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14. Oktober 2011, 09:35 Uhr

Wenn Kapitalisten mit der Revolution sympathisieren

Rar sind sie geworden, die Talkshows, die dem Zuschauer noch einen Nutzwert bescheren. Maybritt Illner gelang diese TV-Bescherung - und das mit einem alles andere als quotenträchtigen Thema: "Griechen pleite, Banken in Not – wer rettet den Steuerzahler?" Am Ende deuteten sich tatsächlich Auswege aus der Finanzkrise an. Von Christoph Forsthoff

Maybrit Illner, Occupy Frankfurt, Griechenland, Pleite, Banken Steuerzahler

"Wer rettet den Steuerzahler?": Bei Maybritt Illner wurden tatsächlich Auswege aufgezeigt© ZDF

Wer hätte das ausgerechnet von dem seriösen Herrn Wickert erwartet? "Dann müssen die Leute eben auf die Straße gehen und die Piraten wählen statt der etablierten Parteien", forderte der stets um Ethik und Moral besorgte Autor die Deutschen auf angesichts der Tatenlosigkeit der Regierung gegenüber den Auswüchsen des Finanzsystems. Und Finanzexperte Dirk Müller setzte sogar noch einen drauf, wenn der TV-bekannte "Mr. Dax" feststellte, dass die große Mehrheit der Politiker die aktuelle Finanzkrise gar nicht durchschaue und sich dann ausgerechnet von den involvierten Bankern beraten lasse – am Ende werde es "die Straße sein, die die Politik dazu zwingt, wieder zu handeln".

Nun, eben diese Straße saß bei Maybritt Illner in der Gestalt eines 20-Jährigen: Wolfram Siener, Kopf der Bewegung "Occupy Frankfurt", die ähnlich wie die US-Protestler von "Occupy Wall Street" gegen den ausufernden Kapitalismus mobil machen will. Der machte einen wohl erzogenen Eindruck und schwang doch schon fast revolutionäre Reden, wenn er dem "Volk" die Kraft zusprach, etwas zu verändern: "Wir kämpfen gegen ein globales System."

Nur der Demo-Aufruf fehlte noch

Solche Töne hätte man in dieser Runde eher von der Salonkommunistin Sahra Wagenknecht erwartet. Doch für die trotz manch hitzigem Wortgefecht überraschend konstruktive Diskussion war es bezeichnend, dass Siener mit solchen Gedanken allenthalben mehr als nur Sympathiepunkte sammelte. Selbst bei überzeugten Marktwirtschaftlern wie Volker Wissing und Michael Kemmer: Während der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Banken Verständnis für die Bewegung bekundete, gestand der finanzpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion sogar ein, nicht frei in der politischen Entscheidung zu sein. Denn die Hauptverantwortung für die aktuellen finanzpolitischen Turbulenzen liege in der ausufernden Staatsverschuldung – "wenn wir die Staaten aus der Abhängigkeit herausbringen wollen, bedeutet dies Haushaltskonsolidierung", so Wissing.

Da fehlte eigentlich nur noch die Verabredung zu den geplanten Demonstrationen am kommenden Sonnabend in Frankfurt, Hamburg und Berlin. Doch soweit wollten die Herren dann doch nicht gehen, schließlich würden sie da mit Wagenknecht Seit‘ an Seit‘ in den Kampf ziehen. Dass indes ausgerechnet die stellvertretende Bundesvorsitzende der Linken an diesem Abend der Kapitalismuskritik eher blass und pauschal blieb – „Es kann nicht sein, dass Woche um Woche ganze Länder von den Launen einiger Investmentbanker und dreier Ratingagenturen abhängen“ – lag neben manch offener männlicher Antwort auch an den hartnäckigen (Nach-)Fragen Illners.

Geglückte Bestandsaufnahme

Die deckten nämlich – auch im Gespräch mit Torsten Hinrichs, Deutschlandchef der Ratingagentur Standard & Poor’s – immer wieder Schwach- und Knackpunkte im globalen Politik- und Finanzsystem auf, so dass am Ende des 60-minütigen Talks tatsächlich eine zwar zerstückelte, doch erstaunlich umfassende Bestandsaufnahme des Problems gelungen war. Die klar machte, dass es längst nicht mehr nur um einen (wohl unvermeidlichen) teilweisen Schuldenerlass für die bankrotten Griechen geht. Sondern, dass die Politiker in Europa und den USA dringend ihre Ausgaben und Einnahmen in Einklang bringen müssen, globale Regeln notwendig sind, damit die Tätigkeit der Banken sich wieder zuvorderst am Nutzen für die Gesellschaft orientiert, und vor allem die Politik wieder das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Auch wenn dazu das Volk seine gewählten Vertreter durch machtvolle Demonstrationen vielleicht erst antreiben muss.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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