Nach den Attacken führender Unionspolitiker gegen eine Vertragsverlängerung für den ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender steckt Intendant Markus Schächter in der Zwickmühle. Aber ein letzter Triumph des alten Proporz-Systems zeichnet sich ab: Peter Frey und Bettina Schausten könnten davon profitieren. Von Bernd Gäbler

Peter Frey könnte bald neuer ZDF-Chefredakteur werden, die Leitung des Berliner Büros würde dann Bettina Schausten übernehmen© Picture-Alliance
Wie kommt die Kuh vom Eis? Am 27. März um 14 Uhr wird die Sitzung des 14-köpfigen ZDF-Verwaltungsrats beginnen. Auf der Tagesordnung steht der Vorschlag des Intendanten, Nikolaus Bender erneut zum Chefredakteur zu machen. Die klare Mehrheit der CDU/CSU-Vertreter wird das nicht zulassen. Sie wird ihren Vormann Roland Koch, der sich mehrmals öffentlich gegen Brender ausgesprochen hat, nicht desavouieren, wenngleich einige mittlerweile Kochs Auftreten als taktisch ungeschickt empfinden. Brender wird nicht mehr durchzusetzen sein.
Der Vorsitzende des Gremiums, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD), vermutet eine "tief im Kanzleramt" angesiedelte Intrige und sieht zwei D-Züge ungebremst aufeinander zurasen. Die fünf SPDler in dem Gremium könnten auf Brender beharren. Immerhin hat Koch erklärt, eine einvernehmliche Lösung anzustreben. Aber den Sender eine Zeitlang fast führungslos dahintaumeln zu lassen - dazu fehlt der SPD zur Zeit die Kraft. In Gefahr und großer Not werden sich die Sozialdemokraten einem Kompromiss nicht verschließen.
Die Lage ist verzwickt und scheinbar völlig ausweglos. Selbst der stets um Ausgleich bemühte sanfte Vorsitzende des 77-köpfigen ZDF-Fernsehrats, Ruprecht Polenz (CDU), tat inzwischen kund: "Die Debatte hat allen Beteiligten und dem Sender nur geschadet." Weil es um mehr geht als die Besetzung eines Postens, nämlich um Unabhängigkeit und Freiheit des Journalismus gegenüber dem Staat, kolportierten im Laufe des Wochenendes mehrere Medien ("epd", "Handelsblatt" und "Spiegel-Online") Befürchtungen aus der Führung des ZDF, der ebenfalls beschädigte Intendant Markus Schächter könne mit Rücktritt drohen. Irgendwie müsse er ja eine Selbstbehauptung des Senders gegenüber der Politik demonstrieren.
Sie alle kennen Markus Schächter nicht! Eine Erfahrung hat ihn geprägt: seine eigene. Als er im Jahre 2002 Intendant wurde, war sein Helm zerbeult, das Gesicht zerkratzt und er hatte geknickte Ohren. Eine Legislaturperiode später wurde er mit der größten denkbaren Mehrheit wiedergewählt. Wenn er auf einem Gebiet großes Geschick hat, dann auf dem der politischen Taktik. Auch mit dem 77-köpfigen Fernsehrat weiß er wunderbar umzugehen. Zu jeder Sitzung liefert er den Mitgliedern einige Festmeter Papier in mehreren Leitz-Ordnern, simuliert perfekt äußerste Transparenz und ist am Ende doch immer der einzige, der noch durchblickt. Noch hat er immer einen Ausweg gefunden. Noch vor dem Verwaltungsrat wird auch der Fernsehrat tagen und vermutlich einen Appell an diesen verabschieden.
Natürlich kann sich Schächter nicht leisten, nun den Übergriffen von Koch, Stoiber und Kanzleramt unterwürfig seine Kehle zum Zubeißen darzubieten. Er muss gegenhalten, darum zunächst auf Brender bestehen. Aber hat er etwa sein Schicksal mit dem Brenders verknüpft? Natürlich nicht! Am Ende kann er immer sagen, das Wohl des Senders sei wichtiger als eine Person. Darum wird auf dem Lerchenberg hinter vorgehaltener Hand auch schon die Lösung geflüstert, die am Ende alle Seiten als Gesichtswahrung ausgeben können: Peter Frey wird ab 2010 Nachfolger Brenders als Chefredakteur und Bettina Schausten übernimmt die Leitung des Berliner Büros.
Zwar würde beiden zunächst das Image anhängen, nur Sieger eines fiesen Politklüngels zu sein. Aber Schächter kennt ja das Rezept: erst einmal im Amt, hat jeder die Gelegenheit sich zu profilieren. Die Union kann generös darauf hinweisen, dass es ihr nur um die Person des aufbrausenden Brender gegangen sei und nicht um eine Revision der ZDF-eigenen Farbenlehre, da Frey ja viel eindeutiger als Brender dem "roten Lager" zuzurechnen sei. Die Sozialdemokraten könnten als Erfolg reklamieren, für die Berlin-Berichterstattung den "Kanzlerinnen-Flüsterer" Peter Hahne verhindert zu haben. Die gelernte katholische Theologin Bettina Schausten gilt im ZDF-Denken zwar als "schwarz", kommt aber doch stets so brav und neutral daher wie ein wandelndes Polit-Barometer.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.