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Warum RTL mit "Team Wallraff" punktet

Während ARD und ZDF vordergründigen Verbraucherservice liefern, legt sich ausgerechnet RTL ernsthaft mit der Wirtschaft an: "Team Wallraff" besticht mit Recherche und jungen Journalisten.

Von Bernd Gäbler

  Günter Wallraff hat RTL einen unerwarteten Quotenrenner beschert

Günter Wallraff hat RTL einen unerwarteten Quotenrenner beschert

Wenn RTL etwas macht, dann richtig: mit viel Tam-Tam und ausgiebigem Marketing. Die Marke "Wallraff" passt zu diesem Sender überraschend gut. Auch er ist laut, selbstbewusst und ergriffen von seiner Mission. Nicht jede Mimik des Altmeisters wirkt echt, nicht jeder seiner Ratschläge an die Schüler im "Team Wallraff" ist notwendig, nicht jede Dramatisierung angemessen, aber grundsätzlich hält die Sendung, was sie verspricht. Ein Thema wird recht tief und ziemlich umfassend ausgeleuchtet. "Team Wallraff - Reporter undercover" ist ein aufwändig produziertes und hinreichend differenzierendes Gegenstück zum unhaltbaren Populismus von "Mario Barth deckt auf".

Waren es in den ersten Folgen unhaltbare Zustände in der Altenpflege und unappetitliche Hygienebedingungen bei Burger King, die für Furore sorgten, so bestach an diesem Montag die Tiefe der Recherche in der Sicherheitsbranche. Da bekommen die Bewacher eines Jobcenters nicht einmal den Hartz IV-Satz als Lohn, dürfen ungeschulte Menschen mit Waffen herumfuchteln, werden Security-Angestellte schikaniert, die ihren Frust dann an Flüchtlingen auslassen, deren Heim sie eigentlich sichern sollen.

Wache junge Reporter werfen sich undercover an die vorderste Recherchefront, dirigiert vom erfahrenen Enthüller Günther Wallraff - und, was wichtig ist, der Sender steht voll hinter diesem Projekt. Zum Schutz der Sendung wird das aktuelle Thema erst in der Nachrichtensendung "RTL aktuell" publik. Ausgiebig wird die Arbeit des Teams danach in mehreren Formaten nachbereitet und ausgebreitet. RTL ist stolz darauf, welche Wirkung seine Sendung zeigt.

Eine Umkehr der Verhältnisse

So werden wir als Fernsehzuschauer Zeuge einer fast paradox anmutenden Umkehrung ursprünglicher Verhältnisse. Auch in ARD und ZDF gab es schon ähnliche Formate. Denken wir nur an Christoph Lütgert, der im NDR ein Team von jungen Rechercheuren und Reportern um sich scharte und mit seiner "Presenter-Reportage" zum Billigkaufhaus Kik sogar beste Einschaltquoten zur Prime Time erzielte. Rasch aber wurden diese anstrengenden und mutigen Formate zu populären "Marken-Checks" (ARD) und "Marken-Duellen" (ZDF) banalisiert, die als Erkenntnis jeweils genau das erbringen, was man vorher schon erahnte.

Der von Werbeeinnahmen abhängige privatwirtschaftlich organisierte Sender RTL legt sich ernsthaft mit der Wirtschaft an. Dagegen nutzen ARD und ZDF, getragen von einem öffentlichen Informationsauftrag, bekannte Markennamen wie Lidl und Aldi, BMW und Mercedes oder jüngst McDonald's und Burger King nur noch als Einschaltimpuls für vordergründigen Verbraucherservice. Nie kamen die beiden Fastfood-Ketten besser weg als in ihrem vermeintlichen "Duell" beim ZDF. Und selten gab sich ein Chefredakteur, angesprochen auf die Harmlosigkeit dieses Formats, so begriffsstutzig wie Peter Frey im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das ZDF bestellt seine Filme bei einer Produktionsfirma, die vorher für das ProSieben-Magazin "Galileo" Industriefilme herstellte, während RTL auf Eigenproduktion und selbständige Recherche setzt.

Junge Journalisten

Diese eigenartige Umkehr der Verhältnisse im dualen System hat vor allem mit dem Verhältnis der Sender zu jungen Zuschauern, aber auch zu jungen Journalisten zu tun. Es gibt eine RTL-Journalistenschule, aber keine ARD-Akademie. Als Tom Buhrow sein neues Amt als Intendant des WDR antrat, sagte er - angesprochen auf die mangelnde Resonanz seines Senders beim jungen Publikum -, auch der WDR müsse Comedians hervorbringen und Gagschreiber schulen. Er werde dafür einen "Sonderfond" einrichten. Das ist ein onkelhafter Blick auf die jungen Leute.

Sicher lernen RTL-Schüler einigen Schnickschnack und Boulevardeskes für das eigene Programm, aber sie werden als angehende Journalisten ernst genommen. Die besten Absolventen dürfen sich in Sendungen wie dem "Team Wallraff" bewähren. Wer würde da nicht gerne dabei sein?

Die ARD hat Angst vor einer Eliteschule. Die Volontäre sollen nicht hochnäsig werden. Darum bleibt die Ausbildung den einzelnen Sendern vorbehalten, die sie gerne über die Dörfer in die Lokalredaktionen schicken. Typische öffentlich-rechtliche Volo-Beiträge sind stets an einer gewissen Neckigkeit erkennbar. Wie leicht wäre es gewesen, mit gestandenen Mentoren von "Monitor", "Panorama" oder "Frontal 21" ein ähnlich Aufsehen erregendes Projekt in die Welt zu setzen? Wenn man denn selbstbewusst genug dazu wäre. Wie schon bei den Comedians und den Gagschreibern hecheln die langsamen Öffentlich-Rechtlichen nun auch auf ihrem ureigenen Feld des Journalismus wieder hinterher.

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