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23. Februar 2009, 10:56 Uhr

Super Nanny für das Gastgewerbe

Abzugshauben mit fingerdicker Fettschicht, Schubladen voller Gammelfleisch: Mit einer Mischung aus Kochsendung und Beratungsshow feiert der "Restauranttester" Christian Rach Quotenrekorde. Zuletzt schauten mehr als sechs Millionen Menschen zu. Woran mag das liegen? Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Gäbler, Fußball, Fußballrechte in der Bundesliga, ARD, Dritte Programme

Kein sympathischer Typ vom Fernsehen, aber sehr erfolgreich: "Restauranttester" Christian Rach© RTL

Die Trittbrettfahrer von RTL 2 haben wieder einmal nichts begriffen. Weil "Rach, der Restauranttester" montags nach "Bauer sucht Frau" auf RTL so erfolgreich ist, haben sie sich mit der Sendung "Restaurant sucht Chef" flugs davor geklemmt - und erleiden Schiffbruch. Gleichzeitig gilt folgendes: ein Trend hat spätestens dann seinen Höhepunkt überschritten, wenn er in der ARD angekommen ist. Dass Tim Mälzer, der Vertreter des Proletariats unter den Köchen, seinen schnellen Löffel künftig in der ARD schwingen wird, zeigt also nur: Kochsendungen gibt es bis zum Überdruss.

Christian Rach kann dies alles kalt lassen. Als "Restauranttester" feiert er gerade Quotenhöhenflüge. Ein Grund dafür ist: Sein Format ist weder eine der zahllosen Kochshows, noch eine simple "Ratgeber"-Sendung. Wie viele der zuletzt mehr als sechs Millionen Zuschauer wollen schon ein Lokal eröffnen? Nein, Christian Rach, der Betreiber des Hamburger Restaurants "Tafelhaus", bietet eine Vorher/Nachher-Show, allerdings ohne Happy-End-Garantie. Er ist eine Art strenge "Super Nanny" für den erschlafften Mittelstand; ein antreibender Peter Zwegat des Bewirtungswesens. Selten nur streift Rach die weiße Koch-Montur über, er testet auch nicht die Restaurants - es geht um deren letzte Chance. Ob "Entenfang", "Obstgarten", "Weserlust" oder das vom Kneipenkollektiv betriebene Berliner "Conmux" - Rach besucht nur Restaurants, die vor der Pleite stehen. Er soll sie retten. Zunächst einmal lässt er sich also bewirten, dann schaut er in Küche und Keller; prüft Service und Konzept; knöpft sich die Verantwortlichen vor und deren Führungsstil.

Blick in den Abgrund

Mit Christian Rach kommt das Fernsehen vor Ort, um dort die Probleme zu klären. Das Fernsehen ist nicht mehr ein besonderes Haus, an das man sich hilfesuchend wenden kann; kein Studio, in dem Experten Ratschläge erteilen, sondern es untersucht den Fall, stöbert herum in den menschlichen Schicksalen. Die Kamera wird zur Lupe, zum Mittel der Inspektion. Und mit ihrer Hilfe schauen wir in Abgründe. Wir sehen Abzugshauben mit fingerdicker Fettschicht; scharfe Reiniger, die direkt neben dem Salat stehen, ekelerregenden Dreck oder Schubladen voller Gammelfleisch. Diese Bilder sind regelmäßig ein erster Höhepunkt der Sendung: je schlimmer, desto besser. "Ramsay's Kitchen Nigtmare" heißt treffender das britische Format, dem der "Restauranttester" nachempfunden ist. Da muss der Zuschauer kein Fachmann sein, um zu begreifen, dass hier etwas grundsätzlich nicht stimmt. Es geht um Sorgfalt und Arbeitshaltung, um Disziplin und Organisation. Wir haben ja alle unsere Probleme, aber so krass sieht es bei uns zum Glück nicht aus. Unser Schaudern bleibt wohlig. Denn die Sendung lädt zu beidem ein: zu Mitgefühl und Distanz, zu Häme und Identifikation.

Sie sollen sich gefälligst anstrengen Die Probleme sind groß, ja schier unüberwindlich, aber nur Anpacken hilft. Zur Dramaturgie der Sendung gehört, dass Christian Rach nicht als weißer Ritter oder Zauberer daherkommt. Er verspricht keine Idylle, sondern fordert harte Arbeit. Nur wo Initiative herrscht, ein Wille zur Veränderung, ist Rettung denkbar. Ein etwas besseres Leben winkt dem, der sich anstrengt. "Hilfe zur Selbsthilfe" heißt der heimliche Lehrplan, als ginge es um eine Spendenaktion für Afrika. Fast immer gibt es nach harter Analyse und den ersten Schritten der Veränderung ein retardierendes Element. Ein Koch zieht nicht mit; die Geschäftsführerin ist überfordert; die Angestellten streiten. Das gehört zum Spannungsbogen und trägt wesentlich bei zur Wirklichkeits-Simulation. Wüsste man es nicht besser, es könnte glatt eine schonungslose Dokumentation sein. Aber es ist eine Show, in der es nur scheinbar allein um die Sache, die Restaurant-Rettung geht. Tatsächlich gucken wir vor allem zu, wie Menschen sich abstrampeln in ihrem Existenzkampf. Nehmen sie ihn an, resignieren sie, verändern sie sich selbst, indem sie die Umstände ihres Daseins verändern? Unsere Identifikation lässt uns mitbangen, unser Abstand lässt uns genüsslich zusehen. Rach ist kein typischer Fernseh-Schleimer Christian Rach gibt ihrem Bemühen Richtung. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund. Er kommt nicht ins Restaurant wie die sonstigen lieben Moderatoren vom Fernsehen. Er schleimt nicht rum, er giert nicht nach Konsens oder buhlt um Sympathie. Er urteilt und teilt dem Zuschauer auch noch seine Beurteilung der anderen mit. Er ist knallhart. Freundliche Worte gelten nur jenen, die "mitziehen". Damit profiliert sich Christian Rach nicht als sympathischer Mitmensch, sondern als fachliche Autorität. Das trägt aber wesentlich zum Erfolg der Sendung bei: der Protagonist ist anders als das übliche TV-Personal. Er hat keinen Moderator oder Reporter neben sich. Er sieht nicht aus wie Kai Pflaume oder Oliver Geissen. Er ist gerade deshalb unterhaltsam, weil er es nicht vordergründig auf Unterhaltung anlegt.

Alles so schön echt hier

Das Fernsehen macht es natürlich erheblich leichter, mal eben ein paar neue Möbel zu organisieren, den Tresen umzubauen oder genügend Leute aus der Nachbarschaft zur Neueröffnung zu mobilisieren. Aber in der "Help-TV" Doku-Soap macht das Fernsehen - anders als bei großen Shows - keinen Wind um sich selbst. Im Zentrum steht das Restaurant, bzw. die Menschen, die es durch ihren Einsatz retten sollen. Wenn es gut geht, spendet das Trost. Wenn es schief geht, ist tröstlich, dass es uns selbst nicht so schlecht geht wie den Gezeigten. Das ist Lebenshilfe-Fernsehen in Zeiten der Krise. Unglaubwürdig wären da simple Erfolgsmeldungen. Mit einigem zeitlichen Abstand schaut Christian Rach noch einmal nach, wie es weiterging nach seinem ersten Anschub. Beides ist möglich: Aufschwung wie Absturz - wichtig für den Fernseherfolg ist allein: echt muss es wirken.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Schlauberger (24.02.2009, 12:40 Uhr)
Immer wieder gerne...
...sehe ich mir die Sendungen mit Herrn Rach an. Ich schaue auch des öfteren bei seinem 'Kollegen' Gordon Ramsay an aber hier vergleicht man Äpfel mit Birnen. Wie oft bei Ramsay das f*** Wort benutzt wird ist schon albern. Wenn man dann auch noch seine Sendung 'Hell's Kittchen' verfolgt, dann merkt man ihm doch an das er selber sehr gerne im Rampenlich steht. Bei Rach vergeht die Zeiz wie im Flug und alles wirkt auch persönlicher. Hier wird sehr selten die Stimmer erhoben und die 'Betroffenen' viel mehr motiviert zur Selbsthilfe.
@barbaros68: Meist ist es die Angst des Pächters etwas an seinem Betrieb zu ändern was die Stagnation überwindet und nicht Dummheit. Es ist nicht für jeden einfach etwas zu ändern was lange Zeit gut gelaufen ist.
barbaros68 (24.02.2009, 00:49 Uhr)
Manchmal über so viel Dummheit erstaunt
Ich sehe mir die Sendung von Hr.Rach jedemal an. Aber manchmal ist man entsetzt über die Dummheit der Leute die ihn rufen. Ein falsches Konzept ist zu verstehen, sogar ein Restaurant das Entenjakob heisst aber keine Ente anbietet kann ich auch noch verstehen. Aber Hr. Rach zu rufen und eine völlig verschmutzte Küche die schon in Quaraenetene müsste und, wo das reinlaufen für jeden Menschen gesundheitsgefaehrdend ist zu praesentieren, und dann blöd zu fragen "warum kommen keine Gaeste", das grenzt nicht nur an Blödheit sondern man könnte fast meinen da wurde nicht der Restaurantester gerufen sondern das Fernsehen. Nach der Parole, unsere Restaurant war die letzte Kotzbude aber jetzt putzen wir mit Hr.Rach mal den Laden kaufen eine paar frische Lebensmittel und wenn die Sendung ausgestrahlt wird, laeuft der Laden über die kostenlose Werbung sowieso.
Nur könnte mich mir denken, dass in der Gastronomie eine schlechte Werbung eben wirklich eine schlechte Werbung ist. Der dümmste Mensch müsste wissen, das die letzte versiefte Bude sogar bei Studenten heutzutage out ist. Da müsste man mal als Restauranttester auch ganz klar mal sagen "nee jungs so versieft und dann Hilfe wollen; bringt den Laden mal auf Hochglanz und danach kann mal weitersehen". Aber im Endeffekt macht er seine Arbeit gut.
Politix (23.02.2009, 21:28 Uhr)
@ZeeT
Gordon ramsey ist sicherlich richtig für den anglo-amerikanischen markt.Ich finde die etwas bodenständigere Variante eines Herrn Rach mit seinem besonderen Mienenspiel extraklasse. Herr Ramsey ist mir persönlich etwas zu "showmäßig" unterwegs, so wie der die Leute manchmal anpflaumt hat in europäischen Gefilden nichts mehr mit Höflichkeit zu tun, und genau das macht Herr Rach mit einem besonderen Feingefühl.
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Außerdem finde ich klasse, wie er es immer wieder schafft,mit ausgesprochenem Fingespitzengefühl die Verantwortung bei den "Patienten" zu lassen!.
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Großartig, weiter so!!!
jabadahat (23.02.2009, 21:14 Uhr)
so´n Zufall..
gleich geht die nächste Folge los!
"Honi soit qui mal y pense"
Stern und RTL :-)
Trotzdem ne starke Sendung
ZeeT (23.02.2009, 20:37 Uhr)
Dann lieber das Orginal anschauen
Auf DMAX kommt jeden Sonntag um 21.15 h Gordon Ramsay und zeigt fair und hart wie Küchen wieder funktionieren können. Nicht so sehr geschönt und für die Kamera aufbereitet, wie bei Herrn Rach, der wenn man sich mal etwas im Internet umschaut, die Sendung sehr medial umsetzt und die Inhaber meist sehr schlecht aussehen lässt, dabei oft die Grenzen der Unfairnis überschreitet. Vielleicht einmal ein Bericht für den Stern. Wie die Wahrheit hinter dem gezeigten Bild aussieht.
Sasapi (23.02.2009, 20:18 Uhr)
Schuld haben wir Verbraucher selbst!
@msjones 777
Wonach entscheidet ein Gast, der ein Lokal aufsucht? In erster Linie nach dem Preis, der außen auf der Karte steht, und erst danach kommt der Geschmack.
Daher sind in vielen Lokalen die Köche keine gelernte Köche, oftmals nur angelernt.
In den meisten Restaurants findet auch eine fundierte Ausbildung der Azubis- dazu gehört auch das Wissen um die notwendige Hygiene!- nicht mehr wirklich statt, die Gastronomie nutzt oft genauso Fertigprodukte wie der Laie, einfach aus Kostengründen.
Und das Gewerbeaufsichtsamt prüft zwar die Betriebe, ist aber personell sehr knapp ausgestattet. Und, traurig aber wahr, eine schmuddelige Küche allein ist keinesfalls ein Grund, ein Lokal zu schließen. Da muß schon Ungeziefer-Befall vorliegen oder ähnliches...
msjones777 (23.02.2009, 18:00 Uhr)
Wo bleibt denn bitte die Behördliche Überwachung
Nachdem wir Einrichtungen für alles und jedes haben und ich in dem Glauben gtoss geworden bin, dass sich der deutsche Staat sehr intesi´v um das Volkswohl und die Volksgsundheit kümmert, frage ich mich natürlich, was ist hier los???
Sind wir als Verbraucher hier auf Gedeih und Verderb irgendwelchen üblen Geschäftemachern ausgeliefert??
Eine echte Kontrolle, die Schaden vom Verbraucher abwendet, findet ja offensichtlich nicht statt.
Necros (23.02.2009, 17:09 Uhr)
Kein Thrash, man glaubt es kaum
Hier sieht man einen Fachmann, der selbst unter widrigsten Bedingungen einem Team Leben und Struktur einhaucht. Wirklich ein Gewinn für das Abendprogramm und damit eine wirklich positive Ausnahme.
AxelR. (23.02.2009, 16:57 Uhr)
Herr Rach
Herr Rach ist absolut menschlich, ehrlich, direkt und sympathisch. Daher schaut man ihm so gerne zu, weil er mit Menschen umgehen kann, sie fordert und fördert, und dabei niemals überheblich oder unecht wirkt. Da kann sich so mancher Profi-Moderator ein Beispiel nehmen.
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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