20. April 2012, 08:22 Uhr

Klar zum Entern - alle auf die Piraten!

Maybrit Illner hatte zwar in ihrem Piraten-Talk Mühe, den Diskussionskurs zu halten, doch dafür lieferten sich ihre Gäste unterhaltsame Verbalgefechte - allen voran FDP-Politiker Döring, Berlins Bürgermeister Wowereit und der Berliner Piraten-Politiker Delius. Von Christoph Forsthoff

Maybritt Illner, Talkshow, Illner, Grass, Primor, Iran, Atom

Erfolgreiche Einsteiger: Noch nie zuvor wurde eine neu gegründete Partei in der Bundesrepublik so schnell von so vielen Menschen gewählt wie die Piratenpartei.©

Wütend griff Hans-Ulrich Jörges die übrigen Parteienvertreter in der Talkrunde von Maybrit Illner an: "Diese Partei ist ein Spiegel von Euch – die Piraten sind nur deshalb so stark, weil ihr so schwach seid! Das gefällt mir nicht, wie die anderen hier über die Piraten herfallen." Ja, fast schien es, als wolle sich das Mitglied der "stern"-Chefredaktion um eine führende Rolle bei Deutschlands jüngster politischer Kraft bewerben: "Die umwälzende Kraft des Internets ist von den anderen Parteien nicht begriffen worden", warb Jörges geradezu für die (scheinbar) so fortschrittlichen Polit-Novizen.

Völlig kalt ließ das die etablierten Politiker zwar nicht, doch von ihrer kritisch-ablehnenden Haltung gegenüber den orangenfarbenen Rebellen ließen sie sich in der Diskussion zur Frage "Warum sind die Piraten so populär?" nicht abbringen: Patrick Döring, designierter FDP-Generalsekretär, attackierte die fehlende Achtung der Piraten gegenüber Minderheitspositionen, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit verurteilte die fehlende Distanzierung gegenüber Rechtsextremisten innerhalb der Partei scharf – und Robert Habeck, Spitzenkandidat der Grünen in Schleswig-Holstein, zog über das Parteiprogramm des Gegners in seinem Land her, das aus Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen abgeschrieben und dementsprechend mit falschen Fakten gespickt sei: Inhaltlich hätten die "keinen Kompass".

Angesichts solch vehementer Angriffe blieb Martin Delius erstaunlich ruhig: Der parlamentarische Geschäftsführer der Berliner Piraten-Fraktion konnte sich zwar das offenbar übliche Grundquantum an freibeuterischer Arroganz gegenüber den Alt-Parteien nicht verkneifen, doch immerhin setzte er nicht auf die sonst so gern bemühte "Da habe ich noch keine Meinung zu"-Haltung. Ja, der 27-Jährige übte sogar vorsichtige Kritik an der fehlenden Abgrenzung seines Landesvorsitzenden gegenüber rechtsextremistischen Ausfällen in der Partei und behauptete keck: "Einen Diskussionsstand finden Sie in der Partei zu fast jedem Thema."

Die Piraten müssten sich professionalisieren

Nun, Inhalte sind ganz sicher nicht zuvorderst der Grund für den Erfolgskurs des Parteienschrecks: "Sie haben es geschafft, das Protestpotenzial zu mobilisieren", stellte Wowereit fest – und in der Tat waren es etwa jüngst bei der Landtagswahl im Saarland eben diese Protestwähler, die den Piraten laut Infratest dimap über die Fünf-Prozent-Hürde verhalfen. Ein Faktum, das Habeck sehr kritisch sieht: "Bei den Piraten wird die Form zum Inhalt", diagnostizierte der Grüne und konnte sich mit Blick auf die Bundeskanzlerin eine Spitze nicht verkneifen: "Nur weil Merkel keine Position hat, muss man doch nicht sagen, dass das prima ist."

Mochte Jörges hier auch noch mal den Parteineulingen den Rücken stärken – "Das ist immer so, wenn eine neue Idee kommt, die ist meistens unvollständig organisiert und das entwickelt sich dann" –, letztlich sah auch der Journalist das Dilemma, in dem sich die Jungpolitiker bereits befänden: Die Piraten müssten sich professionalisieren und vervollkommnen, sie bräuchten ein paar Spitzenpolitiker – "und in dem Augenblick, wo sie vollständig werden, laufen sie Gefahr, den Status der Protestpartei zu verlieren".

Ob diese Erkenntnis der Grund war, dass Anke Domscheit-Berg bereits politische Zukunftspläne schmiedete? Die grüne Unternehmerin (die indes viel lieber für die Piraten ins Berliner Abgeordnetenhaus eingezogen wäre) sah jedenfalls bereits in ihrer Partei und den Politikneulingen eine "ideale Koalition, wo man gemeinsam Ziele mit gemeinsamer Kraft verfolgen kann". Doch damit hatte ihr Parteikollege nicht nur mit Blick auf die bevorstehende Schleswig-Holstein-Wahl nichts am Hut – und vielleicht lag ja bei aller Arroganz der Macht Klaus Wowereit ganz richtig, wenn er feststellte: "Ich glaube nicht, dass die Wähler der Piraten wirklich von denen regiert werden wollen."

Christoph Forsthoff
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
TV-Kritik zu Maybrit Illner Grassierende Ängste

Mag der Gehalt von Günter Grass' Gedicht auch dürftig sein - die Wogen schlugen auch bei Maybrit Illner hoch. Neues gab es kaum, aber immerhin sorgten einige nüchterne Betrachtungen für eine interessante Sendung.

Ein paar Fragen zu Grass Das Buch zum Eklat?

Günter Grass hat mit seinem Israel-Gedicht einen gewaltigen Wirbel ausgelöst. Die Art, wie er damit an die Öffentlichkeit getreten ist, sei nicht neu, sagt sein Sekretariat. Aber es gibt interessante Neuigkeiten vom Verlag.

Israel von Israel aus gesehen Das Recht zu vergessen

Alle reden von Günter Grass und der "richtigen" Kritik an Israel. Doch wie sehen eigentlich junge Israelis Vergangenheit und Zukunft ihres Landes? Ein persönlicher Lagebericht von

Atomprogramm des Iran Neue Runde im Atom- und im Dichterstreit

Vor den Verhandlungen mit dem Iran eskaliert der Streit um das Nuklearprogramm erneut. Auch Israels Regierung steht nach dem Einreiseverbot für Günter Grass in der Kritik.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2013)
Hoffen oder handeln?