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Oprahs Himmelfahrt

Wochenlang gab es in den USA kaum ein anderes Thema als Oprah Winfreys Abschied. In ihrer letzten Show stellte sich die Talk-Ikone noch einmal selbst in den Mittelpunkt. Von nun an muss die Oprah-Gemeinde ohne ihre Hohepriesterin "lernen zu sein".

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

Am Schluss hob sie ihre Cockerspaniel-Dame Sadie auf, küsste sie auf die blonde Stirn und spazierte mit ihr aus dem Fernsehstudio, während ihre Gemeinde drinnen im dunklen Saal noch klatschte und klatschte und klatschte. Ein bisschen spröd' kam das – vor allem nach einem sich über zwei Tage streckenden Abschieds-Marathon, an dem unter dem rauschenden Dauerapplaus von 13.000 Zuschauern Berühmtheiten von Tom Cruise über Tom Hanks bis zu Madonna und Michael Jordan der einzigartigen, doch eben leider scheidenden Fernsehgröße Oprah Winfrey die Aufwartung machten. Zu ihren Ehren wurden 25.000 Eichen gepflanzt, Grundschulen renoviert, und in dem ganzen Jubel – oder war es Kondolenz? – ließen sich "Überraschungsgäste" wie die Schauspielerin Jada Pinkett-Smith zu Hymnen wie dieser hinreißen: "Oprah, du hast uns erleuchtet, du hast uns stark gemacht, du hast uns gelehrt zu sein!" Die Geehrte lächelte huldvoll dazu, das Publikum raste, und irgendwo im Universum explodierte ein Sternenhaufen.

Halleluja, nun also war es soweit: Nach 25 Jahren ihrer fünf Mal die Woche ausgestrahlten "Oprah Winfrey Show" hat sich in der Nacht zum Donnerstag (MEZ) die erfolgreichste Talk-Masterin Amerikas aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Nicht eine einzige Aufzeichnung hat die 57-Jährige jemals verpasst: Rund 40 Millionen Amerikaner – und weit mehr Zuschauer in 150 Ländern außerhalb der USA – warteten schließlich jede Woche vor dem Bildschirm auf Erleuchtung, Stärkung, Lebenshilfe. Auch auf Klatsch und Schmuddelkram, auch auf Glamour und Spektakel. Oprah, die Show, lieferte all das: In einer einzigartigen Mischung aus Bergpredigt, Gruppentherapie und buntem Allerlei dominierte Oprah, das Phänomen, nicht nur die Fernsehnachmittage der Nation, sondern zuweilen den gesamten Unterhaltungsmarkt des Landes.

Sie lehrt zu sein - wie sie

Sie verkündet ihre Lebensweisheiten – "Finde deine Berufung!", "Schöpfe dein Potenzial aus!" – via Fernsehen, eigener Zeitschrift, im Radio und auf ihrer Webseite; sie hat Zöglinge aufgebaut, die in neu geschaffenen TV-Ablegern Oprahs Botschaft weitertragen und quasi rund um die Uhr verbreiten – Nachhilfe in Sachen Sex, Gesundheit, Geld, Einrichtung und Kochen. Vielleicht ist Jada Pinkett-Smith gar nicht so gaga wie ihre Huldigung vermuten lässt: Es gibt tatsächlich keinen Bereich des Lebens, den Oprah nicht mit gutem Rat verbessern könnte. Sie lehrt zu sein – wie sie.

Und sie ist wie wir: Das ist Oprahs grundlegende Botschaft. In jeder Sendestunde teilt sie Meinungen und Gefühle mit ihrem Publikum, auch Tränen – literweise über 25 Jahre! – und andere Körpersubstanzen. Unvergessen, wie sie einmal im Rollwägelchen 30 Kilo Fett auf die Bühne rollen ließ – soviel hatte sie sich mühsam runtergehungert (bald war alles wieder drauf - und mehr).

In Deutschland nichts Vergleichbares

Es gibt in Deutschland keine vergleichbare Gestalt – vermutlich nirgendwo; niemand verbindet so viele unvereinbare Gegensätze wie die im schwarzen, damals noch rassengetrennten Mississippi geborene, heute millionenschwere Diva, die Beichtmutter und Glamour-Queen zugleich ist, beste Freundin der Hausfrau und Königsmacherin, spirituelle Sucherin und gerissene Geschäftsfrau.

Als sie vor einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal vor ihre Zuschauer trat – sie hatte schon einige Jahre als Nachrichtenansagerin und Plaudermoderatorin bei lokalen Sendern hinter sich –, musste Oprah Winfrey noch ganz doll schwitzen, wie sie gerade dem "Hollywood Reporter" gestand. Ihre Stimme klang vor lauter Nervosität hoch und quäkig, und in Ermangelung prominenter Gäste – immerhin die Sahne in der zu präsentierenden Sahnetorte, wie sie bald lernen sollte – schob sie eine unbekannte Frau auf die Bühne, die sich damit brüstete, für jeden Menschen den perfekten Partner zu finden. Und die damals noch recht schrill gewandete Jungmoderatorin Winfrey wandte sich mit den Worten ans Publikum, die fortan ihr Mantra werden sollten, ihre Mission, ihr Erfolgsrezept: "Wir wollten diese Show für Sie machen, denn Sie sollen wissen: Sie sind nicht allein."

Brachte Oprah Obama ins Oval Office?

Mit Oprah im Wohnzimmer war kein Zuschauer jemals allein. Oprah lehrte die Welt, was sie lesen sollte (ihr "Book Club" machte aus unbekannten Schreiberlingen Bestsellermillionäre und aus abschreckend dicken Klassikern wie "Anna Karenina" Supermarktlektüre). Oprah gab vor, was man anziehen, essen, kaufen, ja sogar: wen man zum Präsidenten wählen sollte. In Amerika spricht man vom "Oprah-Effekt": Als sie in ihrer Show die Vorzüge einer relativ kleinen Kosmetikfirma namens Carol's Daughter pries, stieg deren Umsatz flugs von zwei auf 30 Millionen. Und als sie Senator Barack Obama ihre Unterstützung zusagte, rückte das Oval Office für ihn erstmals in greifbare Nähe. An ihr hochbeglücktes Publikum verteilte sie regelmäßig – Danke, liebe Sponsoren – Kameras, Kaschmirpullover, Küchenutensilien, aber auch mal einen Kleinwagen und kürzlich, in beginnendem Abschiedsschmerz, Flugtickets nach Australien. Im Cockpit steuerte John Travolta die Qantas-Maschine; auch hier Dank an die Sponsoren.

Wie in ihrer ersten Show präsentierte sich Oprah nun in ihrer letzten ganz ohne fremden Glamour. Nach den sich in den Irrsinn steigernden Festlichkeiten der vorangegangenen Tage – Beyoncé trat auf! Und Paul Simon schrieb eigens einen Oprah-Song! Und Maya Angelou, Obamas Hauspoetin, schrieb eigens ein Gedicht! Und die akut prominente Maria Shriver kam extra zum Umarmen, wo sie doch eigentlich selbst auf den Arm wollte! – nach all diesem Crescendo an Pomp und Oprah-Weihe also fieberten die Fans der Grande Dame deren letztem Sendetag entgegen. Es ging das Gerücht, dass der ultimative, der größte aller Stars Oprah beglücken und ihr die letzte Ehre erweisen würde. Und so war es dann auch. Oprah erschien.

Hohepriesterin oder Gottheit?

In einer schlichten wildlachsfarbenen Abendrobe der amerikanischen Designerin L’Wren Scott trat sie im eigenen Studio in Chicago vor ihre Anhängerinnen (man kann getrost davon ausgehen, dass der eine oder andere Mann, der sich in die Studios verirrte, keinen Wert darauf legt, erwähnt zu werden) und hub an zu einer einstündigen Predigt. Statt der von manchem Gast erwarteten Präsente unterm Stuhl überreichte Oprah ihr "größtes" Geschenk verbal: ihre Dankbarkeit. "Von euch, deren Namen ich niemals erfahren werde", so sprach sie mit tiefer, ruhiger Stimme und ohne jegliches Anzeichen von Transpiration, "habe ich gelernt, was Liebe ist. Ihr – und diese Show – wart die größte Liebe meines Lebens." Weiter hinten stand Oprahs langjähriger Lebensgefährte, der amerikanische Geschäftsmann Stedman Graham, der diese Sätze mit erstaunlicher Gleichgültigkeit vernahm. Er kennt seine Oprah, er weiß, dass das Messianische manchmal mit ihr durchgeht.

"Ich erkenne euch in mir und mich in euch": Das klang doch immer schon pseudo-biblisch, so als hätte ihr eine höhere Macht den Text eingeflößt. Nicht umsonst wird ihre Show im Heimatland mit einer neuen Religion verglichen und ihr Publikum mit Jüngern. "Erkennt den Funken in euch", gab Oprah der Gemeinde gestern mit auf den Weg, "sodass ihr auf eure Weise die Welt erleuchten könnt!" Ein amerikanischer Rabbi, der jüngst in einem Blog Oprahs Bedeutung für die spirituelle Welt erörterte, sagt, dass sie zweifellos ihre eigene Kirche aufgebaut hat. "Die Frage ist nur, ist sie die Hohepriesterin oder die Gottheit?"

"Oprah's Next Chapter" ist aufgeschlagen

Im Falle Winfrey gilt wie immer: beides. Star und Fan zugleich, Aufklärerin und Betroffene. Sie wird angebetet, weil sie sich gemein macht. In ihren Sendungen standen stets auch die eigenen Probleme im Vordergrund: nicht nur das Auf und Ab ihres Gewichts oder das Hin und Her von Beziehungssorgen, sondern auch ihre harsche Vergangenheit. Als Kind wurde sie von einem Familienmitglied geschwängert, und schonungslos trug sie das Tabuthema in heile und nicht ganz so heile Wohnzimmer. Und nicht nur dieses: Sie holte Mörder und Vergewaltiger vor ihre Kamera, sprach über Alkoholismus und Tablettensucht, berichtete über misshandelte Frauen in Ländern, die kaum einer ihrer Studiogäste im Atlas fände, und förderte die Schulbildung von Kindern aus Drittweltstaaten und im eigenen Hinterhof. Daher erinnerten während ihrer dreitägigen Glorifizierungs-Gala auch Menschen ohne große Namen an Oprahs Hilfsaktionen, und keinem der bislang fünf amerikanischen Präsidenten, die bei ihr auf dem Sofa saßen, schien der Besuch in irgendeiner Weise peinlich. Oprah Winfrey ist nicht nur lustvolle Shopperin und Freundin von allem, was blinkt (vor allem an Hals und Fingern), sondern auch eine großzügige und ernsthafte Wohltäterin. Besonders stolz ist sie auf die Mädchenschule, die sie im Sommer 2007 in Südafrika eröffnet hat; dass die kurz darauf von Skandalen erschüttert wurde, ist nicht der Spenderin, sondern der lokalen Verwaltung zu schulden. Anfang des Jahres ging Oprahs eigener Kabelkanal auf Sendung. Die Quoten sind bislang nicht aufregend; es gibt dort Erbauliches aus aller Welt zu sehen, Prominenteninterviews, Sex-Ratgeber und eine Reality-Show. Im kommenden Januar jedoch wird die Chefin höchstselbst eine neue Serie starten: Laut Ankündigung führt sie den geneigten Zuschauer zu interessanten Zeitgenossen und an interessante Schauplätze. "Oprah's Next Chapter" heißt das Ganze und soll also ein neues Kapitel im Leben der Allmächtigen sein.

Nennen wir es doch einfach das Neue Testament.

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