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6. April 2009, 17:43 Uhr

Das Comeback der Verlegerfamilien

Die Zeitungskrise hat aktuell eine bemerkenswerte Nebenwirkung: Ob Madsack, Holtzbrinck oder Neven DuMont - die Bedeutung der klassischen Verlegerfamilien nimmt zumindest für die deutsche publizistische Landschaft wieder zu. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Gäbler, Verlegerfamilien

Der Patriarch lebt: Verleger Alfred Neven DuMont mit Uwe Vorkoetter, dem Chefredakteur der "Frankfurter Rundschau"© AP

Zeitungen in der Krise. Darüber sind sich die meisten Chefredakteure und ihre Verleger einig: Zeitungen müssen hintergründiger, "magaziniger" werden, noch mehr Nutzwert bieten und gleichzeitig noch lokaler werden. Anders sei die Konkurrenz zu den schnelleren Medien nicht zu bestehen. Der publizistische Auftrag laute, guten Journalismus zu machen, aber nicht unbedingt Papier zu bedrucken. Ein kluge Vernetzung mit dem lokalen Rundfunk, dem "Heimatfernsehen" und gemeinschaftsbildenden Internet-Portalen gehöre zu einer tragfähigen Zukunftsstrategie. Noch ist für viele Familien die täglich zum Frühstück bereit liegende regionale Abo-Zeitung die Basis aller Information. Aber die Jugend bricht weg.

Eher eine optimistische Illusion ist der Glaube, viel Surfen führe nahezu automatisch zu einem weiten Interessenhorizont oder gar großer Informiertheit. Auch kluge Verleger haben noch kaum Antworten auf eine Gesellschaft mit weniger Lesern. Zwar haben alle das Ideal vor Augen, eine starke Print-Ausgabe könne auch die Online-Geschwister fördern und umgekehrt - aber tragfähige Geschäftsmodelle sind rar. Auch wenn täglich noch immer weit über 20 Millionen Exemplare von Tageszeitungen verkauft werden, ist es keine Schwarzmalerei von einer Zeitungskrise zu sprechen.

Die Strukturveränderungen in den USA

In den USA hat diese Krise zu weitreichenden strukturellen Veränderungen geführt. Zum Auslaufmodell wurde eine Spezies von Unternehmern, die die US-amerikanische Publizistik geprägt haben wie im alten Europa die "Schlotbarone" den industriellen Aufstieg: die Verleger-Dynastien. Nahezu flächendeckend hat die letzte Generation das publizistische Erbe nicht erhalten können oder es gegen Höchstgebot an Finanzinvestoren verhökert. Dies ist ein enormer Strukturwandel der Öffentlichkeit - weg von gefühlter und praktizierter Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft hin zu reiner Rendite-Orientierung. Auf jeden Fall wäre heute nicht mehr möglich, was am 13. Juni 1971 begann. Damals konnte die Publikation der "Pentagon-Papers" gegen den Willen einer Regierung, die die nationale Sicherheit bedroht sah, nur durch das solidarische Zusammenwirken der großen Verlegerfamilien fortgesetzt werden.

Überraschung in Deutschland

Auch in der deutschen Presslandschaft gab es Vorboten "amerikanischer Verhältnisse". Insbesondere der gebürtige Nordire David Montgomery und die von ihm geleitete Mecom-Gruppe führten eine Schlacht gegen den klassischen Journalismus auf dem Territorium der verlassenen Gruner+Jahr-Überbleibsel "Berliner Zeitung" und "Hamburger Morgenpost". Tapfer wehrte sich die Redaktion dagegen, in die Bedeutungslosigkeit gespart zu werden. So raffinierten Ideen wie der einer engen Verschränkung von Newsdesk und Anzeigenakquise erteilten die Journalisten eine Abfuhr. Herr Montgomery wähnte sich zu seinem Abschied aus der deutschen Publizistik als Opfer einer infamen Gewerkschaftskampagne.

Und wer hat die "Berliner Zeitung" erworben? Die Kölner Verlegerfamilie Neven DuMont hat - neben einigem anderen - inzwischen mit "Kölner Stadtanzeiger"/ "Bonner Generalanzeiger", "Frankfurter Rundschau" und eben dieser "Berliner Zeitung" eine ganz hübsche Sammlung von Blättern zusammen, die alle an der Schwelle zu überregionaler Bedeutung stehen. Im Rheinischen kommt zur regionalen Abo-Zeitung auch noch der Boulevard ("Express"), in Berlin wird die "Berliner Zeitung" vom "Berliner Kurier" flankiert.

Ähnlich rührig wie NevenDuMont zeigt sich das Hannoveraner Familienunternehmen Madsack und hat zügig Minderheitenbeteiligungen aufgekauft, die der Axel-Springer-Verlag gerade abstößt. Mit den "Lübecker Nachrichten", den "Kieler Nachrichten", der "Leipziger Volkszeitung", der "Ostsee-Zeitung" in Rostock, den "Göttinger Nachrichten", der "Oberhessischen Presse" und einigen weiteren ist da eine hübsche Reihe stattlicher Regionalzeitungen zusammengekommen. Eine effektive Zentralverwaltung und auch inhaltliche Synergien sind da sicher denkbar, sodass gute Rendite nicht unbedingt das Produkt eines Schmalspur-Journalismus' sein muss.

Bemerkenswert ist auch die Rückkehr des Vollblut-Verlegers Dieter von Holtzbrinck ins Verlagsgeschäft. Vom jüngeren Halbbruder Stephan hat er sich einst abfinden lassen, sich damit dann aber doch nicht abgefunden. Sicher ist, dass mit so schönen Objekten wie der inzwischen de facto zum Wochenzeitungs-Monopolisten aufgestiegenen "Zeit", dem "Handelsblatt" und dem angesehenen Berliner "Tagesspiegel" auch immer noch schöner Geld zu verdienen ist als mit einem noch so oft angeklickten StudiVZ-Portal. In den betroffenen Redaktionen jedenfalls ist keiner traurig über das Comeback des erfahrenen Verlegers. So zeigt die Krise hierzulande - zumindest aktuell - eine völlig andere strukturelle Tendenz als in den USA: die alten Verleger-Fürsten sind wieder da! Verlegerfamilien - nur ein Zwischenhoch? Erfolgreich sind die regionalen Verleger-Dynastien stets, wenn es ihnen gelingt, die Familie zusammen zu halten und nicht in Stammesfehden zerfallen zu lassen; wenn sie de facto regionale Monopolisten sind - am besten mit Abo-Zeitung, Boulevard und Anzeigenblättchen aus einer Hand. Kommt dann noch etwas regionaler Hörfunk und Fernsehen oder ein munterer Internet-Auftritt hinzu, dann lässt sich auch noch schön Geld verdienen. Der deutsche Zeitungsmarkt ist nicht beweglich, sondern eher aufgeteilt in feste Territorien mittelgroßer Publizistik-Fürstentümer. Der Wettbewerb verarmt. Die Tendenz hin zu so genannten 1-Zeitungs-Kreisen, in denen ein Verleger konkurrenzlos das Sagen hat, hält an. Auch ist das Zeitungssterben nicht gestoppt. Vielleicht gibt es sogar irgendwann nur noch eine Ruhrgebiets-Zeitung, die dann "der Westen" heißen könnte wie das bereits existierende Internet-Pendant der WAZ-Mediengruppe. Aber dennoch ist die große, aktuell sogar wieder wachsende Rolle, die Verlegerfamilien in der deutschen Zeitungslandschaft spielen, ein gutes Zeichen. Tradition verpflichtet. Und einigen ist keineswegs wurscht, womit sie ihre Rendite machen. Die NevenDuMonts, Holtzbrinks, Madsacks sind nicht gleichgültig gegenüber dem Gebrauchswert ihres Tuns.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
PPSS (06.04.2009, 23:59 Uhr)
was fehlt
sind wohl die mohns, von unwissenden auch Bertelsmänner gennant.
Ist wohl aber auch OK so. Sind schliesslich keine Verleger, sondern einen neoliberale pressure-group...
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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