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Wenn der Ede ums Eck kommt

Am 20. Oktober 1967 lief die erste Ausgabe von "Aktenzeichen XY" mit dem legendären Eduard Zimmermann, auch "Ganoven-Ede" genannt. stern-Redakteur Alexander Kühn blickt zurück auf 40 Jahre Verbrecherjagd im ZDF.

Die Erschütterung war groß, als die Bildzeitung 2005 meldete: Eduard Zimmermann bestohlen! Auf einer Zugfahrt von Zürich nach München war dem 76-Jährigen sein Koffer abhanden gekommen, darin Dokumente, Kreditkarten und 2000 Euro.

Ausgerechnet Eduard Zimmermann! Spitzname Ganoven-Ede. Schutzherr aller Witwen, die wegen "Aktenzeichen XY" die Wohnungstür immer zweimal abschlossen. Warner vor dunklen Heimwegen, Feind des Trampens, Alptraumbereiter für Generationen von Kindern. Vom braven Bürgern geschätzt, von Kritikern geschmäht als Menschenjäger und Verführer zum Denunziantentum. "Muffiges Grusical für Spießer", schimpfte Heinrich Böll über "XY", Ulrike Meinhoff schrieb in "konkret": "Dem Fernsehsheriff muss das Handwerk gelegt werden."

Zimmermann gehört zu den Erfindern des interaktiven Fernsehens. Wum und Wendelin drängten die Zuschauer, Lose für die Aktion Sorgenkind zu kaufen, Frank Elstner bettelte um verrückte Wetten. Eduard Zimmermann war dem Bösen auf den Fersen, "sachdienliche Hinweise nimmt die Kripo in München oder jede Polizeidienststelle entgegen" - Deutschland sucht den Superschwerverbrecher. Als er 1997 in Ruhestand ging, hatte er in 300 Sendungen beachtliche 1.100 Fälle aufgeklärt.

Kälte im flirrendem Sixties-Swing

Zimmermann ermittelte freitags, im Wechsel mit "Derrick" und dem "Alten", und irgendwie war "XY" ja immer auch Krimi. Der Vorspann der frühen Jahre kam so aufregend daher wie "Stahlnetz" oder "Neues vom Hexer", mit gezeichneten Zeugnissen des Schreckens: In einer Pupille spiegelt sich eine Pistole. Fußspuren. Eine Leiche mit einem Messer im Rücken. Hände hinter Gittern. Schwarzweiße Kälte mit flirrendem Sixties-Swing.

"XY" ist der Grusel des Alltags, von der ersten Sendung am 20. Oktober 1967 an, als es um den Mord an einer unbekannten jungen Frau in einem grünen Minikleid ging, huch, haben wir nicht alle ein grünes Minikleid!, um den Heiratsschwindler Otto H., huch, das könnte uns auch passieren!, und um Handelsvertreter, die Bürger um Millionen geprellt haben, wie gut, dass wir nicht so viel Geld haben!

Triste Einstellungen der Erzähler aus dem Off

Die Ästhetik der Filme hielt sich über all die Jahre. Darsteller auf Lindenstraßenniveau, triste Einstellungen. Redundanz als wiederkehrendes Stilmittel, der Erzähler aus dem Off berichtet, was ohnehin zu sehen ist. Ein Mann fährt auf der Autobahn; der Erzähler sagt, dass Walter Friese an diesem Tag auf der Autobahn fährt. Der Mann biegt zum Rastplatz ab; der Erzähler sagt, dass Walter Friese an diesem Tag zum Rastplatz abbiegt. Und dass Walter Friese im Müll schon oft interessante Dinge gefunden habe. Dazu wühlt Herr Friese im Mülleimer, öffnet einen blauen Sack, aus dem ein Ohr hervorschaut. Herr Friese sagt: "Das gibt's doch nicht!" Und brüllt: "Ich hab einen Kopf gefunden!"

Minimalistischer als die Filme waren nur Zimmermanns Moderationen. Er lachte nie, dazu gab es ja keinen Anlass; wenn er lächelte, war es kaum mehr als ein In-die-Breite-Ziehen des Munds. Zimmermann verströmte auch nichts, was einen über die böse Welt hinwegzutrösten vermochte, und wenn er verkündete, dass ein Täter gefasst worden war, triumphierte er nicht, sondern ging pflichtbewusst zum nächsten Fall über. Er war so wie der Schreibtisch, an dem er saß: quadratisch und hölzern.

Zimmermann ist der Erfinder der ausgestellten Seriosität, eines Moderationsstils, den sich viele Jahre später Peter Kloeppel zueigen machte: Bedächtig den Blick senken, auf den Text schauen, einige Sätze ablesen, betroffen nach oben blicken. War ein Fall abgehandelt, wurde das Papier zur Seite gelegt. Deutsche Gründlichkeit.

Zimmermanns Intonation hielt sich im Wesentlichen auf derselben Höhe. Gleich, ob er zu Peter Nidetzky nach Wien schaltete oder zu Konrad Toenz nach Zürich oder bedeutungsvolle Sätze sagte wie: "Die Kriminalität wächst. Sie wächst nach neuesten Zahlen beinahe fünfmal so schnell wie unsere Bevölkerung." Moduliert wurde nur das Tempo: Das fiel gegen Ende der Sätze… ganz… langsam… ab - die Kunst des Ritardandos. Jeden Kommissar, der im Studio zu Gast war, verabschiedete Zimmermann mit: "Vielen Dank", Pause, "Herr", Pause, konzentrierter Blick in die Kamera, dann erst folgte dessen Name.

Seit 2002 moderiert der einstige Eisläufer Rudi Cerne "XY". Mit den Kommissaren spricht er wie ein normaler Mensch: "Herr Geyer, Sie haben `ne Menge zu tun - hoffentlich kommen Sie gut voran!" Im Vorspann wird Cerne in Szene gesetzt wie ein Ermittler aus "CSI", er hält eine Waffe in einem Plastikbeutel in die Höhe, schaut sich Röntgenbilder an, telefoniert wichtig mit dem Handy. Dunkel ist es, irgendwo leuchtet es stylisch blau - "Aktenzeichen XY" ist im dritten Jahrtausend angekommen.

Der Koffer übrigens, der tauchte am Tag, nachdem Zimmermann beklaut worden war, in Zürich wieder auf, ohne Geld zwar, aber mit den Dokumenten und den Kreditkarten. "Der ganze Inhalt muss die Täter verunsichert haben", kombinierte Zimmermann gewohnt scharfsinnig. "Sie haben wohl gemerkt, mit wem sie es zu tun hatten."

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