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Bambi für den Bösewicht

Die Kritik war hart. Dennoch nahm Skandal-Rapper Bushido am Donnerstagabend sein Bambi für Integration in den Arm. Das Publikum klatschte brav Beifall, allein die Band Rosenstolz bezog Stellung.

Von Katharina Miklis

Da muss man erst einmal drauf kommen: Da bekommt der homosexuelle Musiker Peter Plate von der Band Rosenstolz einen Preis für sein Comeback und wenig später wird ein Rapper auf der gleichen Bühne gefeiert, den unter anderem schwulenfeindliche Texte berühmt und reich gemacht haben: Bushido. Noch dazu: Der in Bonn geborene, von einer deutschen Mutter und in deutschen Schulen erzogene Mann bekommt den Preis für gelungene Integration.

Was die anderen Gäste offenbar nicht weiter stört. Allein Peter Plate von der Band Rosenstolz bezieht nach anderthalb Stunden Glamour-Posse vor rund 1000 Gala-Gästen in Wiesbaden Stellung: "Ich möchte morgen noch in den Spiegel schauen können", sagt er live auf der 63. Bambi-Verleihung des Medienhauses Burda. Und gibt zu bedenken, dass der Mann, der am selben Abend mit einem goldenen Rehkitz geehrt werden soll, jahrelang mit menschenverachtenden Texten Karriere gemacht hat. "Jeder hat eine zweite Chance verdient", so Plate weiter, "aber so einen Künstler auszuzeichnen ist nicht korrekt". Kameraschwenk ins Publikum: Der angesprochene "Rüpel-Rapper" schüttelt genervt den Kopf.

Hat Bushido den Bambi verdient?

Burda verteidigt Bushido

"Musik ist eine Kunstform, der bewusste Tabubruch ein Stilmittel des Raps". Mit diesem Statement hatte der Verlag am Tag vor der Verleihung auf die Kritik an der Entscheidung reagiert und damit Bushidos Textzeilen wie "Ihr Tunten werdet vergast" oder "Ein Schwanz in den Arsch, ein Schwanz in den Mund" ihre Berechtigung zugesprochen. Auch der dringenden Bitte der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, auf diese Auszeichnung zu verzichten, kam Burda nicht nach. "Unser nächster Preisträger polarisiert", leitet "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel am Donnerstagabend die Preisverleihung für den umstrittenen Sohn einer Deutschen und eines Tunesiers ein. "Heute setzt er sich gegen Gewalt und Diskriminierung ein". Peter Maffay hält die Laudatio, in der der diesbezüglich unbedarfte Veteran zugibt, wenig von Bushido zu wissen. Und das obwohl er doch gerade einen Song mit ihm aufgenommen hat. "Wir kennen uns zu wenig," liest Maffay von seinen Kärtchen ab, "aber wir sind beide Musiker. Wir rudern manchmal raus, ohne das gegenüberliegende Ufer zu kennen. Der Weg ist das Ziel". Bushidos Weg vom extremen Gewalt-Porno-Rapper zum vermeintlichen Schulhof-Helden und Vorstadt-Spießer scheint Maffay jedoch nicht wirklich zu kennen. Nur so kann man sich seine Begeisterung für das "Vorbild" Bushido erklären.

Mesut Özil - Bushidos Vorgänger im doppelten Sinn

Als der Rapper schließlich im feinen Anzug die Bühne betritt, klatscht dann doch so gut wie jeder. Dabei hatten sich vorher auf Twitter und Facebook Gruppen formiert, die dazu aufgerufen hatten, ihm im Saal wenigstens keinen Beifall zu schenken. Die wenigsten der fein herausgeputzten Gäste halten sich daran. Moderatorin Nazan Eckes, die im vergangenen Jahr Mesut Özil selbigen Preis überreichte, klatscht nicht. Bushido selbst versucht auf der Bühne, die Vorwürfe an sich abprallen zu lassen. Auf seiner Wange: der rote Kussmund seiner Freundin und Begleiterin Anna-Maria Lagerblom, die im vergangenen Jahr erst für ihren Ex Mesut Özil zum Islam konvertiert war. Er wolle sich nicht rechtfertigen oder über den Preis diskutieren, sagt Bushido. Und tut es dann doch: "Ich weiß nicht, ob ich den Preis verdient habe. Die Jury sagt, ich habe ihn verdient". Persönlich berühre die Kritik ihn nicht, fährt er gewohnt arrogant-verletzt fort. Im Gegenteil: Er wundere sich, dass die Leute nichts Besseres zu tun haben, als sich über diese Auszeichnung aufzuregen. Er sei jetzt 33 Jahre alt und habe gelernt, "dass das, was ich gemacht habe, falsch war". Dennoch sollten die Menschen "lieber an diejenigen denken, die noch keine Integration erfahren haben". Zum Abschluss betont der preisgekrönte Rapper noch, dass er gern viel mehr für die Integration in Deutschland getan hätte. Allerdings habe ihn niemand gefragt.

Justin Bieber und Helmut Schmidt

Mal abgesehen von der Causa Bushido hatte der Abend auch wirklich große Stars zu bieten: Modezar Karl Lagerfeld überreichte Lady Gaga den Bambi "Pop international" und lobte die außergewöhnliche Entertainerin dafür, dass sie gegen Banalität und Langeweile ankämpfe. Für die junge Zielgruppe gab es Justin Bieber, der die Fans vor der Halle kreischen ließ wie sonst nur Tokio Hotel, bevor er ein Weihnachtslied trällerte und als "Superstar der sozialen Netzwerke" geehrt wurde.

Aus Hollywood war diesmal Schauspielerin Gwyneth Paltrow angereist, um - wie im vergangenen Jahr Sarah Jessica Parker - ein bisschen vom Teleprompter herunterzumoderieren und dann den Bambi für "Film international" entgegenzunehmen. Thomas Gottschalk kam vorbei, um sein Goldreh für das "TV-Ereignis des Jahres" - die Mallorca-Ausgabe von "Wetten, dass...?" - abzuholen. Aber irgendwie war er auch hier schon gar nicht mehr richtig da. Und schließlich bekam Helmut Schmidt das Millenniums-Bambi. Eingeblendet wurde bei der TV-Übertragung aber ein verwunderter Hans-Dietrich Genscher. Es war nicht wirklich Burdas Abend.

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