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Die TV-Berichterstattung zur WM ist teils unglaublich schwach

Stilisierte Clips und jubelnde Moderatoren, dafür keine Neugier und kaum Zusammenhänge: Anmerkungen zur Fußball-Weltmeisterschaft in ARD und ZDF.

Von Bernd Gäbler

  Kommentiert für das ZDF: Bei Oliver Kahn haben meist die Siegenden einfach Recht.

Kommentiert für das ZDF: Bei Oliver Kahn haben meist die Siegenden einfach Recht.

Eine Fülle schöner Artikel gab es in der Presse rund um die Fußball-Weltmeisterschaft. Bunt, laut, großflächig und von nicht versiegender Dauer waren die Vor-, Auf- und Nachbereitungen des Fußballs aus Brasilien im Ersten und im Zweiten. Wenn der Ball rollte, war dies gelegentlich sogar ein begeisterndes Feuerwerk. Die Quoten stimmten, meist waren die sportlichen Leistungen besser als die journalistischen. Manches war wie immer: So ist die Live-Kommentierung oft Geschmackssache. Und bei den Experten wirkte Mehmet Scholl, der van Gaal schlau dekonstruierte, erneut profilierter als Kahn, bei dem meistens die Siegenden einfach Recht haben. Aber es gibt auch inhaltlich und ästhetisch neue Tendenzen, die sich 2014 endgültig Bahn brachen.

Kommentatoren der WM 2014: Dampfplauderer, Pausenclowns oder kluge Experten?
  Steffen Simon, ARD  Weil er Sportchef des mächtigen Westdeutschen Rundfunks ist, darf Steffen Simon Spiele bei der WM in Brasilien kommentieren. Oder qualifiziert ihn sein Sachverstand? Fakt ist: Er redet sich gerne mal um Kopf und Kragen. Beim Spiel Iran gegen Nigeria ließ er sich über den iranischen Fußballverband aus und faselte, Iraner seien Südländer und nicht ganz perfekt organisiert. Nachdem sich zahlreiche Zuschauer beschwerten, schob er eine halbherzige Entschuldigung nach.  Nicht wenige Fußballkenner sind der Meinung, dass seine Kommentare zum Spiel weit schlimmer sind. Wer einmal seine Satire-Sendung "Schnauze Simon" gesehen hat, ist geneigt dem zuzustimmen.

Steffen Simon, ARD Weil er Sportchef des mächtigen Westdeutschen Rundfunks ist, darf Steffen Simon Spiele bei der WM in Brasilien kommentieren. Oder qualifiziert ihn sein Sachverstand? Fakt ist: Er redet sich gerne mal um Kopf und Kragen. Beim Spiel Iran gegen Nigeria ließ er sich über den iranischen Fußballverband aus und faselte, Iraner seien Südländer und nicht ganz perfekt organisiert. Nachdem sich zahlreiche Zuschauer beschwerten, schob er eine halbherzige Entschuldigung nach.

Nicht wenige Fußballkenner sind der Meinung, dass seine Kommentare zum Spiel weit schlimmer sind. Wer einmal seine Satire-Sendung "Schnauze Simon" gesehen hat, ist geneigt dem zuzustimmen.

Der Journalismus zieht sich mehr und mehr zurück auf die klassischen Medien, während das Fernsehen seine Stärke ausspielt, aus jedem Ereignis auch ein Erlebnis zu machen. Da ist es kein Zufall, dass die beiden großen "Anchor" des Geschehens, die Dreh- und Angelpunkte und Rhythmusgeber Matthias Opdenhövel (ARD) und Oliver Welke (ZDF) jeweils aus dem Unterhaltungsgewerbe kommen. Sie dosieren die Emotionen, den Schmierstoff der ganzen Veranstaltung.

  Positive Ausnahmen: Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl (r.) berichten während der WM für die ARD.

Positive Ausnahmen: Matthias Opdenhövel und Mehmet Scholl (r.) berichten während der WM für die ARD.

Der TV-Bericht löst sich auf in Clip und Gerede

Bemerkenswert ist, dass sich der klassische Fernsehbericht auflöst in Gerede und Clip. Geredet wird unglaublich viel, dennoch entstehen selten interessante Gespräche. Einzig verunglückte Kommunikation, wie die harschen Fragen an Per Mertesacker und dessen pampige Antworten, durchbrechen das redundante Einerlei. Aber keiner fragt, warum dieselben Fragen zum Algerienspiel eigentlich nicht dem Bundestrainer vorgehalten werden. Das wäre womöglich sinnvoller Journalismus. Stattdessen gerät Kritik in den Verdacht der Spielverderberei. Im Gegenzug wanzen sich die Damen und Herren Sportjournalisten dann dem Gegenstand ihrer Berichterstattung schmeichelnd an. Beim angeblichen Nachrichtensender N-TV tragen die Reporter dann konsquenterweise das Deutschlandtrikot. Gerhard Delling und Katrin Müller-Hohenstein stecken zwar ihre Körper nicht in diese Uniform, wohl aber ihre Fragen.

3 Minuten 30 über den nächsten Gegner, den Fußball in Kolumbien oder die Trainingsmethoden von Scolari mit aufschlussreichen Bildern und kompetent getextet - das fehlt diesmal völlig. Die Reporter pflegen eine Clip-Ästhetik: statt Zusammenhänge werden einzelne Szenen gereiht, meist durch Zeitlupe dramatisiert und unterstrichen von pathetischen Stakkato-Sätzen. das ZDF liebt es statt Sprache gleich sinnlose Schrift-Fetzen einzuarbeiten wie "Stoff für Helden" oder "Sieger-Gen". Diese Werbeform verdrängt auch Nachrichten. In der ARD fällt Bernd Schmelzer besonders unangenehm auf, der auch die "Tagesschau" permanent mit DFB-Werbeclips anfüllte. "Noch hat Merkel nichts erreicht. Aber der Triumpf winkt. Sie selbst weiss es am besten. O-Ton Angela Merkel. Der Weg ist hart. Aber die Mannschaft ist reif." Dazu dann Merkel-Bilder einsam, aber gelassen am Strand. an stelle sich so etwas einmal in der Politik-Berichterstattung vor! Merkt in den Redaktionen keiner, dass da im Sport etwas schiefläuft?

Es fehlt die Neugier

Der Clip arbeitet meistens mit Bildern, die wir schon kennen. Der Clip stilisiert sie. Neues kommt so nicht ins Fernsehen. Das ist der schwerste Vorwurf: Wir haben so unglaublich wenig erfahren vom Fußball in Kolumbien, der Liga in Mexiko, der Mannschaft aus Costa Rica oder der Arbeitsweise der großen Trainer. Brasilien ist Neymar plus Favellas. Afrikanische Mannschaften sind undiszipliniert, die kleinen Nationen dürfen belächelt werden.

Zur Analyse des Spiels gehört es, das Geschehen zu zerlegen - Urteilen aber heißt, das Einzelne wieder auf das Ganze zu beziehen. Die aktuelle Bild-Ästhetik führt zur Zerstückelung: das Tor, die Standardsituation, der Kopfball, das Foul, die Geste, die Mimik werden hervorgehoben. Der Fußball wird seziert wie nie, aber seltener wieder zusammengesetzt.

Die Selfie-WM

Auch das Fan-Verhalten ist entsprechend. Der Fan ist schon so dekoriert, dass er gezeigt wird. Er trauert und leidet mit der Mannschaft, aber sobald er merkt, dass eine Kamera auf ihn gerichtet ist, wandelt sich jäh seine Gemütsverfassung: Er jubelt und strahlt über die eigene medial verdoppelte Existenz. Letztlich geht es doch um ihn. So sehen es zunehmend auch die Spieler, die zahlreich die neuen Kanäle mit ihrer Selbstinszenierung bespielen, während sie im direkten Dialog agieren wie Hochsicherheitsdiplomaten. Eigenwerbung tritt an die Stelle von Kommunikation.

Die Praktikanten Britta und Brazzo lernen Falsches

Auch die Praktikanten glauben inzwischen, dies sei der Sinn der Medienpräsenz. Für die WM haben ARD und ZDF sich einigermaßen prominente und stets fröhliche Praktikanten geholt: die freundliche Fechterin Britta Heidemann und den kumpelhaften Ex-Prodi "Brazzo" Salihamicic. Der führt stets gut gelaunt mit herzig simplen Fragen ("Wer ist Dein Favorit?") eine Art Interviews, die aber als zusammengeschnittene Gesprächsbrocken ausgestrahlt werden. Er lässt sich von Sebastian Vettel chauffieren, setzt sich mit Torsten Frings ins Stadion und stemmt Keymars Golfpokal. Britta Heidemann "berichtet" für das ARD-Morgenmagazin aus dem deutschen Lager. Sie lacht viel, sagt "geil" oder "Hauptsache gewonnen", zeigt sich selbst jubelnd und "Deutschland, Deutschland" brüllend. Der Bundestrainer gibt ihr ein Küsschen auf die Wange und die Spieler findet sie alle "total nett". Der ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky verteidigt seine Leute gegen jede Kritik, aber gibt es da auch wen, der Britta und "Brazzo" erklärt, dass das, was sie da vor der Kamera veranstalten, kein Journalismus ist?

Alexander Bommes - noch ein fehlgeleitetes Talent

Das beste Beispiel für das Abwenden vom Journalismus bietet Alexander Bommes. Bei Olympia 2012 in London wurde jedermann deutlich: Da agiert ein Talent. Selbst den Nachrichten vermochte der NDR-Moderator eine dezent freche Note zu verleihen, er wirkte jungenhaft eigensinnig, stach heraus aus dem Sparkassen-Moderatoren-Einerlei. Von diesem Bommes würde noch zu hören sein. Aber es ist wie so oft, wenn einer auch nur an der verführerisch winkenden Popularität gerochen hat. Aus charmanter Frechheit wird anbiedernder Populismus, aus kleinen Spitzen ein grober Holzhammer, aus dezenter Andeutung wird die üble Zote. Im "WM Club" mit dem Model Franziska Knuppe, dem Senioren-Playboy Rolf Eden und dem Ex-Profi Steffen Freund unterbot Bommes spielend das Niveau alter Nachmittags-Talkshows auf Sat.1. Ob sich ein Redakteur finden wird, der begreift, dass Unterhaltendes nicht blöd sein muss? Oder Bommes eine Pause der Selbstreflexion verordnet?

Oder vertrauen sie Verantwortlichen wieder einmal darauf, dass der Fußball selbst schon so viel TV-Begeisterung weckt, dass man sich die Schwächen und Schrecknisse am Rand ruhig leisten kann?

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