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25. Juli 2008, 09:04 Uhr

Eine Überdosis Obama

Der strahlende Auftritt des US-Senators Barack Obama vor 200.000 Menschen in Berlin war auch in der medialen Aufbereitung ohne Beispiel - in Print, online und TV. Für den gewillten Konsumenten eine teilweise absurde Tour de force, bei der man auf ein Abkühlung lange warten musste. Ein Streifzug durch die Angebote. Von Peter Luley

Barack Obama bei seiner Berliner Rede an der Friedenssäule© Fabian Bimmer/AP

Dass es gestern ein in jeder Hinsicht heißer Tag werden würde, stand schon beim morgendlichen Blick in die Print-Presse fest. Nach den "Spiegel"- und stern-Titelgeschichten dieser Woche beherrschte der Berlin-Besuch des US-Senators und designierten Präsidentschaftskandidaten Barack Obama auch die Schlagzeilen der Tageszeitungen. "Macht uns den Obama!", hatte "Bild" die deutschen Politiker aufgefordert und die Seite eins mit entsprechend umgestalteten Köpfen von "Angela Omerkel", "Barack Steinmeier" und Co. verziert. Derweil die "taz" Obama ganzseitig im Superman-Kostüm abbildete ("Komm runter!"). Lediglich die "FAZ" fiel mit einem Schäuble-Fingerabdruck zum Thema elektronischer Personalausweis ein wenig aus der Reihe.

Auf einen Live-Ticker mochte kein Internet-Portal verzichten

Kaum ein Internet-Portal (auch stern.de nicht) kam dann ab Vormittag ohne Obama-Liveticker und -Quiz aus. Minutiös wurden die avisierten Termine des US-Wahlkämpfers auf Welttournee bei Kanzlerin Merkel, Außenminister Steinmeier und mit Bürgermeister Wowereit protokolliert. Die Website tagesschau.de bot flankierend ein Voting an, bei dem die Nutzer die Zuschauerzahl bei der Rede an der Siegessäule schätzen sollten - von "weniger als 10.000" bis zu "mehr als eine Million". Die Konkurrenz von heute.de wollte wissen, ob sich mit Obama tatsächlich eine Chance für die Weltpolitik eröffne oder es sich etwa nur um ein Spektakel handle.

Mit der zutreffenden Analyse "Größer könnte der Wirbel kaum sein, wenn er schon Präsident wäre", läutete dann um 12.00 Uhr der öffentlich-rechtliche Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix die Liveberichterstattung ein. Rührenderweise schaltete der in Bonn ansässige Sender dazu immer wieder vom Rhein in die Hauptstadt, teilweise mit Split-Screen-Technik. Korrespondent Gerd-Joachim von Fallois war denn auch schon mittags ganz aus dem Häuschen und bezeichnete Obamas Hotel, das Adlon, als "wahrlich nicht die schlechteste Adresse in Paris".

Die Journalisten interviewten sich gegenseitig zum Thema Obama

Auch n-tv und N24 brachten Sondersendungen. Für N24 hatte sich Steffen Schwarzkopf vorm Adlon postiert, um Obamas Aufbruch ins Auswärtige Amt abzupassen; um 14.15 Uhr sah man dort einen Polizeiwagen mit weißer Fahne um die Ecke biegen - gegen diese Vorberichterstattung verblasste selbst die Aufbereitung der Fußball-EM. Auf n-tv wurde kurz nach 16.00 Uhr CNN-Chefkorrespondentin Christiane Amanpour über Obamas journalistischen Begleittross befragt, bevor sie um 18.00 Uhr selbst auf ihrem Haussender die Lage schilderte. Überhaupt interviewten sich die Journalisten gestern gern mal gegenseitig - auf CNN gab sich etwa der ARD-"Editor in chief" Ulrich Deppendorf die Ehre ("We're looking forward to the speach now"). Und natürlich war es auch wieder der Moment der telegenen Politikwissenschaftler - besonders ausdauernd erklärte der Kölner Professor Thomas Jäger auf Phoenix das Obama-Kino.

Geradezu absurde Dimensionen erreichte die wortspielgesättigte Begleitmusik ("Barack 'n' Roll") in den von Spekulationen umrankten Zeitfenstern zwischen den Terminen. Etwa als sich der wackere N24-Mann Heiko Paluschka von seinen Studiokollegen für sein "Reporterglück" feiern ließ, weil er im Hoteleingang ein Statement von Obama himself erhascht hatte: "How do you like Berlin so far?", hatte er dem Präsidenten in spe unerschrocken zugerufen und ein "It's just wonderful" zurückbekommen. Im Übrigen wusste Paluschka zu berichten, dass der Hoffnungsträger vor seiner Rede noch im Hotel Ritz Carlton Sport treiben und "die Seele baumeln lassen" werde.

Längst lagen natürlich auch erste Analysen der Körpersprache beim Merkel-Fototermin vor ("ein bisschen eckig"); Obamas Eintrag ins Goldene Buch der Stadt (mit links!) war mehrfach zu bestaunen; und Bürgermeister Wowereit betätigte sich als bereitwilliger Obama-Deuter und Interviewpartner, betonte das Charisma des Kandidaten und dessen Gemeinsamkeiten mit Berlin ("change"). Auch Kennedys legendäres "Ich bin ein Berliner" von 1963 hatte man zur Einstimmung gefühlte hundert Mal gehört – immer verknüpft mit der gespannten Frage, ob Obama wohl ebenfalls einen solchen deutschen Satz zum Besten geben würde.

"Halb Fanmeile, halb Kirchentag"

Wahrscheinlich lag es auch an dieser schier endlos gesteigerten Erwartungshaltung, dass Obamas eigentliche Rede, ab 19.21 Uhr live u.a. auf ARD und ZDF zu sehen, zumindest vorm Fernsehschirm dann nicht gar so bahnbrechend rüberkam - bei aller Wirkungsmacht der Bilder vom in imposanter Zahl erschienenen Publikum, das erst allmählich auf 200.000 taxiert wurde. "Halb Fanmeile, halb Kirchentag", beschrieb der ehemalige US-Botschafter John C. Kornblum im Gespräch mit dem gut aufgelegten ZDF-Anchorman Claus Kleber treffend die Atmosphäre; aber war Obamas 27-minütige Tour de force von der eigenen Herkunft über die Luftbrücke bis zum internationalen Terrorismus nun wirklich eine bahnbrechende rhetorische Meisterleistung?

Jedenfalls wuchs nach dem Auftritt im TV-Betrachter der Wunsch nach distanzierter Analyse - die ein Special des RBB ab 20.15 Uhr mit vielen Straßen-Stimmungsbildern nur bedingt bot. Schon eher gelang das später Sonia Mikich in „Monitor“, wo ein Beitrag herausarbeitete, dass Obama „nicht der Kriegsgegner sei, für den ihn viele halten“ und dass er im heimischen Wahlkampf schon einige seiner ursprünglichen liberalen Positionen (etwa zu Todesstrafe und Waffenbesitz) aufgegeben hat. Trotzdem hätte man zum Abschluss gut noch etwas mehr Abkühlung vertragen können – einen Harald Schmidt in Bestform etwa.

Da kam das NDR-Satiremagazin "extra 3" ab 22.30 Uhr zwar nicht ganz heran. Immerhin aber wurde einem hier noch Aufklärung zuteil, woher der Obama-Slogan "Yes we can" ursprünglich stammt: aus der BBC-Kinderserie "Bob the builder" ("Bob der Baumeister"), wo die Frage "Can we fix it?" stets entsprechend beantwortet wird. Nun ja, es war halt wirklich ein heißer Tag gestern.

Von Peter Luley
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
DasBertl (25.07.2008, 18:39 Uhr)
Das war nicht die Freude
...über einen neuen Heilsbringer... Die Botschaft lautete vielmehr: Alles ist besser als die Republikaner, alles ist besser als Bush. Und dem kann wohl kaum einer wiedersprechen.
Wir dürfen ja leider nicht wählen in den USA, auch wenn sich die ja ganz gern als Weltregierung aufplustern. Ziemlich undemokratisch eigentlich...
schade77 (25.07.2008, 13:24 Uhr)
Die Medien glauben aber auch alles,
...denkt denn wirklich jemand, dass die 200000 Leute wegen den politischen Ansichten eines Obama zur Siegessäule gepilgert sind? Wir sind nun mal ein Volk von Eventbespassern geworden, siehe PublicViewing beim Fussball, da haben auch nur 2% Ahnung von Fussball und der Rest geht hin um Party zu machen oder dabeigewesen zu sein. Und genauso war es gestern auch. Die wollten Fun und es war am Donnerstag halt hip zu Barrack zu gehen. Dass die Medien den Hype natürlich mit ihrer Berichtserstattung so angeheizt haben und fast schon ins Groteske umgekehrt haben, hat dieser Tatsache auch noch geholfen. Ich glaube vor 2000 Jahren haben die in Jerusalem nicht so ein Geschiss gemacht wie gestern wir Buckeldeutschen vorm guten Ami ;-)
alwo (25.07.2008, 12:49 Uhr)
vegefranz
...sicher hast Du recht....leider ist die Zeit der Vollblutpolitiker in Deutschland vorbei....deshalb stagniert Deutschland so und sucht Flucht in Pseudogesabbele eines Möchtegernpräsidenten und schon vergisst man hier dass in Amerika sogar Micky Maus Präsident werden könnte da sie ja da "geboren" ist.
So wie KW sich als Schwuler outete muss ich mich als Franzose outen....wohne auch dort...und was nicht nur mich nervt....das ist diese ewige latente Erbschuld der Deutschen die sich wie Narben in die Gehirne von Leuten eingeprägt hat, die erst nach dem Krieg geboren wurden....unverständlich. Daraus resultiert der Drang .....Uebertoleranz auf penible Art zu zeigen.....noch heute sind die Franzosen auf ihren Napoleon stolz obwohl dieser in vielem schlimmer war ....das ist eben der Unterschied.
mramorak (25.07.2008, 12:42 Uhr)
Verpasste Gelegenheit - aus Unkenntnis
Das war keine perfekte Inszenierung, es ist ein perfektes versagen. Beide, die deutschen und die amerikanischen Organisationen haben die wirklichkeit nicht erkannt. Das ist ja bei Leuten, die so viel "Idealismus" verbreiten wollen, nichts ungewöhnliches.
Der Mann hat die ganze Zeit seines Vor-Wahlkampfes die "Latinos" vernachlässigt - ganz wie der Schröder. Er hat Madrid und Rom lnks liegen lassen auch Südamerika hat er noch nicht geehrt. Die Latinos aber wählen, nicht wir. Das zeigt doch wie der Mann falsch beraten wird. Und unser Land sich wieder mal in Illusionen wohlfühlt. Nur das Wachwerden kann für beide Seiten Ernüchterung bringen - hoffentlioch
vegefranz (25.07.2008, 12:32 Uhr)
@alwo
ich kann den agressiven Ton von diesem bmpost auch nicht nachvollziehen: Ich meine auch in der Sache Recht zu haben: Wowereit ist lieber auf Partys und in New York als sich beim Aufräumen in den berliner No-Go Areas die Finger schmutzig zu machen.
starmax (25.07.2008, 12:22 Uhr)
Das ist alles nicht mehr normal...
Grillt die Handystrahlung langsam selbst Journalistengehirne ? Ist nur noch Party für Underdogs angesagt?
Da will einer Präsident werden - ist es aber nicht. Da ist eine Kanzlerin, kann es aber nicht.
Was ist denn als Thema für unser Volk wohl wichtiger?
kepe (25.07.2008, 12:11 Uhr)
@ stern
Muss ich diese Bildunterschrift verstehen?
.
"Obama räumte ein, dass Meinungsunterschiede zwischen den USA und Europa auch in Zusammenkunft gebe. Eine neue Regierung in den USA werde Differenzen nicht vertiefen wollen."
.
Nein, das muss ich nicht.- Oder? Die Redezusammenfassung in der Fotostrecke war wohl das, was dieser Mann während seiner ganzen Redezeit von sich gegeben hat, nur mit viiiiiiieeeeeeeeeeeeellllll mehr Worthülsen.
bernie-abg (25.07.2008, 12:09 Uhr)
Beim gestrigen...
..."Zapping" kam mir der Gedanke, daß Monty Python doch noch sehr Rege sind.
alwo (25.07.2008, 12:05 Uhr)
an vegefranz
...man weiss ja was Post heisst.....und wenn man nun die Initialen von Blöd-Mann nimmt und dann.....naja.....
hevosenkuva (25.07.2008, 11:51 Uhr)
Paradebeispiel der Peinlichkeit
Stammelnde Journalisten allüberall, gleichzeitige Übertragung im Ersten, Zweiten, ZDF Info und sogar Phoenix! Ein amerikanischer Senator und designierter Präsidentschaftskandidat (einer der beiden Parteien) sorgt für wortreiche Inhaltsleere in Funk und Fernsehen. Zur Vervollständigung der Hofnarrenberichterstattung fehlte nur noch Rolf Seelmann-Eggebert; man könnte fast meinen, der gemeinsame Sprössling von Michael Jackson und der Queen wäre nach Deutschland gekommen.
Die einzigen, die wirklich die Seele der Veranstaltung auf den Punkt gebracht haben, sind titanic-magazin.de
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