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Warum guckst du nicht ARD?

Sehen Türken anders fern als Deutsche? Eine Studie des nordrhein-westfälischen Integrationsministers, die stern.de exklusiv vorliegt, zeigt: Die Akzeptanz deutscher Sender sinkt. Von Katharina Miklis

Zappen zwischen den Welten: Während im deutschen Mittagsprogramm an einem ganz gewöhnlichen Werktag ein ergrauter TV-Koch im "ARD-Buffet" gemächlich Carpaccio von Jakobsmuscheln anrichtet, rennt eine stark geschminkte Blondine im türkischen Fernsehen kreischend durch eine kitschige Plastikkulisse mit Palmen-Tapete. Ein DJ legt dröhnende Musik auf. Die Zuschauer hält es nicht auf den Stühlen. Frühstücksfernsehen auf Türkisch. Das Kontrastprogramm zum gemütlichen deutschen Fernsehalltag am Vormittag.

Was auf Deutsche überladen und trashig wirkt, ist für die fast drei Millionen in Deutschland lebenden Türken ihre "Brücke zur Heimat": das türkische Fernsehen. Aber gucken Türken wirklich anders Fernsehen als Deutsche - oder sind wir vor dem Fernseher alle gleich? Es gibt nur wenige Erkenntnisse darüber, wie Türken am TV-Schalter wirklich ticken. Die Stiftung "Zentrum für Türkeistudien" in Essen hat jetzt im Auftrag des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Integration eine umfassende Studie zur Mediennutzung von türkischstämmigen Migranten in Deutschland zusammengestellt, die in den kommenden Tagen veröffentlicht wird. Die Studie, die stern.de exklusiv vorliegt, zeigt, dass zwar die überwiegende Mehrheit der türkischstämmigen Migranten sowohl deutsches als auch türkisches Fernsehen guckt, 55 Prozent der türkischen Fernsehnutzer schauen jedoch mehr türkische als deutsche Programme. In Nordrhein-Westfalen sind es sogar 58 Prozent. Laut Ministerium lässt sich erkennen, dass das türkische Fernsehen und türkische Medien insgesamt heute häufiger genutzt werden als noch vor einigen Jahren.

"Zu viel Kopfschmerzen mag der Türke nicht"

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich Türken vom deutschen Fernsehen nicht genügend unterhalten fühlen. Das deutsche Fernsehen assoziieren sie mit Sachlichkeit und Distanz. Sogar in der Unterhaltung. Deswegen bleiben sie häufig lieber bei ihren Heimatsendern. Ist den Türken das deutsche Programm zu langweilig? Nazan Eckes, RTL-Moderatorin und Tochter türkischer Einwanderer, bestätigt, "dass mit der oft nüchternen Erzählweise deutscher Produktionen viele meiner Landsleute sehr wenig anfangen können". Das türkische Fernsehen sei viel bunter: "Selbst beim Frühstücksfernsehen führen stark geschminkte und knapp bekleidete Frauen durch das Programm. Zu viel debattieren, zu viel Kopfschmerzen mag der Türke nicht." Ähnlich sieht es Gülcan Kamps, Viva-Plauderin mit türkischer Abstammung. Wenn sie mit ihren Eltern vor dem Fernseher sitzt, werden oft Heimatprogramme geguckt. Weil es "mehr Musik gibt, mehr Acts, mehr bunte Shows".

"Gebt den Zugewanderten eine Heimat in euren Medien"

NRW-Integrationsminister Armin Laschet erklärt den Zuwachs der Nutzung von türkischen Medien damit, dass "das türkische Fernsehen seit circa zwei bis drei Jahren mehr Soaps, mehr Serien und Familienshows, insgesamt mehr Unterhaltungssendungen anbietet". Außerdem sprechen türkische Sender von jeher viel intensiver Emotionen an. Genau da sieht der Integrationsminister den Anknüpfungspunkt für deutsche Medien: "An sie muss nach dieser Studie der Appell gehen: Gebt den Zugewanderten eine Heimat in euren Medien!"

Auch Migrationsexperte Klaus J. Bade bedauert den Trend, dass Türken wieder vermehrt auf Heimatsender zappen: "Unser Fernsehen ist in der Einwanderungsgesellschaft noch nicht angekommen." Eine Möglichkeit, diesem Trend entgegen zu wirken, wäre, mehr auf die Vorlieben der Migranten einzugehen. "Integration sollte auch im Fernsehen mit einer Vielfalt der Geschmäcker leben", so Bade. "Aber wo die Einschaltquoten regieren, endet vielfach der Geschmack." Türkische Migranten werden als Nicht-EU-Ausländer nicht bei der Quotenmessung der Fernsehforschung berücksichtigt. Ihre Vorlieben zählen also nicht.

Dabei finden sie ja durchaus auch ihren Weg ins deutsche Programm. Laut Studie sind es in erster Linie Nachrichtensendungen (siehe Grafik), die sie im deutschen Fernsehen interessieren, da deutsche Medien grundsätzlich als glaubwürdiger eingeschätzt werden als türkische. Einzige Ausnahme bildete 2008 die Berichterstattung zum Brand in dem türkischen Wohnhaus in Ludwigshafen, bei dem neun Menschen starben. "Zwar wurde der türkischen Berichterstattung in hohem Maße zu starke Emotionalität und Übertreibung vorgeworfen", so Martina Sauer vom Zentrum für Türkeistudien, "den deutschen Medien dagegen häufiger Parteilichkeit, Oberflächlichkeit und Schlampigkeit." Integrationsminister Laschet fordert daher eine höhere Sensibilität von deutschen Berichterstattern.

Trotz des Interesses an Nachrichtensendungen sind es im deutschen Fernsehen vor allem die Privatsender, die von Türken genutzt werden. RTL und ProSieben sind bei ihnen mit 44 und 40 Prozent die beliebtesten deutschen Sender (siehe Grafik). Erst dann folgen die Öffentlich-Rechtlichen, die zwar für ihre Informationskompetenz geschätzt werden, jedoch nur von 35 Prozent (ARD) beziehungsweise 34 Prozent (ZDF) gesehen werden. Zum Vergleich: Nach einer Untersuchung des Allensbacher Instituts für Demoskopie erreichen ARD und ZDF in Deutschland mit 61 beziehungsweise 51 Prozent die meisten Zuschauer pro Tag. RTL und ProSieben dagegen nur 40 beziehungsweise nur 22 Prozent.

Die Studie zeigt aber nicht nur, dass Migranten ihre Heimatprogramme unterhaltsamer finden, sie finden sich in deutschen Medien auch zu wenig wieder. Und wenn, dann nur klischeehaft und negativ. Für Integrationsminister Laschet ist das ein "Alarmsignal". Eine Lösung könnte laut Integrationsminister sein, "dass Menschen mit Zuwanderungsgeschichte noch stärker als bislang in deutsche Redaktionen einziehen." Sollte sich das nicht ändern, sieht Laschet für die Zukunft des Fernsehens schwarz: "Bereits heute stammen in vielen nordrhein-westfälischen Städten 40 bis 50 Prozent der Kinder aus Zuwandererfamilien. Wenn diese sich und ihre Lebenswirklichkeit in den deutschen Medien nicht wiederfinden", so der Integrationsminister, "dann gehen dem deutschen Fernsehen langfristig Zuschauer aus."

Katharina Miklis

Katharina Miklis
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