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22. März 2011, 10:37 Uhr

Verfilmung brav, Ferres unvermeidlich

Das vollmundige Versprechen eines Senders: Ein "großes TV-Event" soll die Verfilmung des Schicksals von Marco Weiss werden. Die Filmfirma hat vor allem auf Sicherheit gespielt. Sie will nicht anecken, lobt die deutschen Politiker - und setzt auf Veronica Ferres. Eine Medienkolumne von Bernd Gäbler

 
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Festnahme im Urlaub in der Türkei: Vladimir Burlakov spielt Marco W. (M.), Veronica Ferres seine Mutter, Herbert Knaup seinen Vater (2. v. li.)© Willi Weber/Sat1

Fürs Fernsehen hat die Kölner Firma "Zeitsprung" schon bedeutende Filme gedreht und dabei viel riskiert. Mit einer großartigen Ensemble-Leistung hat sie "Das Wunder von Lengede" berührend in Szene gesetzt. Mit "Contergan", einer filmischen Großtat, eine gesellschaftliche Debatte neu angestoßen. Doch jetzt haben sie einen Film mit Veronica Ferres gedreht: "Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis". Die Firmenchefs Ica und Michael Souvegnier haben die autobiografische Aufzeichnung des Marco Weiss verfilmt. Das Justizdrama um den Jugendlichen aus Uelzen war der Aufreger des Jahres 2007.

Der Sender Sat1 wirbt damit, dass da wieder Großes im Anmarsch sei. Zunächst aber ist da vor allem Veronica Ferres. Sie spielt das, was sie immer spielt: eine Mutter, die alle Widerstände überwindet. Mal die Nazis, mal die Stasi - diesmal ist es die türkische Justiz. Und sie spielt sogar einigermaßen zurückhaltend, der Kitsch quillt nicht über. Erst am arg gedehnten Ende darf sie ausgiebig zu dramatischer Musik weinen. Aber wieder begeht sie den Fehler, in Talkshows (diesmal bei "Kerner", natürlich auf Sat1) das tatsächliche Leid der realen Mutter zu bezeugen, statt über ihre Schauspielkunst zu sprechen.

Gegensatz: Einfamilienhaus vs. Männerknast

Es tut dem Film aber gut, dass er auf schlichte filmische Mittel setzt. Die Geschichte wird einfach chronologisch erzählt. Am Ende ist Marco W. endlich frei. Seine Spannung bezieht die Story aus einem schlichten Dualismus: hier die im lichten Einfamilienhaus lebende deutsche Musterfamilie, tolerant, verzweifelt, aber sich gegenseitig stützend; dort der dunkle türkische Männerknast mit wilden fremden Männern, Drogen, Gewalt und Verbrecherhierarchien.

Buch und Regie sind peinlich darauf bedacht, nur ja keine Fehler zu machen, etwa türkenfeindlich interpretiert werden zu können. Nein, der türkische Kellner Mehmet ist fast ein Freund der Familie; wie ein Mustergymnasiast lernt Marco zügig die fremde Sprache und die Mutter ist eine verständnisinnige Bewährungshelferin. Seit zehn Jahren fährt die Familie an denselben Strand; alle Türken sind nett - nur am Rechtsstaat mangelt es halt. Marco wird ja festgehalten, weil er ein 13-jähriges englisches Mädchen sexuell missbraucht haben soll. Aber an Marcos Unschuld lässt der Film keinen Zweifel. Dies gelingt einigermaßen, ohne dass englische Mädchen als kleines Luder darzustellen. Eine ejaculatio praecox bei Marco wird angedeutet, der medizinische Befund, dass Carolina (so der Name des englischen Mädchens im Film) noch Jungfrau ist, wird ausgiebig referiert.

Einige Figuren sind zwischen deutscher Idylle und türkischer Hölle angesiedelt. Dabei wirken die türkischen Rechtsanwälte tölpelhafter, als sie in Wirklichkeit waren. Der Mut der Produzenten reichte auch nicht aus, um aus dem schmierigen Medienberater mehr als eine Nebenfigur zu machen. Es gibt durchaus Beobachter, die glauben, Marco W. wäre damals bedeutend früher in Freiheit entlassen worden, wäre er in Deutschland nicht so sehr Material einer antitürkischen Medienkampagne gewesen. Diesen Handlungsstrang aber verfolgt das Drehbuch nicht weiter. Es bleibt bei der üblichen, nicht auf Erkenntnisgewinn angelegten populäre Medienschelte: Aasgeier eben.

Ex-Ministerpräsident Wulff steht besonders gut da

Sehr viel besser kommen da parteiübergreifend die deutschen Politiker weg: Peter Struck und Außenminister Frank-Walter Steinmeier, besonders aber der damalige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff. Dessen persönlicher Brief gibt Marco im Verlies wieder Hoffnung. Umfangreich gefördert wurde der Fernsehfilm übrigens von der niedersächsischen Filmförderung. Die guten Kontakte rühren schon aus der Zeit der Dreharbeiten zum "Wunder von Lengede" her. Damals musste ein weltweit einzigartiges Wasser-Studio errichtet werden. Das überforderte "Zeitsprung" fast finanziell. Als segensreich erwies sich die helfende Hand Wulffs, der dann 2003 auch zur "Lengede"-Uraufführung kam. Die gegenseitige Unterstützung von Filmbranche und Politik ist also durchaus für beide Seiten nützlich. Überhaupt steht der heutige Bundespräsident Christian Wulff der Filmbranche näher als man es ihm ansieht - selbst die erfolgreiche Sat1-Darstellerin Alexandra Neldel zählt zu seinem Bekanntenkreis.

Noch besser und vor allem edler als die deutschen Politiker kommt der Reiseunternehmer Vural Öger weg - im Film mit elegant gestutztem weißem Bart. Er ist der Mittler zwischen den Welten, das personifizierte Verständnis der Kulturen, Marcos heimlicher Befreier.

Der reale Marco W. hat sich trotz intensiver Werbung für den Film dem Boulevard weitgehend versagt. Selbst in den Sat1-Talkshows tritt er nicht auf. Er tut gut daran. Gespielt wird er nämlich vom talentierten Vladimir Burlakov, der dem Film-Marco viel Statur gibt. Da hätte es der Real-Marco schwer, so tapfer, so eloquent, so gymnasial aufzutreten wie sein filmisches Alter Ego.

"Marco W. - 247 Tage im türkischen Gefängnis" läuft am Dienstag um 20.15 Uhr auf Sat1

Die wichtigesten Daten im Fall Marco W. 11. April 2007: Ein Discoabend in Side endet für Marco und das Mädchen im Hotelzimmer der Britin. Er spricht später von gemeinsamen Zärtlichkeiten, sie von sexueller Belästigung.
12. April: Nach einer Anzeige von Charlottes Mutter wird Marco festgenommen. Er kommt in Untersuchungshaft.
6. Juli: Am ersten Prozesstag wird die Verhandlung nach eineinhalb Stunden vertagt.
8. August: Ein Gutachter bestätigt Marcos Aussage, dass das Mädchen keinen Geschlechtsverkehr hatte und nicht vergewaltigt wurde.
6. September: Das Gericht gibt ein neues Gutachten in Auftrag.
8. Oktober: Eine Haftbeschwerde wird wegen der Schwere des Tatvorwurfs abgelehnt.
14. Dezember: Nach 247 Tagen kommt Marco ohne Auflagen aus der U-Haft frei und muss zum weiteren Verfahren nicht mehr erscheinen.
28. November 2008: Marcos Buch "Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast" erscheint. Wegen der Veröffentlichung während des Verfahrens legen seine deutschen Anwälte ihre Mandate nieder.
16. September 2009: Nachdem der Prozess x-mal vertagt wurde und sich mehr als zwei Jahre hinzog, fällt endlich das Urteil: Marco wird in Antalya wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren, zwei Monaten und 20 Tagen Haft verurteilt.

Eine Medienkolumne von Bernd Gäbler
 
 
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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