"Ich wurde gehänselt und bespuckt"

29. Januar 2009, 13:27 Uhr

Ihr Leben ist eine einzige Suche nach sich selbst. Und nach dem Glück. Erst suchte sie es bei Dieter Bohlen, dann auf dem OP-Tisch, zuletzt im Dschungelcamp. Dort wurde Lorielle London zum Publikumsliebling. Mit stern.de sprach sie über Transsexualität, eine schwierige Kindheit und darüber, was sie jetzt vom Leben erwartet. Von Katharina Miklis

Lorielle London, Lorenzo, "Ich bin ein Star", Dschungelcamp, Transsexualität

"Und wenn ich groß bin, will ich einen Busen haben" - Lorielle London wusste schon als kleiner Junge, dass er mal eine Frau sein will©

An die Kameras hat sich Lorielle London längst gewöhnt. Los ging es vor sechs Jahren: Damals war sie Kandidat in Dieter Bohlens Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar". Und noch ein Mann - Lorenzo. Der Ruhm verging schnell, die Kameras blieben. Bei der Umwandlung zur Frau ließ sich Lorielle London von RTL begleiten. Ihr Selbstdarstellungsdrang gipfelte jetzt in der Teilnahme an der RTL-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!". Für das Image der 25-Jährigen, die wegen ihres Auftrittes bei "DSDS" oft verspottet wurde - auch Stefan Raab hatte es auf sie abgesehen - ein unerwarteter Volltreffer: Als erste Transsexuelle im Dschungelcamp präsentierte sie sich nicht nur hart im Nehmen, sondern schaffte es im Finale auch auf Platz zwei hinter Dschungelkönigin Ingrid van Bergen. Jetzt sollen andere Transsexuelle von Londons Auftritt im Dschungel profitieren - hofft sie zumindest.

Sie wurden im Dschungelcamp oft mit dem letzten Dschungelkönig Ross Anthony verglichen. Der hatte nach dem Camp einige Jobs bei RTL bekommen. Treten Sie jetzt in seine Fußstapfen?

Das wäre natürlich schön. Bei meinem Management liegen auch schon eine Menge Angebote auf dem Tisch. Ich würde gerne das weitergeben, was ich in meinem Leben gelernt habe. Ich hatte eine sehr schwierige Kindheit und Jugend und bin eigentlich nicht für den großen Erfolg gemacht. Aber irgendwie habe ich es doch geschafft, mein Leben auf die Reihe zu kriegen, auch mit meiner Transsexualität. Aus der Erfahrung kann ich natürlich schöpfen und würde das gerne weitergeben.

Im Fernsehen?

Genau. Ich denke da an ein Coaching-Format für Kinder und Jugendliche. Nach "DSDS" wollte ich so vieles auf einmal. Aber ich hatte mit nichts Erfolg. Jetzt will ich meine ganze Zeit und Energie in eine Sache stecken. So ein eigenes Coaching-Format wäre ideal.

Gibt es da schon Gespräche mit RTL?

Der Sender weiß, dass ich das gerne machen würde. Wir werden uns jetzt in den nächsten Tagen zusammensetzen.

Also keine OPs mehr vor laufender Kamera?

Mit den Schönheitskorrekturen habe ich soweit abgeschlossen. Für meinen Geschmack hat sich die Dokumentation über meine Operation und meine Umwandlung ein bisschen zu sehr in die Länge gezogen. Das soll jetzt vorbei sein. Gerade nach dem Dschungel möchte ich mit Dingen, für die mein Herz schlägt, in der Öffentlichkeit stehen und nicht mit OPs. Ich bin jetzt zufrieden so wie es ist. Ich bin zwar nicht Miss Germany geworden, aber ich werde es dabei belassen.

Sie haben auch im Dschungelcamp immer wieder betont, Sie hätten kein Selbstbewusstsein. Trotzdem haben Sie sich auf dem OP-Tisch und im Dschungel filmen lassen. Wie passt das zusammen?

Ich will ganz ehrlich sein. Ich habe viel Geld dadurch gespart, dass ich mich im Fernsehen habe operieren lassen. So habe ich ganz andere Chirurgen kennen gelernt, als wenn ich das auf eigene Faust gemacht hätte. Diese Chirurgen waren bereit, den Preis zu drücken, wenn sie sich dafür im TV präsentieren können. Das, was ich gespart habe, kann ich jetzt in meine Karriere stecken. Es war mir aber auch ein Anliegen, meinen Fans und jungen Transsexuellen öffentlich zu zeigen, was mit mir gemacht wurde.

Brüste und eine neue Nase und Kinn haben Sie bereits. Jetzt steht noch die Geschlechtsumwandlung an...

Genau, die plane ich noch dieses Jahr. Ich will jetzt erstmal etwas arbeiten. Wenn ich ein bisschen Luft zwischendurch habe, dann werde ich mich darum kümmern.

Reicht die Gage, die Sie für "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" bekommen haben, für diese ganzen OPs?

Auf jeden Fall. Damit könnte ich sogar noch ein paar anderen transsexuellen Freundinnen aus der Patsche helfen. Aber zum Glück sind die Gesetze in Deutschland so, dass die Krankenkasse meine Geschlechtsumwandlung übernimmt. Meine Therapeutin kann meinen Leidensdruck und die Notwendigkeit einer Operation bestätigen. Und selbst wenn es nicht klappt: Mausi Lugner hat mir im Dschungel erzählt, sie hätte einen befreundeten Chirurgen, der mich sogar kostenfrei operieren würde.

Was haben Sie noch aus dem Dschungel mitgenommen, außer Adressen von guten Chirurgen?

Ich habe viel gelernt. Ich war bisher immer Einzelgänger, hatte Angst vor anderen Menschen. Vor allem wegen meiner sexuellen Veranlagung. Im Dschungelcamp habe ich gelernt, dass die Menschen gar nicht so schlimm sind. Es gibt keinen Grund, immer so ängstlich, schüchtern und menschenscheu zu sein.

Mussten da erst Sonja Zietlow und Dirk Bach kommen, um Ihnen das zu erzählen?

Ich habe das ganze Leben über gesagt bekommen, dass ich hässlich bin. Dass es nicht okay ist, wie ich bin. Ich wurde bespuckt, geschlagen und gehänselt. Irgendwann glaubt man selbst, dass man nicht so toll ist. Auch nach "DSDS" wurde ich immer wieder auf der Straße gehänselt: 'Guck mal, das ist doch der hässliche Junge aus dem Fernsehen'.

Was sagt ihre Familie zu Ihrer Umwandlung?

Meinen Vater kenne ich nicht, der lebt irgendwo in Amerika. Meiner Mutter habe ich schon im Kindergarten erzählt: 'Mama, wenn ich groß bin, möchte ich einen Busen haben'. Sie war also auf alles vorbereitet. Begeistert war sie nicht, glaube ich. Aber sie hat sich nie getraut, mir etwas zu sagen, mich zu verletzen. Zu der Zeit meiner Operationen hatten wir allerdings wenig Kontakt. Sie hat davon aus der Zeitung erfahren.

Denken Sie, dass Sie anderen Transsexuellen mit Ihrem Auftritt im Dschungelcamp geholfen haben?

Ich hoffe es natürlich. Ich bin im Camp sehr offen mit Transsexualität umgegangen. Die Kameras habe ich schnell vergessen. Ich finde es schön, wenn ich Vorbild sein kann. Vielleicht konnte ich dem einen oder anderen bei seinem Coming-Out helfen. Wenn ich damals so jemanden gehabt hätte, den ich im Fernsehen hätte bewundern können, dann hätte ich das meiner Mutter vielleicht auch viel früher gesagt. Und mir wäre einiges erspart geblieben.

Zur Person Lorielle London wurde 1983 in Birkenfeld als Lorenzo Woodard, Sohn einer Deutschen und eines amerikanischen Soldaten, geboren. Nach einer Schneiderlehre belegte Woodard 2003 den zehnten Platz bei der zweiten Staffel von "Deutschland sucht den Superstar". Es folgten Auftritte u.a. in der Reality-Show "Die Alm" und die Verwandlung zur Frau - im TV. Eine Geschlechtsumwandlung steht noch an. Bei "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" belegte Lorielle im Januar 2009 den zweiten Platz

Zum Thema
KOMMENTARE (10 von 12)
 
BreiterL (30.01.2009, 13:08 Uhr)
@Leseratte...
...zugegeben "Humbug" war falsch gewählt von mir. Ich war nur ziemlich aufgebracht, als ich das über die Kostenübernahme gelesen habe. Mir ging es nur um die Kosten, die unsere eh schon geplagte Krankenkasse übernehmen soll. Um es mal klar zu sagen, ob sie jetzt eine wirklich Frau wird ist bestimmt nicht überlebenswichtig. Nur wenn bei mir der Krebs wieder kommt ohne das man diesen rechtzeitig erkennt, hab ich kaum Chancen zu überleben!
sportartmakler (30.01.2009, 09:46 Uhr)
@leseratte
mein etztes posting passt perfekt zu dir. wie tolerant bist du?
sportartmakler (30.01.2009, 09:41 Uhr)
@stern
wo ist denn mein gestriger beitrag? hat jemand ausfallend reagiert oder habt ihr euch an meiner vermutung des wohlstandsproblems gestört? wer toleranz einfordert muß auch so tolerant sein, einem "normalen" menschen zuzugestehen, dass er sich eben nicht in sein problem hineinversetzen kann und es befremdlich finden darf!
Leseratte79 (29.01.2009, 23:16 Uhr)
An einigen Postings...
...kann man das wahre Gesicht der Menschen sehen "Krankheit", "Humbug" sind da wohl noch die nettesten Worte. Kleingeister, Weltfremde und intolerante Menschen gibt es leider immer noch zu viele auf dieser Welt. Wenn Ihr den Sprung aus dem Mittelalter ins 21 Jahrhundert nicht aus eigener Kraft nicht schafft- es gibt professionelle Hilfe.
BreiterL (29.01.2009, 18:49 Uhr)
Ich glaubs einfach nicht ...
Die Krankenkasse zahlt solchen Humbug? Wenn ich nun meine eine Frau werden zu wollen, dann aber bitte aus eigener Tasche! Ich spreche da aus Erfahrung. Hatte mit jungen 29 Jahren Hodenkrebs. Wenn ich nun, nachdem alles überstanden ist und die 5 Jahres Frist vorbei ist, zur Kontrolle will, dann sagt mir die Krankenkasse ich soll das selber bezahlen, da ich zu JUNG (bin jetzt 37) bin. Da läuft doch was gewaltig schief!!
silver-quattro3.0 (29.01.2009, 17:46 Uhr)
Jeder nach seiner Fasson
Wenn jemand seinen seinen Körper,seinen Geist und seine Seele nicht in Einklang bringen kann, dann sollEr/Sie/ES tun, was Er/Sie/ES für richtig hält.Sich aber so zu produzieren und derart hohe Wellen zu schlagen ist provozierend unappetitlich.Das hat mit menschenverachtenden Kommentaren nicht das geringste zu schaffen, wenn sich der Eine oder Andere User über diese Person aufregt.Im Fernsehen noch ein Plattform zu schaffen, ist keinesfalls der richtige Weg um jungen Menschen, die sich in der Phase der Selbstfindung befinden,Lösungen aufzuzeigen.Wer sich als biologischer Mann Brüste implantieren lässt,sich im Bikini mit Brüsten aber sichtbarem Hodensack zeigt, muss schlicht damit leben daß man dieses " sich produzieren " kritisiert.
Druss (29.01.2009, 16:34 Uhr)
ganz arm
jaja die intoleranz vielen ist einfch erschreckend...
ich wette lorielle ist netter als die leute hier die so ne scheisse geschrieben haben ;-)
nichtvergessen (29.01.2009, 16:23 Uhr)
Es
Oh nein, bitte nicht schon wieder so ein Daniel K Verschnitt, war der Erste Gedanke am Anfang des Camp's.
Und dann ? Es hat sich gar nicht mal so zickig oder detei detei angestellt, ganz im Gegenteil , es kam richtig nett rueber, nur am vorletzten Tag die aufgesetzte Palmbikini Nummer haette es sich schenken koennen.
Davon ab, A.Ross erledigt seine Aufgaben auch ganz nett. In vielen Kulturen stellt das 3.Geschlecht eine Bereicherung sowohl in der Unterhaltung als auch in vielen anderen Branchen dar. Ob es allerdings mit noch einer "Es sucht das SuperES" Show klappen koennte, bleibt fraglich.
Wann kommt endlich das naechste Camp ?
Albinez (29.01.2009, 16:20 Uhr)
Wer ist hier menschenverachtend???
Konnte mir zwar kein Bild über die gelöschten Kommentare machen, habe jedoch mittlerweile den Wunsch, dass sich der "Online-Stern" bei einer zweideutigen Überschrift wie "C-Promi trifft Kakerlake", selber löschen sollte. Soviel zum Thema Menschenwürde! Ganz zu schweigen von einigen Inhalten dieses Schmierenportals!
felice4711 (29.01.2009, 16:06 Uhr)
Ich finde
Lorielle hat ein gutes Interview gegeben. Mich hat auch positiv überrascht, wie sie sich im Camp präsentiert hat. Überhaupt nicht tuckig, sondern sympathisch. Da sie es insgesamt nicht leicht auch mit sich selbst haben wird, sollte man doch davon Abstand nehmen, eimerweise Schmähungen und Gülle über ihr auszuleeren. Seid ihr anderen wirklich alle so toll? Leben und leben lassen!
Kultur
stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
TV-Tipps des Tages
Empfehlungen aus der Redaktion Empfehlungen aus der Redaktion
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Gast: WARUM FÜHREN MANCHE KAPSELN ZUR VERSTOPFUNG?

 

  von Gast 98746: Chiptuning Mercedes Benz E 200 T CDI Erstzulassung 06/13

 

  von BitteFreundlich: Welcher Körperteil ist am häufigsten von Osteochondrose betroffen?

 

  von Gast 98742: Altmietvertrag aus der ehemaligen DDR

 

  von Gast: Das iPhone meiner Freundin hat ne seltsame Macke. schwarzer Bildschirm. anrufe kommen rein, man...

 

  von Amos: Muß die Frage nochmal stellen: Überweisung per Online-Banking auf ein Unterkonto bei derselben...

 

  von Gast: Stern-Sudoku-Gewinnspiel

 

  von Gast: Kann man Handelsübliches Jodsalz in ein Fußsprudelbad geben wenn die Haut verletzt ist?

 

  von Gast: zerbrochene Fensterscheibe

 

  von Amos: Wenn zum Bau eines Hauses Wasser aus einem städtischen Hydranten entnommen wird: wie wird das...

 

  von Der_Denis: Kunststoff - warum so schlechtes Image

 

  von Gast 98682: Wenn ich ein Konto in der Schweiz eröffne, wie hoch ist die Mindesteinlage?

 

  von Gast 98680: Welche Programme gibt es für Zuschüsse an gemeinnützige vereine

 

  von Gast 98676: Führerschein vergleischen

 

  von Amos: Mineralwasser aus dem Schwarzwald nennt sich Black Forrest: ist das ein Gag, ein MIßgriff oder...

 

  von Gast 98669: können adoptierte ausländische erwachsene in Bayern studieren?

 

  von Gast 98667: Reisepass abgelaufen

 

  von Gast 98659: palmen in irland

 

  von Gast 98655: Kosten im Pflegefall

 

  von Amos: Maut: jetzt für Autobahnen und Bundesstraßen. Da die Bundesstraßen B 1, B 236 und B 54 mitten durch...