" im Frühjahr im ZDF. An ihrer Seite: Heino Ferch, der schon Schliemann war, Napoleon und Albert Speer. Weitere Auferstehungen aus Ruinen: "An die Grenze" mit Corinna Harfouch am 29. Oktober im ZDF; das Stasi-Movie "12 heißt: Ich liebe Dich" mit Devid Striesow und Claudia Michelsen, kommendes Frühjahr im Ersten; im Herbst 2008 auf Sat 1 "Der Untergang der DDR" mit Heiner Lauterbach. Eventisieren lässt sich alles, was im kollektiven Gedächtnis haust. Die Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut" vor 30 Jahren oder das ICE-Unglück von Eschede 1998, die beide von der ARD verfilmt werden; oder die Geschichte der deutschen Sahara-Geiseln 2003, die das ZDF aufarbeitet, Titel: "Die Karawane".

Von fern rücken derweil Stars und Legenden vergangener Zeiten an. Die ARD dreht zunächst "Karl Valentin und Liesl Karlstadt" mit Johannes Herrschmann und Hannah Herzsprung, im Frühjahr dann ein Romy-Schneider-Movie, Besetzung noch unklar. Das ZDF kontert: Die Krupps. Dutschke. Kohl. Franz Josef Strauß. RTL reanimiert Beate Uhse, die Produktionsfirma Teamworx will sich des Zoologen Bernhard Grzimek annehmen. Der kann sich nicht mehr wehren. Anders die Pharmafirma Grünenthal und der Frankfurter Anwalt Karl-Hermann Schulte- Hillen. Sie wollten "Eine einzige Tablette", den Zweiteiler über den Contergan- Skandal, verbieten lassen - scheiterten jedoch vor dem Bundesverfassungsgericht; das Erste zeigt den Film am 7. und 8. November. Umso vorsichtiger agiert Teamworx- Chef Nico Hofman. Er reiste nach Wien, um eine junge Dame zu überzeugen, dass unbedingt er ihre achtjährige Gefangenschaft in einem Keller verfilmen müsse. Noch, so ist zu hören, habe Natascha Kampusch nicht zusagen wollen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 40/2007

Von Alexander Kühn
 
 
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