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Spannend ist die Wahl nur im TV

Selten war ein Wahlkampf so langweilig. Aufregung erzeugt nur das Fernsehen, das die Spitzenkandidaten begleitet, sich auf einzelne Äußerungen stürzt und von den eigenen Umfragen fasziniert ist.

Von Bernd Gäbler

  Das Fernsehen braucht Bilder, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (hier beim Wahlkampf auf der Fähre nach Norderney) liefert sie.

Das Fernsehen braucht Bilder, SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (hier beim Wahlkampf auf der Fähre nach Norderney) liefert sie.

  • Bernd Gäbler

Peer Steinbrück auf Norderney. Jetzt "läutet er die heiße Phase des Wahlkampfes ein", heißt es in den ARD-"Tagesthemen". Angela Merkel redet im hessischen Seligenstadt. Jetzt "läutet die Kanzlerin die heiße Phase des Wahlkampfes ein", verkündet wortgleich das ZDF-"heute journal". Tatsächlich sind es ARD und ZDF, die jetzt diese "heiße Phase" einläuten. Beide öffentlich-rechtlichen Sender haben eine große Runde von "Sommer-Interviews" bewältigt, und im ZDF liefen zur besten Sendezeit bereits die Porträts der beiden Spitzenkandidaten Peer Steinbrück und Angela Merkel. Sie geben sich redlich Mühe so zu tun, als herrsche Wahlkampfstimmung im Lande. Die beschränkt sich tatsächlich aber weitgehend auf die hässlichen Plakate, die nun überall kleben. Trotz der aufrichtigen medialen Anstrengung bleibt festzustellen: So wenig Wahlkampf war selten.

Wie bewältigt das Fernsehen diese eigentümliche Lage? Ab jetzt werden die Spitzenkandidaten auf Tour auch in den Regelsendungen ausführlich begleitet, einzelne Äußerungen werden noch extensiver hin- und hergewendet und es steigt die Fieberkurve der Eigenfaszination von den Umfragen bzw. den minimalen Veränderungen innerhalb dieser, die meist ohnehin nur einen Präzisionsgrad von Plus/Minus 3 Prozent aufweisen. Vor allem aber wird in Didaktik investiert. Das "wahlmüde", also angeblich auch "politikverdrossene" Zuschauervolk soll ordentlich motiviert werden.

Spaß und Didaktik

Im anwanzenden PR-Jargon der ARD, wo nach Nivea, Aldi und Obi nun auch "Politiker" einem "Check" unterworfen werden (26. August), klingt das so: Auch an "Politikmuffel" wende sich die Sendung, denn ein "Kult-Reporter" (Pierre M. Krause) fühle "Politikern ironisch auf den Zahn", MDR-Reporter Dank Hendrick berichte "im Netz aus der Lebenswelt junger Leute", während die Moderatoren Katrin Bauerfeind und Ingo Zamperoni "zeigen, dass Politik auch Spaß machen kann". Wohl bekomm's!

Fast wünscht man sich, das Fernsehen möge Politik ruhig einmal wieder als eine ernste Sache und weniger als Spaß begreifen. Wie wäre es, wenn es von sich aus jene Zukunftsthemen (Energiewende, Zukunft der Arbeit, Verbrauch der Ressourcen, welche industrielle Zukunft streben wir an?, Europa auch jenseits der Ökonomie, Bildung) anpacken würde, die im Wahlkampf gerade weitgehend ausgeklammert werden? Aber die Fersehmacher scheinen zu spüren, dass die eigenen Diskussionsrunden als intellektuelle Foren kaum noch wahrgenommen werden, dass die geistige Austrahlungskraft des Mediums erlahmt.

Stattdessen werden wir wie folgt auf den TV-Wahlkampfhöhepunkt, das TV-Duell am 1. September, eingestimmt: "Es sind alles Profis und ich glaube, wir haben eine schöne Mischung aus Kompetenz", sagt RTL-Anchor Peter Kloeppel. Von einer "bombigen Stimmung" berichtet Maybritt Illner (ZDF). "Wir wissen, was wir wollen", sagt Anne Will (ARD) und "Duell-Neuling" Stefan Raab (ProSiebenSat1) resümiert: "Es war angenehm, so wie ich es auch aus der Unterhaltungsbranche kenne." So steht es im ARD-Pressedienst. Der tut jetzt schon so, als sei im Jahr 2013 die Kernfrage des "TV-Duells", zu welcher Leistung und Kooperation die vier Star-Moderatoren in der Lage sein werden. Dabei sollen Peer Steinbrück und Angela Merkel in dieser Sendung durchaus auch vorkommen.

Weil das Fernsehen selbst so wenig thematisiert und so viel personalisiert, so wenig Tiefenbohrungen in die Wirklichkeit bietet und so viel Nachvollug der Wahlkampf-Inszenierung, entsteht trotz des ehrlichen Drangs der Reporter nach Wahrhaftigkeit ein relativ festgefügtes Bild von den Spitzenkandidaten. Das muss nicht allein ein mediales Konstrukt sein. Dafür sind auch die Politiker selbst verantwortlich. Medien sind das Fegefeuer, durch das Spitzenpolitiker klaglos hindurch müssen, die beweisen wollen, dass sie das Zeug dazu haben, ein Land zu regieren.

Steinbrück - hat schon verloren


Peer Steinbrück ist der beste verfügbare SPD-Kandidat. Damit ist auch schon das Drama der Partei beschrieben. Dieser gewiss kompetente, rhetorisch begabte, vor allem aber selbstgewisse Politiker hat noch nie eine Wahl gewonnen und wird es auch nicht tun. Mit dem Bonus als amtierender Ministerpräsident hat er sogar im SPD-Stammland Nordrhein-Westfalen gegen den keineswegs charismatischen CDU-Politiker Jürgen Rüttgers eine Wahl verloren. Wie soll er jetzt Merkel gefährlich werden? Indem er große gesellschaftliche Alternativen verkörpert?

Das tut er aber gerade nicht. Er hat mit ihr die Finanzkrise bewältigt, er hat allen Euro-Entscheidungen zugestimmt, als Anwalt der Umverteilung ist er vor dem Wahlkampf nie aufgefallen. Außerdem gab es noch nie eine so schlechte, auf kein Thema konzentrierte Kampagne der SPD. Es bleibt unklar, worum es eigentlich geht. Hinzu kommt viel Ungeschick des Kandidaten. Wenn er menscheln will, ist er nur gerührt vom Pathos seiner eigenen Selbstaufopferung. Wenn er ironisch sein will, geht er mit "Bild"-Chef Kai Diekmann zum "Veggie-day" Schnitzel essen. Das Thema in allen Filmen und Betrachtungen über Peer Steinbrück ist immer nur Peer Steinbrück. Die (wohlmeinende) Botschaft: Jetzt kniet er sich rein. Er will kämpfen. Er wird nicht aufgeben. Er wird durchhalten - bis zum 22. September!

Merkel regiert - immer weiter

Angela Merkel dagegen regiert. Der Wille zum Wahlkampf scheint bei den Medien fast stärker ausgeprägt zu sein als bei ihr selbst. Sie gibt lieber den Flutopfern Geld als Peer Steinbrück auch nur zu erwähnen. Sie tut so als wären die Parteien kämpfende Einheiten unterhalb ihres Horizonts. Das fasziniert die Journalisten zunehmend. Sie versuchen die "Physikerin der Macht" technisch zu verstehen und zugleich "Mutti" psychologisch auf die Schliche zu kommen. Das Thema in allen Filmen und Betrachtungen zu Merkel ist die Macht und wie toll sie damit umgehen kann. Die (unbewusste) Botschaft: Veränderungen wird es erst nach Merkel geben.

So trägt das Fernsehen, das doch einerseits so gerne alle in aufgeregte Wahlkampfstimmung versetzen würde, anderereits dazu bei, die Langeweile zu unterstreichen. Es besteht null Spannung - jedenfalls bis zum 22. September.

Nach der Wahl - ja, da kann es unter Umständen noch zu interessantem parteitaktischen Händel kommen. Das wird dann - statt für "Star-Moderatoren" und jugendaffine "Kult-Reporter" - auch wieder die Stunde sein für Ulrich Deppendorf und Bettina Schausten.

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