Wer braucht schon Pocher, wenn er Pilawa und Plasberg hat? ARD-Programmdirektor Volker Herres spricht im stern.de-Interview über den neuen Shopping-Wahn von Sat1, warum ihm das keine schlaflosen Nächte bereitet und verrät, um welche Show er RTL beneidet.

Sat1 geht shoppen bei den Öffentlich-Rechtlichen, doch er bleibt "ganz entspannt": ARD-Programmdirektor Volker Herres© Picture-Alliance
Nein, so weit würde ich nicht gehen. Ich habe den Eindruck, Sat1 geht jetzt ein bisschen shoppen. Kein Grund zur Aufregung. Im Gegenteil. Da kann man ja jetzt wieder ganz beruhigt sein: Offensichtlich geht es den kommerziellen Sendern wirtschaftlich doch nicht so schlecht, wie immer geschrieben wird.
Nein.
Ich bin relativ angstfrei. Und ich habe keine Ahnung, was Sat1 noch so vorhat. Wir beobachten die Entwicklungen. Aber ich bin da sehr entspannt.
Wir haben sehr starke Protagonisten in der ARD. Es fehlt uns nicht an prominenten Gesichtern. Jörg Pilawa ist der beste Moderator, den es im Showbereich gibt. Wir haben Frank Plasberg, Anne Will, Reinhold Beckmann, Sandra Maischberger, Gerhard Delling und ein Topduo in den Tagesthemen. Und Harald Schmidt und... Aufzählen ist gefährlich, weil man meist jemanden vergessen hat...
Wir werden immer wieder versuchen, neue Akzente zu setzen. Im Hinblick auf die jüngeren Zuschauer haben wir das zum Beispiel mit Ina Müller getan, die wir ins Erste geholt haben. Im Bereich Sport haben wir Mehmet Scholl als Fußballexperten. Und wir haben Tim Mälzer geholt. Also da passiert eine ganze Menge.
Der 12-Jährige sieht wenig fern. Der ist vor allem im Internet. Wenn allerdings Obama in Deutschland ist, dann schaltet er als Obama-Fan auch Das Erste ein, um die Live-Berichterstattung zu verfolgen.
... eher ganz normale.
Nein, Medien haben sich immer verändert. Ich finde das nicht dramatisch. Es bedeutet aber, dass wir als Fernsehanbieter auch im Netz präsent sein müssen. Das Internet wird immer mehr ein Bewegtbild-Medium. Und am Ende ist es dann wieder Fernsehen.
Auf jeden Fall. Kein Medium wird von einem anderen verdrängt. Fernsehen ist ein Lean-back-Medium. Man schaltet ein, um abzuschalten. Dieses Bedürfnis werden Menschen immer haben. Da bin ich sehr optimistisch. Die Menschen verbringen sowieso schon den ganzen Tag vor dem Computer, weil ein Großteil der Arbeit - egal ob sie Autos reparieren oder Arzt sind - dort stattfindet.
Dass Jüngere eher kommerzielle Sender nutzen und nicht öffentlich-rechtliche, das liegt in der Natur der Angebote. Die privaten Sender zielen ja ausschließlich auf jüngeres Publikum. Für die endet das Leben mit 49.
Das ist genau das Kunststück, das wir vollbringen wollen. Wir wollen niemanden vergraulen. Das ältere Publikum in Deutschland guckt immerhin weitaus mehr fern als das jüngere und ist auch viel treuer. Es ist aber auch nicht so, dass wir keine jungen Zuschauer hätten. Wir haben sie beim Sport, beim "Tatort", bei den Mittwochsfilmen, im seriellen Vorabend. Wir haben sie auch bei der Tagesschau um 20 Uhr. Das ist unverändert auch bei den unter 49-Jährigen die am häufigsten gesehene Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. Und wir haben den Echo zurück ins Erste geholt und senden demnächst den Eurovision Song Contest aus Moskau.
Ja, ich gucke mit ihnen. Ich bitte meine Kinder auch schon mal, sich etwas anzuschauen und mir zu sagen, wie es ihnen gefällt. Jetzt habe ich zum Beispiel gerade mit meiner Tochter "Die Frau, die im Wald verschwand" gesehen. Das hat ihr sehr gut gefallen.
Aus dem Alter ist sie raus.
Es wäre ja fahrlässig, wenn ich als Programmverantwortlicher nicht alles, was sich im Fernsehen tut, beobachten würde.
Das schaue ich professionell, nicht weil ich es selber gerne sehen will. Aus privatem Interesse würde ich mir "DSDS" sicherlich nicht angucken.
Das ist Unsinn. Es gibt keine Annäherung an die Kommerziellen und die ist auch nicht beabsichtigt. Unsere Programme unterscheiden sich eindeutig voneinander. Wir haben im Ersten einen Informationsanteil von rund 40 Prozent. Wir machen Fernsehen für alle. Wir haben politische und kulturelle Magazine. Wo gibt es denn die bei den Privaten?
Lesen Sie auf Seite 2: Um welche Sendung Volker Herres RTL beneidet und wie er den Quoten-Flop "Eine für alle", die neue ARD-Vorabenserie, verteidigt...
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