Nachdem die ARD ihre Kapitulation beim Grand Prix eingestanden hat, muss sie auch noch die Verzichtserklärung des vermeintlichen Retters verkraften. Stefan Raab lehnt eine förmliche Kooperation mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ab. Hat das "Erste" in Sachen Unterhaltung komplett versagt? Von Bernd Gäbler

Zu groß für die ARD? Stefan Raab hat auf keine Lust auf eine Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Sender© Carsten Rehder/DPA
Den Ablauf kennen wir jetzt schon: Aus der Mitte der ehrwürdigen Institution ARD heraus wird eine für deren Verhältnisse fast schon verwegene Idee geboren, dann wird sie hin- und her gewälzt, am Ende erfolgt die Absage. Diesmal sollte kein Günther Jauch verpflichtet, kein Oliver Pocher an den Sender gebunden werden, sondern der stets etwas berserkerhafte, allerdings mit ebenso großem musikalischen Gespür wie Ehrgeiz ausgestattete Stefan Raab sollte für die ARD die deutsche Abteilung des traditionellen europäischen Schlagerwettbewerbs aufpolieren.
"Mit unserer Arbeitsweise nicht vereinbar" - so lautete am Ende Raabs Absage. Der für das Schlagerdesaster verantwortliche NDR hätte den Schritt gerne gewagt, aber wieder einmal ist die föderal organisierte ARD an sich selbst gescheitert. Und der ARD-Unterhaltungs-Koordinator - schon an dieser Amtsbezeichnung ahnt man, was Stefan Raab meinen könnte - Thomas Schreiber steht einigermaßen blamiert da.
Das Zögern und Zaudern seitens einiger Intendanten und Programmverantwortlichen innerhalb der ARD ist dabei aus deren Sicht sogar verständlich. Eine Vertragsunterzeichnung mit Raab und ProSieben muss ihnen wie die Unterschrift unter eine Kapitulations-Urkunde erscheinen: Wir, die mit einigen Milliarden Gebühreneuro ausgestattete Superinstitution sind nicht in der Lage für einen internationalen Träller-Wettbewerb ein halbwegs akzeptables Liedchen zu finden, mit dem sich Deutschland nicht blamiert. Dass sie am Ende Raab zusätzlich aufbürden wollten, in einem Aufwasch auch noch neues Feuer in den Radiosendern der ARD-Anstalten zu entfachen, ist nur eine zusätzliche Pointe.
Tatsächlich sieht Raab völlig klar: In Verständnis von Unterhaltung und insbesondere in der Arbeitsweise besteht zwischen ihm und der ARD ein tiefer kultureller Graben: Machen oder Beraten; Ausprobieren oder an Konzepten feilen; "hau drauf!" oder "darf man das denn?"; einfacher Reflex oder komplizierte Reflexion; nah am Publikum oder "wir sind eine ehrwürdige Institution"; physische Präsenz oder vornehme Zurückhaltung - zwischen diesen Polen verlaufen die Fronten. Das sind keine Pfeiler für einen stabilen Brückenbau.
"Ich setze mich in eine Bratpfanne und fahre einen Eiskanal herunter" - so lauten Konzepte von Stefan Raab. Daraus ist die schräge "Wok-WM" geworden. "Wenn Männer mit glatten Schuhen auf dem Eis Fußball spielen, wird das bestimmt lustig"- so kann man sich vorstellen, wie Raab bereits an der nächsten Idee feilt. Frei nach dem Prinzip: Mal sehen, was daraus wird. Grüne Tische, Sitzungen der Unterhaltungs-Koordinatoren würden solch Konzepte wohl kaum überstehen.
Aber was immer man von ihm halten mag, keiner ist ein so fleißiger Neuerer wie Stefan Raab. Keiner wirft sich selbst so schonungslos in jede Bresche, hat eine Spürnase für Trends und setzt gleichzeitig energisch um, was er für richtig hält.
Dabei ist er oft eher penetrant als elegant; sein Lachen ist Beißen; in Interviews geht er regelmäßig schlecht vorbereitet - aber zwei "weiche Stellen" verbirgt er inzwischen auch nicht mehr: Kinder und die Musik. Da ist er aufgeschlossen, lässt sich sogar anrühren, spürt, was gut ist und gut ankommt. Fernsehen ist für ihn wie eine große Klassenfahrt, nur dass auf seinem "Kindergeburtstag" mit Flummi-Bällen und Pool-Billard inzwischen Drei-Millionen-Euro zu gewinnen sind. Raab alleine hat in den letzten Jahren viel mehr erfunden als sämtliche Unterhaltungsabteilungen und ARD-Koordinatoren. Ideen probiert Raab einfach aus: Turmspringen klappt besser als Springreiten, also wird es weitergemacht.
Im "Ersten" dagegen sehen alle großen Shows inzwischen in etwa gleich aus. Von "Star Quiz" bis zum großen "Erziehungsquiz" produziert Jörg Pilawa mit seiner Firma "white balance" gleichförmig gestrickte Angebote. In den Dritten Programmen gibt es inzwischen flächendeckend regionale Quiz-Sendungen, in denen Bernd Stelter (WDR) oder Carlo von Thiedemann (NDR) einigermaßen ehrbar ihr Gnadenbrot kauen und Senioren bespaßen. Talententwicklung erfolgt da kaum, weil das Publikum überaltert ist. Interessant sind eigentlich nur zwei ARD-Entwicklungen: Kurt Krömer und "Pelzig unterhält sich" - beides sind letztlich aber schöne Nischenprogramme geblieben.
Eine förmliche Kooperation mit Stefan Raab und ProSieben hätte der ARD diese eigene Schwäche erst recht schmerzlich vor Augen geführt. Dabei ist das eigentliche Problem nicht einmal die mangelnde Ideen-Entwicklung in irgendwelchen Abteilungen oder ausgelagerten Firmen, sondern das Verfahren selbst. Gerade der "Eurovision Song Contest" lebte, wenn er denn gut war, von einer Bewegung an der Basis. Leute backten Nussecken für Guildo Horn, plärrten mit Stefan Raab, bewunderten den eindringlichen Gesang von Max Mutzke. Das konnte gerne ironisch, durfte aber nicht "Retorte" sein.
Stefan Raab schafft es, ungewöhnliche Talente zu ermitteln, weil sein "Bundesvision Song Contest" von einem "Wir-Gefühl" zwischen Publikum und Interpreten getragen wird. Und eben dieses, nennen wir es ruhig "demokratische" Element, bekommt die ARD nicht hin. Sie ist nicht offen genug, hat einfach den Draht zu einem individualisierten jungen Publikum verloren. Es akzeptiert "Tagesschau" und "Tatort", Plasberg und "Sportschau" - vielleicht sollte die ARD einfach von der Unterhaltung mal die Finger lassen. Mit würde nichts fehlen.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.