Der amerikanische Fernseharzt "Dr. House" ist so sympathisch wie eine Magenspiegelung. Sein britischer Darsteller Hugh Laurie wundert sich noch immer über den Erfolg der Serie - und hätte gern wieder etwas mehr Zeit für seine Familie.

"Normalerweise sind Fernsehhelden nette Kerle": Hugh Laurie, 47, mimt den muffeligen Dr. House© RTL
Dummköpfe kann er nicht ausstehen, aufgeklärte Patienten noch weniger, und weinende Angehörige schickt er umgehend vor die Tür, sie gehen ihm auf die Nerven. "Sie brauchen mich nicht anzulügen", blafft er gern Frauen im Krankenbett an, "wir sind schließlich nicht verheiratet." Und wenn ihn die Leiterin des Hospitals ermahnt, mit all den Siechen und Versehrten netter umzugehen, verdreht dieser grantige Gott in Weiß die unglaublich blauen Augen und murmelt: "Menschlichkeit wird überbewertet." Gewiss, Dr. House ist nicht der verständnisvollste Arzt im deutschen Fernsehen - aber zweifellos der, zu dem wir alle kröchen, litten wir an rätselhaften Zuckungen, finaler Verkalkung oder Psycho-Knacksen, die Nieren zum Kollabieren bringen. Als brillanter Diagnostiker löst House allwöchentlich dienstags ab 21.15 Uhr auf RTL die bizarrsten BettGeschichten - medizinische Not- und Extremfälle, welche die Kombinationsgabe eines Sherlock Holmes erfordern; hier vorgetragen mit dem Charme von Ekel Alfred.
Sexistische Sprüche fallen ihm aus dem Mund wie seiner elenden Kundschaft die letzte Mahlzeit, und während andere unkuschelige TV-Helden in der Regel ihre Episoden versöhnlich beschließen, bleibt Dr. House ein Kotzbrocken bis zum Abspann. Gut aussehend, sarkastisch, messerscharf; dabei an der Krücke humpelnd, weil er ein kaputtes Bein, und überraschende Helferinstinkte weckend, weil er eine kaputte Seele hat.
Das krüppelige Äußere verhilft ihm immerhin zum Behindertenparkplatz (als ihm den eines Tages eine Kollegin im Rollstuhl streitig macht - Rollstuhl toppt Gehstock! -, setzt er sich dito auf Räder; für keine kindische Aktion ist sich House zu schade). Und das verkrüppelte Innenleben hat ihn, der Mitarbeiter wie Patienten weiträumig von sich wegbeißt, zum umjubelten Star gemacht: Kein Fernsehheld, da ist sich die internationale Kritik einig, ist so anziehend wie dieser abstoßende Muffelkopf.
Schon 70 Episoden lang ist der britische Komiker Hugh Laurie in diese Rolle geschlüpft, die ihm zwei Golden Globes und einen goldenen Karriereschub beschert hat. Der 47-jährige Arztsohn aus Oxford spielte einst den Papa der Hollywood-Maus "Stuart Little" und fand in der alten Heimat mit schön albernen Fernsehsketchen eine feste Fan-Gemeinde. Doch ausgerechnet der Anti-Typ House machte ihn zum "Leading Man", zum Sexsymbol. Wie seine Ex-Freundin Emma Thompson einmal bemerkte: "Hugh gehört zu diesen seltenen Leuten, die es schaffen, auf traurige Art sexy zu sein, etwa wie ein Aal mit echt imposanter Männlichkeit." Der stern traf den Briten nach Drehschluss im Büro von Dr. House.
Ach ja? Wie klinge ich übrigens? Ich habe nur ein einziges Mal meine Synchronstimme gehört, das war vor vielen Jahren bei der Premiere von "Stuart Little 2", da saß ich neben Gerhard Schröders Frau.
Hat er mehrere? Was für ein interessantes Land. Man hat mir erzählt, dass "House" in Italien sehr erfolgreich sein soll, aus Deutschland hörte ich gar nichts. Ich habe mir Sorgen gemacht.
Aber selbstverständlich. Ich habe zwar immer gedacht, dass die Serie sehr gut ist, aber zwischen gut und erfolgreich klafft eine Riesenschlucht. Jedes halbe Jahr werfen die amerikanischen Sender 20 oder noch mehr neue Serien auf den Markt, und nur zwei überleben. Manchmal überlebt auch gar keine. Ein brutales Geschäft, und ich weiß genau, in welch seltener, wunderbarer Position ich bin.
Es ist doch so: Normalerweise sind Fernsehhelden nette Kerle mit netten Haarschnitten, die sympathische Scherze machen, in hübschen Wohnungen leben und obendrein noch einen netten Hund haben. Das ist alles so liebenswert, dass man würgen möchte. Als mein Agent mir vor drei Jahren fürs Casting einen Ausriss aus dem Drehbuch schickte, dachte ich, dieser mürrische House sei die Nebenrolle. Wilson, sein einziger Freund am Krankenhaus, wurde beschrieben als "attraktiv, mit einem offenen, jungenhaften Gesicht". Bingo: Das ist der Held, dachte ich. Ich aber mochte House von Anfang an - weil er nicht aufs Gemochtwerden aus ist.
Meine Theorie lautet, dass die Leute die Nase voll haben von der "Political Correctness" unserer Zeit. Es ist nicht mehr erlaubt, die Wahrheit auszusprechen, alles muss beschönigt werden. House hat kein Interesse daran. Er sagt, was er denkt.
Nein, mein einziger Beitrag zur Gestaltung von House besteht darin, dass ich ihn leiden mag. Dass ich verstehe, wie er tickt. Und ich weiß, dass andere Schauspieler, die als House infrage kamen, ungern eine unsympathische Figur spielen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 14/2007