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9. November 2011, 08:54 Uhr

Völlig von Sinnen

Einen kleinen Vogel hat jeder von uns - und einen an der Hacke mindestens jeder zweite. Doch wann werden diese Ticks zur Krankheit?, wollte Sandra Maischberger wissen - und musste erleben, dass selbstverliebte Promis mit ihren Macken besonders nachhaltig ins Kameralicht drängen. Von Christoph Forsthoff

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Umgeben von manischen Buchwerbern: Sandra Maischberger© Illustration: Philipp Möller

Ich bin umgeben von manischen Buchwerbern!" Nicht schlecht der Spruch, Frau Maischberger - und doch traf dieser scherzhafte Hilferuf am Ende ihrer jüngsten Talkrunde genau das Problem der Diskussion: Wenn vier von fünf Gästen vor Kurzem ein paar hundert Seiten gefüllt haben, setzen sie natürlich alles daran, für eben dieses Produkt Reklame zu laufen. Und was kann einem da Besseres passieren, als 75 Talk-Minuten lang im Scheinwerferlicht zu stehen?!

Sicher, all die bedruckten Seiten hatten mehr oder weniger mit dem Thema der Sendung zu tun: "Ticks, Panik, Phobien - Wann wird die Macke zur Krankheit?". Doch das haben auch zig andere. Vor allem aber: Wer eine exzentrische Egozentrikerin wie Hella von Sinnen und einen nicht minder exzentrischen Hypochonder wie Rosa von Praunheim einlädt, muss damit rechnen, dass solche Menschen die Diskussion als Bühne nutzen. Halbwegs unterhaltsam im Falle des Regisseurs mit Plüschziege und -schweinchen. Schlicht unerträglich bei der schreienden Entertainerin, die selbst ihrer Lebensgefährtin Cornelia Scheel ständig ins Wort fiel und meinte, für sie antworten zu müssen.

Podium für die Buchvorstellung

Die Tochter des Ex-Bundespräsidenten ertrug es mit Gelassenheit, die Moderatorin ließ sich zumindest nicht ständig die Gesprächsführung aus der Hand nehmen. Schließlich kennt man sich schon seit Jahrzehnten - Maischberger hatte Deutschlands berühmtestes Frauenpaar bereits 1993 für einen TV-Beitrag porträtiert - da mag frau den Frauen auch schon mal ein Podium für die Buchvorstellung bieten.

Oder für vermeintliche Mutproben, wenn die wieder einmal völlig geschmackfrei im knallbunten Overall gekleidete von Sinnen eine Vogelspinne auf die Hand nahm und einen anderen Achtfüßler ihren Ärmel hochkrabbeln ließ. Schließlich hatte die Redaktion nach den letzten misslungenen Politik-Talks diesmal auf schlichte Unterhaltung gesetzt und noch zwei Tiertrainer engagiert, die neben Spinnen und Skorpionen auch allerlei Schlangen mitbrachten. Welch ein schönes Schoßtier solch eine Tigerpython doch ist, demonstrierte von Praunheim mit reichlich Streicheleinheiten aufs Vortrefflichste.

"Recht auf Verrücktheit"

Das Problem der Sendung bei diesem ganzen tierischen Zirkus: Es fiel schwer, auch nur einen der Gäste halbwegs ernst zu nehmen. Viel schlimmer aber: All diejenigen Menschen, die tatsächlich schwer unter Phobien, Hypochondrie oder Depressionen leiden, wurden durch diese Unterhaltungsshow mit ihren Krankheiten ins Lächerliche gezogen.

"Ich habe im Moment ein bisschen Angst, dass wir Homosexuellen alle einen an der Waffel haben", diagnostizierte von Sinnen in einem lichten Moment. Nun, das hat der überwiegende Teil der Lesben und Schwulen ganz sicher nicht, doch allzu viele Auftritte in der Öffentlichkeit und vor Kameras können bei fehlender kritischer Selbstdistanz ganz offensichtlich dazu führen.

Zumindest aus Sicht von uns vermeintlichen Normalos, denn der Psychiater Manfred Lütz bescheinigte von Praunheim, der jeden Abend seinen 70 Stofftieren chinesische Lieder zur Nacht vorsingt, nicht "behandlungsbedürftig" zu sein. "Im Zweifel ist jemand gesund", erklärte der Leiter einer psychiatrischen Klinik - und forderte ein "Recht auf Verrücktheit".

Abstecher zu "Wetten, dass...?"

Klar, dass in solch einem Selbstdarsteller-Stadl der Versuch jeder ernsthaften Betrachtung ins Hintertreffen geraten musste. Immerhin, dem ehemals manisch-depressiven Regisseur Sebastian Schlösser gelang eine eindrucksvolle Schilderung seiner Krankheitsgeschichte: Von Größenwahn und Selbstherrlichkeit, erzählte der 34-Jährige, vom Absturz und dem Glück, durch die Familie aufgefangen geworden zu sein.

Was dann aber offenbar schon wieder zu viel der ernsten Betrachtung war, denn zum Schluss musste Maischberger unbedingt noch mal die Frage nach der "Wetten, dass…?"-Nachfolge loswerden. Beste Gelegenheit für Hella von Sinnen zu einer finalen Selbstinszenierung: "Wir könnten das auch", brachte die Kölnerin sich und ihren langjährigen TV-Partner Hugo Egon Balder ins Spiel. Bleibt die Hoffnung, dass da ein psychiatrischer Einstellungstest vor ist.

Von Christoph Forsthoff
 
 
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