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25. Mai 2009, 18:02 Uhr

Der ARD fehlt das "Wir-Gefühl"

Nachdem die ARD ihre Kapitulation beim Grand Prix eingestanden hat, muss sie auch noch die Verzichtserklärung des vermeintlichen Retters verkraften. Stefan Raab lehnt eine förmliche Kooperation mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ab. Hat das "Erste" in Sachen Unterhaltung komplett versagt? Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Gäbler, Grand Prix, Stefan Raab, versagt die öffentlich-rechtliche Unterhaltung, Status Quo der ARD-Unterhaltung

Zu groß für die ARD? Stefan Raab hat auf keine Lust auf eine Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Sender© Carsten Rehder/DPA

Den Ablauf kennen wir jetzt schon: Aus der Mitte der ehrwürdigen Institution ARD heraus wird eine für deren Verhältnisse fast schon verwegene Idee geboren, dann wird sie hin- und her gewälzt, am Ende erfolgt die Absage. Diesmal sollte kein Günther Jauch verpflichtet, kein Oliver Pocher an den Sender gebunden werden, sondern der stets etwas berserkerhafte, allerdings mit ebenso großem musikalischen Gespür wie Ehrgeiz ausgestattete Stefan Raab sollte für die ARD die deutsche Abteilung des traditionellen europäischen Schlagerwettbewerbs aufpolieren.

Zwei Kulturen prallen aufeinander

"Mit unserer Arbeitsweise nicht vereinbar" - so lautete am Ende Raabs Absage. Der für das Schlagerdesaster verantwortliche NDR hätte den Schritt gerne gewagt, aber wieder einmal ist die föderal organisierte ARD an sich selbst gescheitert. Und der ARD-Unterhaltungs-Koordinator - schon an dieser Amtsbezeichnung ahnt man, was Stefan Raab meinen könnte - Thomas Schreiber steht einigermaßen blamiert da.

Das Zögern und Zaudern seitens einiger Intendanten und Programmverantwortlichen innerhalb der ARD ist dabei aus deren Sicht sogar verständlich. Eine Vertragsunterzeichnung mit Raab und ProSieben muss ihnen wie die Unterschrift unter eine Kapitulations-Urkunde erscheinen: Wir, die mit einigen Milliarden Gebühreneuro ausgestattete Superinstitution sind nicht in der Lage für einen internationalen Träller-Wettbewerb ein halbwegs akzeptables Liedchen zu finden, mit dem sich Deutschland nicht blamiert. Dass sie am Ende Raab zusätzlich aufbürden wollten, in einem Aufwasch auch noch neues Feuer in den Radiosendern der ARD-Anstalten zu entfachen, ist nur eine zusätzliche Pointe.

Tatsächlich sieht Raab völlig klar: In Verständnis von Unterhaltung und insbesondere in der Arbeitsweise besteht zwischen ihm und der ARD ein tiefer kultureller Graben: Machen oder Beraten; Ausprobieren oder an Konzepten feilen; "hau drauf!" oder "darf man das denn?"; einfacher Reflex oder komplizierte Reflexion; nah am Publikum oder "wir sind eine ehrwürdige Institution"; physische Präsenz oder vornehme Zurückhaltung - zwischen diesen Polen verlaufen die Fronten. Das sind keine Pfeiler für einen stabilen Brückenbau.

Raab, der Erfinder

"Ich setze mich in eine Bratpfanne und fahre einen Eiskanal herunter" - so lauten Konzepte von Stefan Raab. Daraus ist die schräge "Wok-WM" geworden. "Wenn Männer mit glatten Schuhen auf dem Eis Fußball spielen, wird das bestimmt lustig"- so kann man sich vorstellen, wie Raab bereits an der nächsten Idee feilt. Frei nach dem Prinzip: Mal sehen, was daraus wird. Grüne Tische, Sitzungen der Unterhaltungs-Koordinatoren würden solch Konzepte wohl kaum überstehen.

Aber was immer man von ihm halten mag, keiner ist ein so fleißiger Neuerer wie Stefan Raab. Keiner wirft sich selbst so schonungslos in jede Bresche, hat eine Spürnase für Trends und setzt gleichzeitig energisch um, was er für richtig hält.

Dabei ist er oft eher penetrant als elegant; sein Lachen ist Beißen; in Interviews geht er regelmäßig schlecht vorbereitet - aber zwei "weiche Stellen" verbirgt er inzwischen auch nicht mehr: Kinder und die Musik. Da ist er aufgeschlossen, lässt sich sogar anrühren, spürt, was gut ist und gut ankommt. Fernsehen ist für ihn wie eine große Klassenfahrt, nur dass auf seinem "Kindergeburtstag" mit Flummi-Bällen und Pool-Billard inzwischen Drei-Millionen-Euro zu gewinnen sind. Raab alleine hat in den letzten Jahren viel mehr erfunden als sämtliche Unterhaltungsabteilungen und ARD-Koordinatoren. Ideen probiert Raab einfach aus: Turmspringen klappt besser als Springreiten, also wird es weitergemacht.

Im "Ersten" dagegen sehen alle großen Shows inzwischen in etwa gleich aus. Von "Star Quiz" bis zum großen "Erziehungsquiz" produziert Jörg Pilawa mit seiner Firma "white balance" gleichförmig gestrickte Angebote. In den Dritten Programmen gibt es inzwischen flächendeckend regionale Quiz-Sendungen, in denen Bernd Stelter (WDR) oder Carlo von Thiedemann (NDR) einigermaßen ehrbar ihr Gnadenbrot kauen und Senioren bespaßen. Talententwicklung erfolgt da kaum, weil das Publikum überaltert ist. Interessant sind eigentlich nur zwei ARD-Entwicklungen: Kurt Krömer und "Pelzig unterhält sich" - beides sind letztlich aber schöne Nischenprogramme geblieben.

Eine Kultur des Mitmachens fehlt der ARD

Eine förmliche Kooperation mit Stefan Raab und ProSieben hätte der ARD diese eigene Schwäche erst recht schmerzlich vor Augen geführt. Dabei ist das eigentliche Problem nicht einmal die mangelnde Ideen-Entwicklung in irgendwelchen Abteilungen oder ausgelagerten Firmen, sondern das Verfahren selbst. Gerade der "Eurovision Song Contest" lebte, wenn er denn gut war, von einer Bewegung an der Basis. Leute backten Nussecken für Guildo Horn, plärrten mit Stefan Raab, bewunderten den eindringlichen Gesang von Max Mutzke. Das konnte gerne ironisch, durfte aber nicht "Retorte" sein.

Stefan Raab schafft es, ungewöhnliche Talente zu ermitteln, weil sein "Bundesvision Song Contest" von einem "Wir-Gefühl" zwischen Publikum und Interpreten getragen wird. Und eben dieses, nennen wir es ruhig "demokratische" Element, bekommt die ARD nicht hin. Sie ist nicht offen genug, hat einfach den Draht zu einem individualisierten jungen Publikum verloren. Es akzeptiert "Tagesschau" und "Tatort", Plasberg und "Sportschau" - vielleicht sollte die ARD einfach von der Unterhaltung mal die Finger lassen. Mit würde nichts fehlen.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (10 von 16)
 
stasicom (26.05.2009, 14:31 Uhr)
Nur der ARD...?
fehlt das "WIR" Gefühl? Ist wohl so, aber das fehlt den Deutschen ja insgesamt.
Immer schön lethargisch bleiben, Innovation findet woanders statt.
Marty_D (26.05.2009, 11:58 Uhr)
GEZ abschaffen
immer wieder diese GEZ diskussionen, eine echte Frechheit das die GEZ über ein Gesetz uns diue Kohle aus der Tasche zieht.
Die zwingen uns für eine Dienstleistung zu bezahlen die wir gar nicht in anspruch nehmen.
Irgendein Anwalt hier? wie siehts aus mit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof?
Das sind die selben methoden wie irgendwleche Internet abuzocker oder Ähnliches. Einen Zahlen lassen für etwas was derjenige gar nicht benutzt - das ist kriminell. Und das über ein Gesetzt festzulegen verstößt meiner meinung nach gegen die Menschenrechte aber ich bin kein experte! Was sagt der Anwalt dazu?
albundy69 (26.05.2009, 11:48 Uhr)
Raab-Entlarvung
Raab der grosse Sabbelkopf entlarvt sich selbst. In seinen eigenen Volksbeleidigungsauftritten lästert er über alles und jeden, jetzt KÖNNTE er beweisen wie gut er ist, oder ob er ÜBERHAUPT IST ! Mein Vorschlag, europäische Leichtigkeit annehmen und sich aus dem janzen Scheiss abmelden ! Kost viel, bringt nix und "bisschen-Frieden-Zeiten" sind eh vorbei !!!
embe (26.05.2009, 08:56 Uhr)
Jammertal
Meist nur eingekauftes, schlechte Kopien, Quoten-hinterhergehechel mit geklauten Konzepten.
Nurnoch ein öffentlich rechtlicher den Saustall ausmisten und ansonsten:
http://www.gez-abschaffen.de/
vegefranz (26.05.2009, 08:29 Uhr)
Zwangsgebühren-Fernsehen abschaffen
das modell des Zwangsgebühren-fernsehens hat sich überlebt. 80% der zwangsgebühren gehen für den Verwaltungswasserkopf drauf. Politischer Wille, die Zwangsgebührensender abzuschaffen, ist allerdings nicht vorhanden: Schliesslich gibt es dort feine, hochbezahlte Versorgungsposten für Politiker
traldors (26.05.2009, 08:10 Uhr)
GEZ?
Ich zahl keinen Euro für diese verkommene Gesellschaft. Wenn ARTE und DOKU Kanäle Abo's anbieten würden, zahle ich. Den Rest an Verdummung den ARD und ZDF produzieren können die behalten , der treibt ohnehin meinen Blutdruck nur unnötig in die Höhe. Deutsche Serien auch nur 2 Sekunden ertragen zu müssen ist wie instant lobotomiert werden.
thomasm72 (26.05.2009, 00:29 Uhr)
Natürlich...
Natürlich- ist doch klar dass das nicht klappen konnte! Sehen wir uns doch mal die Konzepte an mit denen bei der ARD seit den 50er Jahren gearbeitet wird. Dann sehen wir uns mal an wie ein Stefan Raab arbeitet. Ein Unterschied wie Tag und Nacht! Die Zeiten eines Hans-Joachim Kulenkampff oder eines Joachim „Blacky“ Fuchsberger sind Geschichte! Leider haben die durchbürokratisierten öffentlich-rechtlichen Anstalten viele Trends verpennt oder einfach ausgesessen. Es gilt jetzt, neue Trends zu setzen und alte Besen auszusondern. Der Grand Prix wäre vielleicht ein Anfang.
crvnshkr (25.05.2009, 23:19 Uhr)
Ach, wenn Sie schon so fragen...
Die Frage: "Hat das ERSTE in Sachen Unterhaltung komplett versagt?"
Meine Antwort: "Ja, und zwar auf ganzer Linie!"
Halt, Moment, Stop! Da gibt's ja noch die DTM... mmh, grübel... das gucke ich mir alle 2,3,4 Wochen an... Also: bis auf die Übertragung sterbenslangweiliger Tourenwagenrennen, die zwischen zwei Marken entschieden werden - ja!
MRP66 (25.05.2009, 22:28 Uhr)
So schlimm ist es auch nicht..
ich habe noch keine grauen Haare und wenn ich die Kiste mal anschalte, schaue ich mir lieber was fürs Hirn an. Und da genau da fehlts bei den Privaten. Es kommt darauf an aus welcher Ecke man das Thema angeht. Es ist wie bei den Tageszeitungen. Manche können halt gerade nur die Sprache und Bilder der BILD verarbeiten und andere wiederum sind in der Lage sich mit den Themen einer guten Tageszeitung auseinanderzusetzen. So sehe ich ungefähr den Unterschied zwischen den privaten und den ÖR Fernsehsendern.
Jocx (25.05.2009, 22:25 Uhr)
Unterhaltung können sie aber keiner kriegts mit
Ich sah wirklich vor kurzem einen guten Film bei den Ö-R, weiß aber nicht mehr bei welchem Sender. Der lief unter der Woche so ab halb zwölf abends bis weit nach ein Uhr nachts. Das war ein Glücksfall, bis auf die Sendezeit.
Bei "Blickpunkt Sport" im BR3 ist gerade in diesem Moment Uli Hoeness zu Gast, der polarisiert, der redet Klartext. Wieso kriegt man da nichts im Vorfeld mit? Denn die Aussagen der Gäste bei "Blickpunkt Sport" zu denen regelmäßig die hochrangigsten Sportfunktionäre des FCB gehören stehen dann am nächsten Tag in der Bildzeitung. Jeder liest es aber keiner hat es gesehen.
"Dittsche" zum Beispiel lief in der ARD schon in der x-ten Staffel bevor man überhaupt wusste was da los ist. Man hört immer nur im Nachhinein was da Gutes lief.
Wenn der Klinsmann bei RTL redet dann sehen Millionen Menschen zu, wenn Beckenbauer bei "Blickpunkt Sport" unbefangener redet, dann kriegt es keiner mit. Es gibt schon gute Sachen aber keiner merkt es.
Beispiel Schlag den Raab: Da wusste man schon Wochen vorher, dass es um 3 Millionen Euro geht und es war bis halb zwei Nachts außergewöhnlich spannend. Da hat sich keiner Sorgen gemacht um die Überziehung der Sendezeit, im Gegensatz zu Wetten Dass...? wo der Moderator immer nervöser wird je mehr die Sendezeit überzogen wird. Sie hätten alle Voraussetzungen, aber es sind viel zu alte Männer dort, die sich nicht trauen.
Und zum Thema Grand Prix: Das ist eine lächerliche, unwichtige Veranstaltung und wenn die Herren mutig wären, würden sie das ganze ironisch sehen und wieder einen Guildo Horn aufstellen, statt sich zwanghaft zu bemühen, Ernsthaftigkeit in eine Veranstaltung zu bringen, die kein normaler Mensch mehr Ernst nimmt!
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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