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30. März 2009, 12:04 Uhr

Warum Merkel nicht Obama ist

Tatsächlich: Der Wahlkampf ist losgegangen und Angela Merkels Inszenierung gegen eine losholzende SPD heißt Nicht-Inszenierung. Warum die Kanzlerin dabei mehr Parallelen zu Henry Maske als zu Barack Obama aufweist erklärt stern.de-Kolumnist Bernd Gäbler. Von Bernd Gäbler

 
Medienkolumne, Gäbler, Merkel, Obama

Das ist bitter: Merkel weiß, dass sie nie Obama sein wird. Eher Obama mia© Bernd Thissen/DPA

Es ist Wahlkampf. Woran merkt man das? An der SPD, die aggressiv losholzt wie in alten Tagen. Müntefering sagt, er wolle die CSU "quälen" und wirft Angela Merkel "Wortbruch" vor. Sie handele "verantwortungslos", "Amt verfehlt" und "Armutszeugnis" lauten weitere deftige Vokabeln. Frank-Walter Steinmeier wirft Merkel vor, sie "treibe ein übles Spiel" und selbst Hubertus Heil tritt wieder wie Ziethen aus dem Busch und diagnostiziert bei Seehofer "nervöse Gefallsucht" und bei Merkel "Führungsschwäche". Sie alle kommen sich dabei clever und wortmächtig vor. Allein: Merkel reagiert darauf gar nicht und tut nur eins - ungerührt weiter regieren.

Auf das Trommelfeuer der Angriffe reagiert sie wie einst Henry Maske: mit "Meidbewegungen". Ihr Wahlkampfauftakt heißt: Ich regiere verantwortungsbewusst bis zum Ende der Legislaturperiode und um Anwürfe kümmere ich mich nicht. Demnächst - von den Feierlichkeiten zu 60 Jahre NATO bis zum G-20-Gipfel - gibt es wieder großartige Bilder von der stoischen Regentin. Das reicht ihr vorerst. Da ist kein anderer deutscher Politiker ein ernsthafter Konkurrent. Merkels Inszenierung heißt Nicht-Inszenierung.

Merkels Selbsteinladung zu Anne Will

Dem Volk erklärt sie sich; Gegen die politische Konkurrenz pöbeln, das ist ihre Sache nicht. So sollen wir sie erleben. Vor einer Woche war sie Solo-Gast bei Anne Will. Kann sich noch irgendwer an irgendeine markante Aussage erinnern? Das ist auch nicht so wichtig. Aus ihrer Kanzlerschaft ist schließlich auch keine einzige bedeutende Rede überliefert. Was wichtig war: Das sah nicht nach Wahlkampf aus. Sie wollte nur die Regierungspolitik verständlich machen und zeigen, dass sie überhaupt nicht nervös ist. Sie trumpfte auch nicht auf. Ein fast schüchternes "Ja, ich glaube schon" als Antwort auf die Frage, ob sie die richtige Kanzlerin in Zeiten der Krise sei, wirkte fast etwas mädchenhaft. Selbst bei Antworten auf Fragen vom "Betroffenensofa" vermied sie Populismus. Etwas Distanz zum Volk ist ihr recht lieb. Ansonsten gab sie sich unbeirrbar. Sie ist in der Lage, jede Kritik an sich abprallen zu lassen. Die Selbsteinladung zu Anne Will hat sich gelohnt.

Neuer Wahlkampf - neue Medien?

Auch wenn sich alle Parteien um flotte Selbstdarstellung via Podcasts, Internet-Foren, Twitter und allerlei Nutzung neuer Medien kümmern - dies wird nicht der Kern des Wahlkampfes 2009 sein. Die SPD wirkt gegenwärtig aus zwei Gründen ungelenk. Sie drischt auf die CDU ein und scheint gar nicht recht zu bemerken, dass sie mit ihr in der Großen Koalition verbunden ist, so dass das alte Schema nicht mehr funktioniert, nachdem die einen aufblühen, wenn die anderen als angeschlagen gelten.

Außerdem scheint die angeblich doch so Basis verbundene SPD keine Ahnung davon zu haben, wie sehr die Menschen diese alten, antiquierten Wahlkampfrituale satt haben. In der Sehnsucht nach Obama steckt nicht nur Pop-Star-Bewunderung, sondern auch der Wunsch nach Überwindung sachlich nicht gerechtfertigter Frontstellungen. Merkel weiß, dass sie nie Obama sein wird. Eher Obama mia. Sie kann nicht gut reden. Ihr liegen keine großen Würfe. Ihre Kanzlerschaft steht unter keiner Leitidee. Sie kann auch nicht mobilisieren. Sie hat aber begriffen, dass die Modernität von Wahlkämpfen weniger mit der Art der Medien zu tun hat als mit der Art der Inszenierung. Sie gibt sich als überparteiliche Sachwalterin einer alternativlos notwendigen Politik, die sie nach bestem Wissen und Können schrittweise erledigt.

Merkel als Klementine, die Krisen-Klempnerin

Bei "Anne Will" vermochte selbst ein nach Berlin angereister CDU-Ortsverein aus dem Schwarzwald nicht zu sagen, unter welchem Motto wohl Merkels Kanzlerschaft stehe. Merkel stört das angeblich nicht. Ein Motto sei etwas für den Nachruhm. Merkel dagegen gibt sich durch und durch pragmatisch. Sie tue, was zu tun ist. Sie macht Politik nicht aus eigenem, am Ende gar egoistischem Gestaltungswillen heraus, sondern je nach Auftragslage.

In diesem Zusammenhang spricht sie dann von den Problemen, die "abzuarbeiten" sind, von den "kleinen Schritten", den "Stellschrauben", dem Handwerkszeug des Politikers. Sie repariert, wenn es klemmt oder ein Leck sichtbar wird. Gerade in der Krise brauche Deutschland einen Klempner, auf den es sich verlassen kann. Merkel zeigt sich anpackend wie Klementine als Krisen-Klempnerin. Man muss Angela Merkel für diese Art Cleverness nicht endlos bewundern, aber immerhin ist sie auf diese Weise für deutsche Bedürfnisse modern genug - und für die SPD nur schwer zu fassen. Ihr erster Wahlkampfauftakt: Frontalangriff auf Merkel ist jedenfalls misslungen. In völlig anderer Stilistik als der polternde Gerhard Schröder hat sich Angela Merkel längst zur Medienkanzlerin gemausert. So wie sie es macht, steuert ein Kanzler keine strahlende zweite Amtszeit mit einem großen Wahlsieg an, aber zum Weiterklempnern kann es reichen.

Zur Person

Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.

Von Bernd Gäbler
 
 
Die Medienkolumne

Bernd Gäbler kommentiert regelmäßig die aktuellen Ereignisse aus der Medienwelt

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