Das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier soll der Höhepunkt des Medienwahlkampfs 2009 werden. Aber Merkel gegen Steinmeier - das ist wie Schlaftablette gegen Valium. Denn sowohl die Kanzlerin als auch ihr Herausforderer von der SPD haben der Politik die Leidenschaft ausgetrieben. Von Bernd Gäbler

Schlaftablette gegen Valium: Das große TV-Duell weckt kaum Vorfreude© Markus Schreiber/AP
Wahlkampfhöhepunkt TV-Duell? Jetzt schon, so wird uns eingeredet, steht alle Politik im Zeichen des Wahlkampfes. Wieder einmal geht es um "entscheidende Weichenstellungen für unser Land". Angeblich soll es unglaublich spannend werden. Medialer Höhepunkt des Wahlkampfjahres 2009 sollen erneut die TV-Duelle werden. Sehr wahrscheinlich gibt es wieder zwei: eins bei den privaten Sendern, wo die Hauptfrage lauten wird: "Wer ist eigentlich dieser unbekannte Mann neben Peter Kloeppel?" Die zentrale Begegnung aber wird wieder zeitgleich bei ARD und ZDF laufen. Stäbe von "Spin-Doctoren" und Coaches werden die Kandidaten darauf vorbereiten; ebenso viele werden sich zur anschließenden Deutung bereithalten.
Angela Merkel wird ganz Kanzlerin sein, CDU-Vorsitzende nur nebenbei. "Maßnahmekatalog", "abgestuftes Vorgehen", "Stellschrauben" oder gar "Werkzeugkasten", das sind die Begriffe, mit denen sie dann ihre besonnene Politik beschreibt. Mit sparsamen Gesten wird sie ihre Worte unterstreichen. Visionen, große Würfe sind ihre Sache nicht, sie zergliedert ihre Politik in handliche Häppchen. Viel Klein-klein. Lieber Taten als Reden. Keine große Worte. Schon gar nicht Pathos.
Die Welt droht aus den Angeln zu fallen, aber unsere Kanzlerin baut darauf, dass die Wähler ihrem Politik-Handwerk weiter vertrauen. Dann macht sich die Physikerin ans Werk, die "Probleme abzuarbeiten", möglichst ohne Emotionen. Ab und an breitet sie die Arme etwas aus. Dann will sie uns alle einschließen. Uns zu mobilisieren - das bringt sie kaum zu Stande. Es wäre ihr auch peinlich. Staatsvertrauen sollen die Bürger haben, nicht unbedingt Selbstvertrauen. Bewegtes Volk - das macht sie eher skeptisch.
Natürlich wird sie sich gegen ihren Konkurrenten zu behaupten versuchen, faktenreich und gelegentlich auch sarkastisch. Sie wird nicht sagen - wie es einst analog Gerhard Schröder tat -, dass sie ihrem Mann liebt. Über Persönliches sollen die Wähler schließlich nicht abstimmen. Sie wird sagen, dass sie anstrebt, Kanzlerin einer schwarz-gelben Mehrheit zu werden, aber es wird klingen wie Pflicht, nicht wie eine Herzenssache. Sie weiß, dass Wähler sie respektieren, weil sie Deutschland im Ausland gut vertreten und sich unter den Großen dieser Welt solide behauptet hat. Sie weiß auch, dass die Wähler sie respektieren, weil sie nach dem Testosteron-Duo Schröder/Fischer eine angenehme Sachlichkeit in die Politik gebracht hat und die Große Koalition sanft moderiert. Geliebt wird sie nicht.
Den Niedergang der Volksparteien, das Zerbröseln des traditionellen christdemokratischen Milieus, wird sie nicht aufhalten. Ohne CSU kann die CDU alleine sogar unter die 30-Prozent-Marke fallen. Realistisch hoffen darf Angela Merkel auf eine Weiterführung der Großen Koalition unter ihrer Führung, die immer noch mehr als 60 Prozent der abgegebenen Stimmen repräsentiert. Aber ein Wahlkampf, der Funken sprüht, ist daraus nicht zu schlagen. Lahm ist ein Duell, zu dem sich die künftigen Partner einer Vernunft-Ehe treffen. Zumal dann, wenn beide Duellanten eins verbindet: die Abwesenheit jeder Leidenschaft.
Frank-Walter Steinmeier verdankt seine Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten einem Missverständnis. Weil er in Umfragen gute Werte erzielte, galt er parteiintern als populär. Allerdings erzielt jeder Außenminister gute Werte. Das hat sogar Klaus Kinkel geschafft. Mit der SPD haben Steinmeiers Zahlen nichts zu tun. Man hatte auch nie den Eindruck, dass er - getrieben von unbändigem Ehrgeiz - unbedingt Kanzler werden wollte. Jetzt muss er wollen.
Tatsächlich nimmt er eine Bürde auf sich. Leidenschaft kann auch er nicht. Er ist das geborene Vorzimmer - ein Koordinator, der Themen sortiert und Vorsicht walten lässt. Neuerdings übt er ab und an kämpferische Auftritte. Vor Parteitagen oder Opel-Werkshallen krempelt er dann die Ärmel auf - und schreit. Dann wirkt er wie ein Schröder-Imitator, der nur die Äußerlichkeiten studiert hat. Dass er tatsächlich ein Mensch ist wie du und ich, versucht Frank-Walter Steinmeier uns nun seit einiger Zeit etwas penetrant beizubringen.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.