Erst den Eurovision Song Contest, dann die gesamte ARD-Unterhaltung? Gelingt es Stefan Raab, den Gesangswettbewerb wiederzubeleben, warten andere Baustellen. Von Bernd Gäbler

Stefan Raab überlebensgroß: Sollte der Entertainer erfolgreich den Vorentscheid zum Song Contest modernisieren, könnten größere Aufgaben auf ihn warten© DPA
Bei der gemeinsamen Pressevorstellung von "Unser Star für Oslo" dauerte es keine Minute, bis die Kräfteverhältnisse klar waren: Stefan Raab inszenierte sich mit viel Pathos und etwas Ironie als Chef einer "Task Force" in höherem nationalen Auftrag und degradierte die anwesenden ARD-Oberen flugs und spielerisch zu Randfiguren. Freundlich lächelnd winkten Programmdirektor Volker Herres und Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber allenfalls noch vom Beifahrersitz. Raab, der Macher und Erfinder, kann routiniert auf viele Jahre Eurovisions-Erfahrung zurückblicken. Bei der ARD gibt es - trotz des vielen Geldes und des großen Apparats - einen Trend zur Selbstaufgabe. Stefan Raab war mit "Waddehaddeduddeda" selber schon als Interpret dabei, stand bei Guildo Horn am Dirigentenpult und hatte zuletzt den von ihm im Jahr 2004 entdeckten Max Mutzke nach Istanbul in den Sangeswettbewerb geschickt.
Die ARD lässt inzwischen sogar große Shows anlässlich des eigenen Sendergeburtstags von Günther Jauch produzieren. Auch sonst holt sich der Sender die Unterhaltungskompetenz von außen: Als die ARD im vergangenen Jahr die Echo-Verleihung live übertragen durfte, wurde die Firma MME mit der Produktion beauftragt. Für das eigene Unterhaltungs-Flaggschiff "Verstehen Sie Spaß?" warb man von Sat.1 den blonden Karnevalisten Guido Cantz ab. Thomas Hermanns, der Erfinder des von ProSieben übertragenen "Quatsch Comedy Clubs", hat im NDR eine eigene Show. Und die WDR-Unterhaltung lebt zum großen Teil von dem Moderator Bernd Stelter - Spitzname "Berniebärchen" -, den RTL schon aufs Altenteil geschoben hatte. Sehr originell ist das alles nicht. Da könnte man einen "Retter Raab" an vielen Stellen gut gebrauchen. Und schon spricht auch ARD-Unterhaltungskoordinator Schreiber von einer "nachhaltigen" Zusammenarbeit.
Was Stefan Raab alles kann
Man muss Stefan Raab nicht für einen begnadeten Moderator halten; man muss nicht alles gut finden, was er auf dem Fernsehschirm so treibt; aber unbestritten gehört er zu den wenigen mutigen und unbürokratischen Erfindern der Zunft. Lange Zeit hat er sein Talent in "TV total" als Müllwerker, der die TV-Schnipsel der anderen Sender erfreut hochgewirbelt, erschöpft, bis er sich selbst als Berserker und Kämpfer entdeckt hat. Aus Sportwettkämpfen aller Art ist die "Wok-WM", die "Poker Nacht" und unbedingt "Schlag den Raab" als bleibende TV-Innovation hervorgegangen. Nirgendwo sonst - so wirkt es - ist er so sehr bei sich wie in diesen ehrgeizigen Duellen.
Nebenbei hat er noch populäre Songs entwickelt und Talente entdeckt wie zuletzt Stefanie Heinzmann. Raab alleine ist mindestens so schöpferisch wie die Unterhaltungsabteilungen aller ARD-Sender zusammen.
Ohne weiteres könnten Raab und die Seinen von der Entertainment-Firma "Brainpool" die gesamte ARD-Unterhaltungskoordinierung ersetzen. Schon der Name klingt wie ein bürokratisches Monstrum. Und ziemlich monströs ist auch die bisherige inhaltliche Ausrichtung. Ohne zu diskriminieren: Was die ARD gut kann, ist Senioren-Bespaßung. Dafür kann man sich entscheiden. Oder man geht endlich einen radikal anderen Weg, entwickelt eigene Shows und eigene Talente, versucht einen Transfer von populären Jugendradios ins Fernsehen, entwickelt - wie es das ZDF mit eigener Handschrift ("Neues aus der Anstalt"; "heute-Show") ja auch schafft - Comedy und Satire, gibt Raum für Ideen und Experimente. Das ist riskant, kann immer wieder scheitern, bräuchte strategische Rückendeckung. In der Regel kann so ein Anstoß in verhärteten Systemen nicht von innen entstehen, sondern er muss von außen kommen.
Deutschlands Weg nach Oslo Zehn Kandidaten zwischen 18 und 31 Jahren singen am 2. Februar um 20.15 Uhr live auf ProSieben. In der ersten von acht Ausgaben des deutschen Vorentscheids zum Eurovision Song Contest 2010 schaffen fünf Musiker den Sprung in die nächste Runde. Neben Jury-Präsident Stefan Raab bewerten die Juroren Yvonne Catterfeld und Marius Müller-Westernhagen die Auftritte. Wer den Sprung in die nächste Runde schafft, entscheiden allein die Zuschauer via Telefon und SMS.
Die weiteren Vorentscheide finden ebenfalls bei ProSieben statt ebenso wie das Viertelfinale. Halbfinale und Finale sendet die ARD, in der letzten Show am 12. März fällt dann die Entscheidung, welcher Interpret beim Eurovision Song Contest (Finale: 29. Mai) in Oslo Deutschland vertritt.