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Annäherung an einen Mythos

Jessica Schwarz hat eine Buddenbrook gespielt und war im "Parfüm" dabei. Doch das war alles nur Vorspiel zu ihrer wichtigsten Rolle. Sie ist "Romy" - und sorgt dafür, dass das Leben einer deutschen Ikone endlich einmal würdig verfilmt wird.

Von Katharina Miklis

Jessica Schwarz zieht nervös an ihrer Zigarette. Die Knie hat sie dicht an ihren Körper gezogen. Es ist ein verregneter Oktobertag im Jahr 2008. Schwarz sitzt in einem Hamburger Luxus-Hotelzimmer und soll eigentlich über ihre Rolle der Tony in Heinrich Breloers "Die Buddenbrooks" reden. Doch die Journalisten kommen immer wieder auf das gleiche Thema zurück: "Romy". Ahnend, welches Medieninteresse ihre Rolle als Romy Schneider ein Jahr später auf sich ziehen würde, hielt sich Schwarz im letzten Jahr noch mit Äußerungen über die wichtigste Rolle ihres Lebens zurück. Sie befand sich mitten in der Vorbereitungsphase für das von Regisseur Torsten C. Fischer inszenierte Biopic über Romy Schneider. Las ihre Tagebücher, trug ihr Parfum. Aber darüber sprechen? Nein. "Ich will sie weder zerreden noch den Zauber zerstören", bat die 32-Jährige eindringlich und mit rauchiger Stimme um Verständnis.

Die Rolle ihres Lebens

Ein Jahr später darf sie nun endlich reden. Über Romy, die Rolle ihres Lebens, ihre Angst vor dem Scheitern, ihre Gemeinsamkeiten mit der größten deutschen Schauspielerin der Nachkriegszeit. Wie Romy Schneider hat die 1977 in der hessischen Provinz geborene Schwarz keine Schauspielschule besucht. Arbeitete sich als ehemaliges "Bravo"-Girl und Viva-Gesicht zum Film hoch. Spielte 2001 in "Nichts bereuen" die erste große Hauptrolle, bekam für "Kammerflimmern" 2004 den Bayerischen Filmpreis, mimte in Tom Tykwers "Das Parfum" 2006 eine Hure. Nie jedoch war die Aufmerksamkeit so groß wie jetzt. Dabei läuft der Film nicht mal im Kino.

Die Rolle der Tony Buddenbrook war eine Herausforderung, die der Romy Schneider ein Wendepunkt in der Karriere von Schwarz. Die Gefahr des Scheiterns ist riesig. 27 Jahre hat es nach dem Tod von Romy Schneider gedauert, bis sich jemand an den Stoff herantraute. Der deutsche Film hat keine guten Erfahrungen mit dramatischen Biopics großer Frauen. Sowohl Joseph Vilsmaiers "Marlene" (2000) mit Katja Flint als auch Kai Wessels "Hilde" (2009) mit Heike Makatsch floppten an der Kinokasse. Eine internationale Schneider-Verfilmung mit Yvonne Catterfeld in der Hauptrolle scheiterte schon im Vorfeld an ungeklärten Finanzierungs- und Rechtsfragen und dem mangelnden Mut französischer Investoren.

Zu viel Leben für ein bisschen Fernsehen

Jetzt ist es also die ARD, die sich traut, ein ganzes Leben voller Schmerz und Zerrissenheit, ein ganzes Leben voller Angst und Stolz und Sucht und voller Traurigkeit und Glück, kurz: das Leben von Romy Schneider in 105 Minuten Fernsehfilm zu stecken. Sehr viel Leben für ein bisschen Fernsehen. Dennoch: Herausgekommen ist ein Film, der eine Ahnung davon gibt, wer diese Romy Schneider war, die 1982 mit nur 43 Jahren an Herzversagen starb.

Die größte Überraschung ist Jessica Schwarz. Sie hätte es nicht nötig gehabt, medienwirksam und pünktlich zum Ausstrahlungstermin mit der Boulevardpresse über ihre Drogenexzesse und Selbstmordversuche nach der Trennung von Daniel Brühl zu reden, um damit die Gemeinsamkeiten mit der Schneider zu betonen. Jessica Schwarz, die nach zwei Stunden Maske und im dramatischen Licht durchaus Ähnlichkeiten zur Schneider aufweist, hat alles richtig gemacht. Sie kopiert Romy nicht, sie nähert sich ihr an, ganz vorsichtig, in einigen Momenten gewaltig.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wird der Film Romy Schneider gerecht?

Der Film von Torsten C. Fischer zeigt Romy Schneiders zermürbenden Kampf gegen das Prinzessinnen-Image nach "Sissi", ihre glückliche Zeit mit Alain Delon in Frankreich, ihre Theaterarbeit mit Luchino Visconti, ihren Kampf mit sich selbst, mit ihrer Heimat Deutschland, die sie als Verräterin ansieht. Zwar muss der Mut zu eigenen Interpretationen Torsten C. Fischers Wunsch nach Vollständigkeit weichen, was zum Teil für Längen sorgt. Doch die Höhepunkte des Films entschädigen dafür reichlich: Zum Beispiel wenn Romys Ehe mit dem frustrierten, erfolglosen Regisseur Harry Meyen beleuchtet wird, der so gnadenlos gut gespielt wird von Thomas Kretschmann. Eine Ehe, die an "zu viel Kartoffelsalat und Fernsehen" (Romy Schneider) zu Grunde geht und am Ende beide das Leben kosten wird.

Andeutung statt Ausschlachtung

Am stärksten ist der Film dann, wenn er schweigt. Wenn er den Suizidversuch von Romy nach der Trennung von Delon erahnen lässt, wenn er den Selbstmord von Meyen und den furchtbaren Tod von Romys Sohn David durch einen Kameraschwenk auf niedergelegte Blumen an einem Zaun nur andeutet. Offene Sektflaschen statt Saufgelage. Schneiders Tod wird ganz ausgelassen. Die Kraft der Bilder, die nicht gezeigt werden, ist gewaltig und man ist dankbar für den Verzicht auf reißerische Szenen.

"Die Männer in meinem Leben waren doch eigentlich nicht so wichtig", sagt Romy, vom Tabletten- und Alkoholmissbrauch gezeichnet, gegen Ende des Filmes zu ihrer stets fordernden Mutter Magda Schneider (Maresa Hörbiger). Doch welchen Einfluss ihre Männer wie Alain Delon (Guillaume Delorme), ihr Stiefvater Hans Herbert Blatzheim (Heinz Hoenig), ihr leiblicher Vater Wolf Albach-Retty (Karlheinz Hackl) und Ehemann Harry Meyen (Thomas Kretschmann), wirklich auf ihr Leben hatten, zeigt die Produktion auf dramatische Weise.

Wird der Film der wahren Romy Schneider gerecht? Gegenfrage: Welcher Film könnte das schon? Immerhin ist "Romy" eine beeindruckende Annäherung an einen Mythos und Jessica Schwarz brilliert mit einer dezenten Interpretation einer Legende. Ein Film, der vielleicht nicht lange im Kopf bleibt, aber der den Schmerz von Romy Schneider mehr als 27 Jahre nach ihrem Tod wieder spüren lässt und lange traurig macht. Und das ist vielleicht das größte Kompliment.

"Romy" läuft am Mittwoch, 11. November, um 20.15 Uhr im Ersten. Danach folgt die Dokumentation "Romy Schneider - Eine Nahaufnahme" um 22 Uhr

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