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Die Frau, die Beate Zschäpe war

Klein, zart, grob: Die Schauspielerin Lisa Wagner traut sich auch heikle Rollen zu. Wie etwa gestern Abend im ZDF-Film "Letzte Ausfahrt Gera", in dem sie mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe spielt.

Lisa Wagner

Hart im Geben und Nehmen: Schauspielerin Lisa Wagner

Man muss das wollen: das Böse spielen. Lisa Wagner verkörpert die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe im Doku-Drama "Letzte Ausfahrt Gera", der gestern, am Dienstag, um 20.15 Uhr im ZDF lief (und aktuell noch in der ZDF-Mediathek abrufbar ist). Der Film rekonstruiert eine Fahrt Zschäpes in einem Polizeikonvoi. Vor Prozessbeginn durfte die Angeklagte noch einmal ihre kranke Großmutter besuchen. Während der Fahrt versuchen zwei Ermittler, sie dazu zu bringen, sich zu den Anschuldigungen zu äußern.

Lisa Wagner hat nicht gezögert, diese Rolle anzunehmen. "Keine Sekunde", sagt die 36-Jährige. "Das ist doch guter Stoff für eine Schauspielerin. Das hat nichts mit mir zu tun." Wagner, eine starke, entschlossene Frau, ist die TV-Entdeckung des vergangenen Jahres. Mit wenigen Rollen hat sich die einstige Theaterschauspielerin in die A-Liga des deutschen Fernsehens gespielt. Sie überzeugte als anpackende Journalistin in der dritten Staffel der Serie "Weissensee" und als schräge Kommissarin Heller in der gleichnamigen ZDF-Serie. So eine Ermittlerin kommt selten vor im deutschen Fernsehen: ruppig, schlau, einsam, effektiv. Eine Frau, die Konventionen beiseite räumt, ihre Kollegen vor den Kopf stößt und dennoch loyal bis zur Selbstaufgabe ist. Die "Heller"-Reihe hält das Niveau besserer "Tatort"-Folgen; auch die Quoten sind gut.

Lisa Wagner besuchte den NSU-Prozess

Aber erst die Rolle der Beate Zschäpe wird Lisa Wagner zum Rundum-Durchbruch verhelfen. Sie besteht locker neben Großakteuren wie Joachim Król, der einen der Polizisten spielt, und Axel Milberg als NSU-Prozess-Richter Manfred Götzl. "Ich habe alles gelesen, was es über Zschäpe gab", sagt Wagner. "Und ich war im Prozess, um sie zu beobachten." Sie habe sich Zschäpe über deren Körpersprache genähert, sagt sie, "die leicht schiefe Haltung, das Sich-Kleinmachen im Raum. Da funktionierte was für mich." Und natürlich habe die schwarze Perücke dabei geholfen, sich beim Dreh in die Angeklagte zu verwandeln. Wagner sagt: "Zschäpe ist kleiner und zarter, als ich dachte. Aber am meisten hat mich überrascht, wie völlig unbeteiligt sie schien. Als ob es da um einen ganz anderen Menschen ginge. Sie guckte da so wie ein kleines, scheues Reh. Schaute mal hierhin, mal dorthin. So eine Mischung aus 'Ich bin gar nicht da' und freundlichem Interesse. Das fand ich schon seltsam."

Lisa Wagner

Lisa Wagner als Beate Zschäpe im Doku-Drama "Letzte Ausfahrt Gera"

Lisa Wagner spielt meist starke Frauen mit Haltung. Die Rolle der Beate Zschäpe jedoch klingt so gar nicht danach. "Falsch", sagt sie. "Das ist ja gerade das Interessante an ihr: Hinter dieser Reh-Fassade lauert etwas unglaublich Zähes. Eine dunkle Energie. Das macht diese Figur spannend."

Lisa Wagner wurde 1979 in Kaiserslautern geboren. Die Eltern: Akademiker. Zwei Brüder, einer älter, einer jünger. Nach dem Abitur ging sie direkt auf die Theaterakademie August Everding in Bayern und wurde schon vor dem Abschluss vom damaligen Intendanten Dieter Dorn an das Münchner Residenztheater geholt. Zehn Jahre hat sie dort als festes Ensemblemitglied gearbeitet. Dann war da diese eine Rolle in dem Münchner "Tatort" "Nie wieder frei sein": eine ehrgeizige Anwältin, die einen Freispruch für einen Vergewaltiger erwirkt und mit den Folgen nicht leben kann. Dafür gab es den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis. Als das ZDF vor einigen Jahren neue Ermittler-Teams für den Krimi am Samstagabend suchte, wurde schnell klar, dass sich niemand besser als Wagner eignete für die Rolle der sperrigen Kommissarin Heller.

Juli 2015: ein sehr heißer Tag, fast 40 Grad. Auf dem Gelände einer stillgelegten Papierfabrik wird die neue Folge der Serie gedreht. Lisa Wagner trägt ein kurzes schwarzes Kleid und Turnschuhe. Sie ist etwas außer Atem. "Mann, das wird was", sagt sie. "Jetzt soll ich ihm auch noch in den Bauch treten."

Das Körperliche liegt ihr

Gedreht wird eine Szene, in der sich Wagner als Winnie Heller auf einem einsamen Hof von einem vermeintlichen Vergewaltiger verfolgt fühlt. Die Kommissarin dreht sich um, und es hagelt Tritte und Schläge. Dummerweise entpuppt sich der Mann als Kollege, der sie zu einer Feier einladen wollte. Tja, man sollte nicht glauben, dass sich Winnie Heller entschuldigt. "Du Arsch", schreit die Kommissarin und lässt den lädierten Kollegen stehen.

Die Szene wird insgesamt zehnmal gedreht. Vorher wurde ausgiebig mit einem Stuntkoordinator geprobt, der den Bewegungsablauf der Schlägerei detailliert festgelegt hat. Als der Abend dämmert, zeigt das Thermometer immer noch mehr als 30 Grad an. Lisa Wagner geht jedes Mal voll rein in die Szene. "Ich will den Kollegen natürlich nicht verletzen", sagt sie. "Aber es darf nun mal nicht scheiße aussehen."

Tut es nicht. Es sieht vielmehr beängstigend realistisch aus. Bei einer Wiederholung der Szene bekommt Lisa Wagner versehentlich einen Schlag an den Unterkiefer. Das tut sichtbar weh, aber Wagner dreht sofort weiter. Das Körperliche liegt ihr. Sie ist von wuchtiger Zartheit, klein und eher schmal, strahlt aber große Kraft und Energie aus. Vor Jahren hat sie mal in München bei einer "Penthesilea"-Aufführung noch eine Stunde humpelnd mit einem doppelten Bänderriss die Titelrolle weitergespielt. "Die Frau ist eine Kämpferin", sagt sie. "Die frisst Achill auf, und ich soll aufhören, weil mir der Fuß wehtut? Das geht doch nicht." Sie steht auf und geht wieder zum Dreh. Sie muss noch mal ihren Kollegen verprügeln.

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