Noch einmal strahlt RTL mit "Vulkan" einen aufwändig produzierten Zweiteiler aus, der an die großen TV-Geschichtsdramen von einst erinnert. Aber dieser Film atmet nicht mehr denselben Geist. Das Genre hat sich erschöpft. Es ist Zeit, Schluss zu machen mit den "Eventfilmen". Von Bernd Gäbler

Katja Riemann (l.) alias Kirsten Friedrich gerettet nach einer Explosion im See© RTL
"Eventfilm" - dieses Werbewort bezog sich früher auf große TV-Filme, die mit viel Aufwand bedeutende historische Ereignisse populär in Szene setzten. Um "Flucht und Vertreibung" ging es da; um einen legendären "Tunnel", der die Berliner Mauer überwindbar machte; um das Bergwerksunglück von Lengede; die Bombardierung Dresdens oder die Hamburger Sturmflut. "Event" meinte ein Ereignis, das sich längst wie ein Mythos in die kollektive Erinnerung gebrannt hatte oder leicht dem Vergessen zu entreißen war. Es dient als Stoff für eine Verfilmung, die mit Dokumentationen nichts mehr zu tun hatte. Es wurde großer Aufwand betrieben, bekannte Namen prägten die Besetzungslisten, bedeutende Regisseure verließen für solche Aufmerksamkeit die "arthouse"-Ecke.
Natürlich gab es Unterschiede: den Tunnelbauer spielte Heino Ferch eindrucksvoller als den Bruce-Willis-Verschnitt eines verliebten US-"Rosinenbomber"-Fliegers; "Dresden" war zu märchenhaft-verkitscht, um auch noch als Beitrag zur Geschichtsdebatte ernst genommen zu werden; bisher am besten kam Armin Rohde in "Lengede" zur Geltung; an Veronica Ferres und Heiner Lauterbach hat man sich allzu schnell satt gesehen. Jetzt ist auf RTL wieder ein solcher "Eventfilm" zu sehen, erneut ein aufwändiger Zweiteiler. Am Sonntag und am Montag läuft er jeweils zur Prime Time. "Vulkan" aber ist reine Fiktion. Das herausragende Ereignis soll diesmal schon die Ausstrahlung des Films selber sein. Auch wenn RTL in der Vor- und Nachbereitung allerlei Geologen mit fundierten Wahrscheinlichkeitsrechnungen und Prognosen auffährt, die aus der "fiction" doch noch ein wenig "science" machen sollen - ein "Event" wird dieser imaginierte Ausbruch eines Vulkans in der Eifel dadurch nicht. Eher erinnert der Plot an "Killerbienen" auf Mallorca oder den Hai-Alarm dortselbst, allenfalls noch an den Campingplatz-Thriller "Tarragona". Der Film hat natürlich noch einen Plot, er erzählt Geschichtchen, aber er atmet keine Geschichte mehr.
RTL und insbesondere die erfahrenen Produzenten der Bertelsmann-Tochter TeamWorx um den Tausendsassa Nico Hofmann herum zeigen stolz ihr technisches Wunderwerk vor. Die Maare kräuseln sich, die Lavaströme fließen gigantisch, nie zuvor wurde im deutschen Fernsehen so viel vor blauen Flächen und grünen Tüchern gespielt wie hier, nie zuvor war der Etat für Computer-Animationen so hoch. Auch für die Schauspieler waren die Dreharbeiten hart. Sie mussten zwischen brennenden Türpfosten entlang rennen und wurden ständig furchtbar dreckig gemacht. Den Aufwand mag man bewundern, aber er schafft noch keine lebendige Geschichte. Dabei gibt es durchaus Spannung. Aber vielleicht stand da die große Erfahrung der Produzenten dem eigenen Glück sogar im Weg.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.