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9. März 2009, 11:37 Uhr

Der letzte Triumph des Proporz-Systems

Nach den Attacken führender Unionspolitiker gegen eine Vertragsverlängerung für den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender steckt Intendant Markus Schächter in der Zwickmühle. Aber ein letzter Triumph des alten Proporz-Systems zeichnet sich ab: Peter Frey und Bettina Schausten könnten davon profitieren. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Gäbler, Brender, ZDF

Peter Frey könnte bald neuer ZDF-Chefredakteur werden, die Leitung des Berliner Büros würde dann Bettina Schausten übernehmen© Picture-Alliance

Wie kommt die Kuh vom Eis? Am 27. März um 14 Uhr wird die Sitzung des 14-köpfigen ZDF-Verwaltungsrats beginnen. Auf der Tagesordnung steht der Vorschlag des Intendanten, Nikolaus Bender erneut zum Chefredakteur zu machen. Die klare Mehrheit der CDU/CSU-Vertreter wird das nicht zulassen. Sie wird ihren Vormann Roland Koch, der sich mehrmals öffentlich gegen Brender ausgesprochen hat, nicht desavouieren, wenngleich einige mittlerweile Kochs Auftreten als taktisch ungeschickt empfinden. Brender wird nicht mehr durchzusetzen sein.

Der Vorsitzende des Gremiums, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), vermutet eine "tief im Kanzleramt" angesiedelte Intrige und sieht zwei D-Züge ungebremst aufeinander zurasen. Die fünf SPDler in dem Gremium könnten auf Brender beharren. Immerhin hat Koch erklärt, eine einvernehmliche Lösung anzustreben. Aber den Sender eine Zeitlang fast führungslos dahintaumeln zu lassen - dazu fehlt der SPD zur Zeit die Kraft. In Gefahr und großer Not werden sich die Sozialdemokraten einem Kompromiss nicht verschließen.

Droht Schächter mit Rücktritt?

Die Lage ist verzwickt und scheinbar völlig ausweglos. Selbst der stets um Ausgleich bemühte sanfte Vorsitzende des 77-köpfigen ZDF-Fernsehrats, Ruprecht Polenz (CDU), tat inzwischen kund: "Die Debatte hat allen Beteiligten und dem Sender nur geschadet." Weil es um mehr geht als die Besetzung eines Postens, nämlich um Unabhängigkeit und Freiheit des Journalismus gegenüber dem Staat, kolportierten im Laufe des Wochenendes mehrere Medien ("epd", "Handelsblatt" und "Spiegel-Online") Befürchtungen aus der Führung des ZDF, der ebenfalls beschädigte Intendant Markus Schächter könne mit Rücktritt drohen. Irgendwie müsse er ja eine Selbstbehauptung des Senders gegenüber der Politik demonstrieren.

Sie alle kennen Markus Schächter nicht! Eine Erfahrung hat ihn geprägt: seine eigene. Als er im Jahre 2002 Intendant wurde, war sein Helm zerbeult, das Gesicht zerkratzt und er hatte geknickte Ohren. Eine Legislaturperiode später wurde er mit der größten denkbaren Mehrheit wiedergewählt. Wenn er auf einem Gebiet großes Geschick hat, dann auf dem der politischen Taktik. Auch mit dem 77-köpfigen Fernsehrat weiß er wunderbar umzugehen. Zu jeder Sitzung liefert er den Mitgliedern einige Festmeter Papier in mehreren Leitz-Ordnern, simuliert perfekt äußerste Transparenz und ist am Ende doch immer der einzige, der noch durchblickt. Noch hat er immer einen Ausweg gefunden. Noch vor dem Verwaltungsrat wird auch der Fernsehrat tagen und vermutlich einen Appell an diesen verabschieden.

Natürlich kann sich Schächter nicht leisten, nun den Übergriffen von Koch, Stoiber und Kanzleramt unterwürfig seine Kehle zum Zubeißen darzubieten. Er muss gegenhalten, darum zunächst auf Brender bestehen. Aber hat er etwa sein Schicksal mit dem Brenders verknüpft? Natürlich nicht! Am Ende kann er immer sagen, das Wohl des Senders sei wichtiger als eine Person. Darum wird auf dem Lerchenberg hinter vorgehaltener Hand auch schon die Lösung geflüstert, die am Ende alle Seiten als Gesichtswahrung ausgeben können: Peter Frey wird ab 2010 Nachfolger Brenders als Chefredakteur und Bettina Schausten übernimmt die Leitung des Berliner Büros.

Frey und Schausten als Sieger der Polit-Intrigen

Zwar würde beiden zunächst das Image anhängen, nur Sieger eines fiesen Politklüngels zu sein. Aber Schächter kennt ja das Rezept: erst einmal im Amt, hat jeder die Gelegenheit sich zu profilieren. Die Union kann generös darauf hinweisen, dass es ihr nur um die Person des aufbrausenden Brender gegangen sei und nicht um eine Revision der ZDF-eigenen Farbenlehre, da Frey ja viel eindeutiger als Brender dem "roten Lager" zuzurechnen sei. Die Sozialdemokraten könnten als Erfolg reklamieren, für die Berlin-Berichterstattung den "Kanzlerinnen-Flüsterer" Peter Hahne verhindert zu haben. Die gelernte katholische Theologin Bettina Schausten gilt im ZDF-Denken zwar als "schwarz", kommt aber doch stets so brav und neutral daher wie ein wandelndes Polit-Barometer.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
Marquis (10.03.2009, 11:32 Uhr)
Der Staatsfunk-Kontrollrat
in dieser Form gehört abgeschafft!
Hier kann man dazu beitragen, daß die Piratenpartei auf dem nächsten Wahlzettel steht:
http://ich.waehlepiraten.de/
Noch 300 Unterschriften benötigt. Ausdrucken, Unterschreiben, 55 Cent drauf - und klarmachen zum Ändern!
Hartwig.Lein (09.03.2009, 16:54 Uhr)
Adieu Pressefreiheit
Da will dieser sattsam bekannte brutalste Oberaufklärer Koch die Pressefreiheit wohl durch ein unionsgeführtes Reichspropagandaministerium ersetzen. Kann denn niemand dieser unseligen Gestalt mal die Zündhälzer aus der Hand schlagen?
saulus (09.03.2009, 14:10 Uhr)
Sehr geehrter Herr Gäbler,
alles richtig und gut. Aber Sie wissen doch ganz genau, dass sich nichts ändern wird und von einem "letzten Triumph" kann keine Rede sein. Ein bischen Theater für den "Mob vulgaris" und Herr Koch und Co. machen weiter wie gehabt.
Jeder interessierte Bürger könnte in Karlsruhe klagen, ja, aber es wird sich niemand bewegen, weil Sie mit dem Theater zufrieden sind. Dieser Kettenhund Roland Koch ist doch das beste Beispiel, unkaputtbar der Kamerad.
jsbach (09.03.2009, 14:07 Uhr)
Pseudo-Unabhängigkeit
Das Gute an dieser Auseinandersetzung ist die Tatsache, daß immer mehr Menschen mitbekommen, wie "unabhängig" die Journalisten im ZDF und anderen öffentlich-rechtlichen Medien tatsächlich sind. Daß auf Koch geschossen wird, liegt an der generellen Meinungshoheit der Linken in der deutschen Medienlandschaft. Was diesem Kartell nicht paßt, wird gnadenlos niedergemacht. Man denke nur an den Fall Eva Herman, die quasi mit einem Berufsverbot belegt worden ist. Brender wird dagegen auch anderswo gut unterkommen.
kaisergarten (09.03.2009, 13:36 Uhr)
Einseitig.
Man darf und kann von Herrn Koch halten was man will, aber seine Kritik ist vollkommen gerechtfertigt. Auch ein Herr Bender muss sich kritische Fragen zu Qualität und zu sinkenden Zuschauerquoten gefallen lassen. Informationsfernsehen wird auf unmögliche Sendezeiten verlegt (s.h. Auslandsjournal) - alte Sendeformate bis zum endgültigen Exitus (Wetten das....) vortgeführt. Warum ein Horst Kleber 600.000 € wert sein soll weiß auch nur Herr Bender - obwohl - Herr Kleber zeigt sich dankbar und organsiert die Protestwelle. Wie gesagt - ob die Vorwürfe von Koch gerechtfertigt sind, diese Frage wird überhaupt nicht erörtert.
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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