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"Making a Murderer": Diese wahre Geschichte darf doch nicht wahr sein

Die Netflix-Show "Making a Murderer" erzählt den echten Fall des vermeintlichen Mörders Steven Avery und ist der neueste Höhepunkt im aktuellen True-Crime-Trend. Den Zuschauer lässt die Doku völlig verstört zurück.

Verhaftungsfoto von Steven Avery

Steven Avery bei seiner Verhaftung im Jahr 1985: Kaltblütiger Mörder - oder Opfer eines überheblichen Justizsystems?

Der Amerikaner Steven Avery wird im Jahr 1985 wegen Vergewaltigung verurteilt. 18 Jahre sitzt er im Gefängnis, bis neue DNA-Analysen seine Unschuld belegen. Nach seiner Entlassung klagt das Justizopfer auf Entschädigung in Millionenhöhe, woraufhin die an seinem Fall beteiligten Beamten in Bedrängnis geraten. Doch plötzlich wird eine junge Fotografin vermisst, und der Mann, der sie zuletzt lebend gesehen haben soll, steht ziemlich schnell unter Mordverdacht: Steven Avery.

Mehr soll über die Handlung hier nicht verraten werden. Aber was wie die Basis für einen soliden Justizthriller klingt, ist in Wirklichkeit viel schlimmer: "Making a Murderer" dokumentiert eine wahre Geschichte - die eigentlich nicht wahr sein darf. Weil sie nicht zu fassen ist.

"Making a Murderer" macht wütend

Dass die Netflix-Doku für Aufsehen sorgen würde, war nach dem Erfolg ähnlicher Projekte wie dem HBO-Hit "The Jinx" oder dem Podcast "Serial" eigentlich klar: Das True-Crime-Genre boomt. Die Story vom Prozess gegen Steven Avery stellt einen neuen Höhepunkt des Trends dar, weil sie verstört und wütend macht. Die Mühlen der Justiz mahlen langsam, aber stetig - und stetig zerreiben sie im Fall von "Making a Murderer" auch die Nerven Averys. Und die der Zuschauer.

Man muss kein Verschwörungstheoretiker sein, um der Strafjustiz mit jeder Folge weniger zu trauen. Der Strafjustiz, deren vermeintlicher Willkür Steven Avery ziemlich hilflos ausgesetzt ist. Die ihn schon bei der Anklage für schuldig zu halten scheint. Irgendwann nehmen die Wendungen im Gerichtssaal beinahe kafkaeske Züge an: Zwar weiß der Angeklagte hier, wofür ihm der Prozess gemacht wird, allein die Beweise für seine Schuld sind alles andere als stichfest.

Wie wenig sich Richter, Kläger und Geschworene davon beeinflussen lassen, mutet in manchen Momenten an wie eine Satire - nur dass Steven Averys Schicksal (und das seines Neffen Brendan Dassey) traurige Realität ist. Das ist gleichzeitig eine der wenigen Gewissheiten, die "Making a Murderer" bietet.

Demgegenüber stehen viele Fragen, die den Zuschauer auch nach dem Abspann nicht loslassen. Man fragt sich, ob sowas vielleicht nur in den USA oder - in diesem Fall - in Manitowoc County im Bundesstaat Wisconsin möglich ist (wohl kaum!). Und irgendwann fragt man sich tatsächlich, wie sicher man eigentlich selbst vor einer derartigen Anklage ist. Jeder Mensch mag für sich ausschließen können, jemals einen Mord zu begehen. Aber niemand kann ausschließen, irgendwann eines Mordes beschuldigt zu werden - und wenn das passiert, so Averys Anwalt Jerome Buting: "... dann viel Glück!"

"Ein tragischer Mangel an Demut bei allen Beteiligten"

Buting verteidigt Avery zusammen mit seinem Kollegen Dean Strang. Der Zuschauer fiebert mit dem Duo im Kampf um die Wahrheit, oder wenigstens um das, was der Wahrheit am nächsten kommt. Ein fesselnder, frustrierender Kampf, dessen unfaire Regeln Strang so auf den Punkt bringt: "Woran unsere Strafjustiz am meisten leidet, ist die unberechtigte Gewissheit der Polizeibeamten und Kläger und Verteidiger und Richter und Geschworenen, dass sie ihre Sache gut machen. Dass sie eben Recht haben. Es herrscht ein tragischer Mangel an Demut bei allen, die an unserer Strafjustiz aktiv beteiligt sind."

Wer zehn Folgen von "Making a Murderer" überstanden hat, denkt über Strangs bittere Erkenntnis noch sehr lange nach.

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