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Ein würdeloser Abgang

Das letzte Mal "Wetten, dass..?" war der Tiefpunkt in Lanz' Karriere: Chauvi-Sprüche und das Taktgefühl eines Zwölftonners. Der respektlose Umgang mit Samuel Koch macht wütend.

Von Simone Deckner

  Erwischte bei der letzten Ausgabe von "Wetten, dass..?" noch einmal fast jedes mögliche Fettnäpfchen: Moderator Markus Lanz.

Erwischte bei der letzten Ausgabe von "Wetten, dass..?" noch einmal fast jedes mögliche Fettnäpfchen: Moderator Markus Lanz.

Was war da noch mal los gewesen: Im Vorfeld der letzten "Wetten, dass..."-Ausgabe hatte man den siechen Patient noch mal von der Bahre gezerrt und analysiert: Wie hatte es so weit kommen können? Weshalb hatten alle Heilmittel versagt? Warum hatte man das Leid nicht früher beendet? Selten waren sich die Experten bei ihrer Diagnose so einig. Da gibt es nichts mehr zu retten.

Es ging also bei der letzten Ausgabe nicht mehr um die Frage: Werden wir die große Samstagabendshow vermissen? Ein schlauer Medienforscher hatte dem "Deutschlandradio Kultur" dazu ohnehin alles Wichtige gesagt: Was wir vermissen werden ist nicht die Show, sondern unsere nostalgischen Erinnerungen daran.

Es ging an diesem letzten Abend mit "Wetten, dass..?" um andere Fragen: Bekommen es die Beteiligten, allen voran der Moderator, hin, die Show in Würde sterben zu lassen? Traut es sich Lanz ein einziges Mal, aus seiner Moderations-Schablone auszubrechen? Passiert noch einmal etwas, was uns belustigt oder berührt, so wie in besseren Zeiten von Elstner und Gottschalk? Und die bange Frage: Wie wird der Besuch von Samuel Koch verlaufen? Dem Mann, der seit seinem Unfall bei "Wetten, dass..?" vor vier Jahren gelähmt ist.

Erzwungene Nähe mit Samuel Koch

Es wurde schlimmer als je zuvor. Lanz unterbot sich bei seiner letzten Vorstellung noch einmal selbst. An seine auswendig gelernten Witze, die nie zünden, hatte man sich ja schon fast gewöhnt. Auch an die Unart, seinen Gästen langweilige Fragen zu stellen und sie dauernd zu unterbrechen.

Lanz' Interview mit Samuel Koch aber war der Tiefpunkt: medial und menschlich. "Komm nach vorne, damit wir dich alle sehen!", fordert Lanz den im Rollstuhl sitzenden Samuel Koch auf. Das Publikum steht auf, klatscht minutenlang. Lanz umarmt Koch umständlich ("Wir umarmen uns immer, wenn wir uns sehen"), fragt mit bedeutungsschwerer Stimme: "Wie geht es Dir?"

Koch ringt sichtlich mit Worten, sagt, er freue sich über den großen Applaus, fühle sich aber auch komisch. Lanz hält es für eine gute Idee, Koch dabei auf die Schulter zu tätscheln. Er ist auf unangenehmste Weise übergriffig. Von Augenhöhe keine Spur. Er wisse ja, wie sehr sich Koch gequält habe, manchmal keinen Ausweg im Leben sah, wie es ihm denn gehe? "Das hast Du schon mal gefragt", hält Koch ihn auf Abstand.

Die letzte Ausgabe von "Wetten, dass..?" war ...

Er kontert Lanz' respektloses Verhalten mit herrlich trockenem Humor. "Ich wollte mich noch mal richtig verabschieden. Beim letzten Mal hatte ich einen steifen Hals." Lanz aber ist nicht mehr zu helfen. Er halt es für legitim, Koch zu fragen: "Hast Du aus dem Unfall etwas Sinnhaftes herausziehen können?" Das ganze Interview grenzt an Körperverletzung.

Zuvor schon hatte Lanz einen blinden Kandidaten mit den Worten: "Er ist wirklich ganz, ganz blind!" vorgestellt. Dann setzt er dem Blinden eine Sichtschutzbrille auf. Damit der ja nicht schummelt bei seiner Wette. Den jungen Cheerleadern ("Ihr seid Cheerleader. So nennt man das, ja?"), die in der Luft Socken an einer Wäscheleine aufhängen, gibt er mit auf den Weg: "Wenn ihr richtig gut seid, könnt ihr sie beim nächsten Mal auch noch bügeln." Da lacht der Altherrenklub. Außer Katarina Witt und der unvermeidlichen Helene Fischer saßen übrigens nur Männer auf der Couch. In einem Einspieler wurden die wichtigsten weiblichen Gäste der letzten 33 Jahre praktischerweise in der Rubrik "Hingucker" zusammen gefasst. Wie gesagt: zur Primetime im Jahr 2014.

Otto und Bully singen Schmählied auf Lanz

Gebetsmühlenartig bemüht Lanz das Bild vom "Bademantel-Salzstangen-Gefühl" - damals, als die ganz Familie noch gemeinsam "Wetten, dass..?" guckte. Lange vor Lanz. Smudo von den Fanta 4 hatte dazu eingangs eigentlich schon alles gesagt: "Wir hatten damals ja nur drei Kanäle". Irgendwann kam dankenswerterweise Wotan Wilke Möhring dazu und erinnerte Lanz daran, dass draußen nicht mehr 1985 ist: "Das Phänomen der Gemeinschaftssendung gibt es nicht mehr".

Nach fast zwei Stunden dann ein Lichtblick: Bully und Otto stimmen einen überraschend schadenfrohen Abgesang an: "Für Markus Lanz ist heute Schicht / wird er bezahlt? Ich hoffe, nicht." Dann legen sie nach: "Arriverderci Lanz / Das war dein letzter Tanz." Lanz leicht genervt: "So, kommt, wir müssen weiter machen." Schnell weitermachen schien auch seine Devise bei den Gesprächen mit ehemaligen Wettkandidaten zu sein. Den legendären Wärmflaschenaufblaser ("Ich blase nicht mehr") fragt Lanz: "Was machst Du jetzt? Lebst in den Bergen, zurückgezogen?" Als der verneint und kurz nach Worten sucht, fährt ihm Lanz über den Mund: "Auch egal!" Vielleicht sein ehrlichster Moment.

US-Schauspieler Ben Stiller nötigt er wie alle anderen Hollywoodstars, doch mal was auf Deutsch zu sagen. Das war noch nie lustig. Stiller sitzt für Hollywoodstars unübliche 60 Minuten auf der Couch bevor er natürlich seinen Flieger kriegen muss. Absurderweise bedient sich auch der ehemalige Ski-Star Hermann Maier der gleichen Ausrede. Letzter Flieger nach Österreich, schon klar.

"Leckt zart!"

Wetten gab es auch, wobei einem der kleine Paul schon jetzt Leid tut, weil er mit kindlicher Naivität für schlüpfrige Tweets ohne Ende sorgte. Der Kinderwett-Kandidat wollte Hunde an der Art erkennen, wie sie ihm Leberwust vom Handrücken fressen. "Leckt zart!", rief er beim einen aus. "Leckt wild!" beim anderen. Lanz entblödete sich auch hier nicht und sagt ernsthaft: "Leonardo DiCaprio kann das auch erkennen – bei Frauen." Wettkönig wurde ein gelenkiger Jungspund, der ein Parkhaus schneller rauf und runter kletterte als ein Rally-Weltmeister fahren konnte.

63 Minuten nach dem eigentlichen Ende sprach Lanz dann seine unfamous last words: "Das Leben geht weiter. Wetten, dass?". Dann betrat der Graf von Unheilig die Bühne und beendete dankenswerterweise damit auch gleich seine Karriere. Mit Vollplayback. Ein letzter Akt, so würdelos wie die ganze Show.

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