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1. März 2008, 12:15 Uhr

Ich Tarzan, Du Jane, Wir Langeweile

Hugo Egon Balder, der schon seit Jahrzehnten Maßstäbe am unteren Ende der Skala setzt ("Tutti Frutti", "Genial daneben") und eine dreiköpfige Jury suchen seit gestern Abend die beiden Hauptdarsteller für das Musical "Ich Tarzan, Du Jane". Wer dachte, Deutschland hätte genug Castingformate, hat nicht mit Sat.1 gerechnet. Von Michael Rossié

Hugo Egon Balder moderiert bei "Ich Tarzan, Du Jane"© Picture-Alliance/ZB

Der Hauptvorteil dieses Formates gegenüber der Konkurrenz ist der, dass eine Folge nicht geschlagene 135 Minuten wie Germany's next Topmodel dauert, son-dern inklusive Werbung nur 60 Minuten. Außerdem gibt es bei Sat1 jede Menge Waschbrettbäuche für die weibliche Zielgruppe, die wir bei der Modelsuche auf Pro7 bisher vermisst haben.

Ansonsten ist alles wie gehabt: Unbegabte Menschen werden vorgeführt und lächerlich gemacht. Die Jury, die in Zeitlupe zu dramatischer Musik hereinschreitet, ist nur eine Nuance netter als die Konkurrenz ("Du singst echt Scheiße!"). Dazu die bekannten Stilblüten bei den gelaberten Statements ("Wir sitzen hier mit unserer Zeit"). Wenigstens das endlose Dehnen der Entscheidung ersparen sie uns. Im Gesicht von Pia Douwes sieht man sofort, was ihr gefällt und was nicht.

Die Kandidaten sind natürlich "zu ALLEM bereit" und selbstverständlich sucht man nichts weniger als Menschen, die "perfekt" sind und "in der Weltliga spielen". Unter allem ein bombastischer Klangteppich.

Die Rampensau wird losgelassen

Es ist schon ziemlich gemein, eine Britney-Spears-Imitation, die sich schon jetzt auf die Paparazzi freut, gegen singende und schauspielernde Profis antreten zu lassen. Oder eine selbsternannte Rampensau. Oder eine 39-jährige Mutter ("Ich bin Hausfrau und Schauspielerin"), die "hoch und niedrig singen" kann. Die Behauptung, sie könne "Leute zum weinen singen" bekommt nach der ersten Kostprobe eine doppelte Bedeutung. Und warum fliegt die Mutter dann doch raus? Richtig: Sie hat "die falsche Einstellung".

Die Produzenten kennen keine Hemmungen. Wenn eine 46-Jährige, die "Lust auf wilde Männer" hat, sich fit genug fühlt, die zwanzigjährige Jane zu spielen, lässt man sie natürlich vor die Kamera. Grotesk: Anschließend regt sich ein Jurymitglied "tierisch darüber auf", sich die Ungeeigneten ansehen zu müssen (Er müsste doch gar nicht!). Außerdem lässt man Kandidaten, die auf keinen Fall in Frage kommen, posen und selbstverliebt von ihren Killerqualitäten erzählen oder Tarzanschreie imitieren. Das soll witzig sein.

Musicaldarsteller müssen sehr viel können

Das kann man ihnen nicht einfach bis Oktober beibringen. Das wissen diejenigen, die gut singen und tanzen können, genau. Wer weiterkommt, ist also nicht total überrascht, und so gibt es selten Freudentränen. Dafür lässt man auch ein paar Paradiesvögel weiterkommen, die sicher keine Chance haben. Aber die freuen sich doch so schön.

Was allerdings Hugo Egon Balder bei der ganzen Sache macht, bleibt mir unverständlich. Weniger gelangweilt als bei "Genial daneben", aber immer noch staubtrocken, sitzt der liebe Onkel Hugo in Zwischenschnitten auf einem Stuhl - und sagt - Sätze - in Bruchstücken - auf, erklärt uns, dass Tarzans nicht auf Bäumen wachsen (oder waren es Tarzane), zieht oberwichtig die Stirn in Falten und sorgt dafür, dass die Zuschauer vor allem eines tun: anrufen - für 50 Cent die Minute. Außerdem versucht er, als Off-Sprecher die Jury und die Kandidaten durch den Kakao zu ziehen, wobei seine bissigen Kommentare auch nicht im Ansatz witzig sind. Eine übergewichtige Kandidatin beschreibt er so: "Das Auge isst mit. Ein Fest für die Sinne." Selten so gelacht.

Außerdem macht Balder so ziemlich alles falsch, was ein Sprecher falsch machen kann: Die Satzmelodie wechselt zwischen Monotonie und dem Singsang einer Stewardess, mindestens alle vier Worte macht er eine bedeutungsvolle Pause, und der zweite und dritte Teil einer Aufzählung werden mit einem stark betonten "und" eingeleitet.

Ja, und warum sollten wir uns jetzt die nächsten Folgen ansehen, wenn dann alle Nieten draußen sind und wir nichts mehr zu lachen haben? Richtig geraten. Wir sehen noch mehr Nieten. Das war erst das erste Massencasting, und man wird uns noch viele, viele Menschen zeigen, die schon keine Chance hatten, als sie zur Tür hereinkamen. Wenn Sie an so etwas Spaß haben, dann verbringen Sie in den nächsten Wochen den Freitagabend ab 20.15 Uhr mit Sat.1.

Schlappe Quoten Die erste Ausgabe der neuen Sat.1-Castingshow "Ich Tarzan, Du Jane!" ist beim Publikum durchgefallen. Bei den 14- bis 49-Jährigen erreichte das mit hohen Erwartungen gestartete Format gerade einmal einen Marktanteil von 9,4 Prozent. Insgesamt wollten nur 1,54 Millionen Zuschauer die Sendung sehen - selbst RTL 2 holte am Freitagabend mehr Menschen vor den Bildschirm.

Von Michael Rossié
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
Dewerth (03.03.2008, 09:13 Uhr)
Ich sach mal...
...wenn Espritcritique sich den vorurteilsbeladenen Schaum (Präkariat usw.) vom Mund gewischt hat, kann er vielleicht die Ironie sehen, die die einzig wirkliche Antwort auf dieses lächerliche Deatail sein kann. Da stellt sich natürlich bei der schnaubenden Wortwahl die Frage: Was hat bei Espritcritique das Wort Esprit verloren?
EspritCritique (03.03.2008, 02:51 Uhr)
@dewerth = nil.jang
Sie haben einfach offensichtlich unrecht. Meinen Sie ernsthaft, Sie könnten das mit "Klappe halten" und ähnlichem SED-Kommandoton ernsthaft in Frage stellen? Aber reihen Sie sich mal bei der Linken an, bevor die anderen Hasser der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Ihnen die Plätze abnehmen.
EspritCritique (03.03.2008, 00:42 Uhr)
Bemerkenswert,
wie das Prekariat in unserem Lande mittlerweile die Macht übernommen hat. "Basta", "Klappe halten" sind die "Argumente". Aber das ist auch kein Wunder, wenn gewisse Presseorgane uns ständig Beliebigkeit als Grundlage von Regeln suggerieren. Also "dewerth" alias "Nil.Jang": demnächst besser informieren, bevor man eingegrabene, falsche Stellungen verteidigen muss. Informiert Euch mit der "Linken", die haben das auch noch vor sich.
ritchie (02.03.2008, 17:05 Uhr)
TV-Sendungen als Spiegelbild unserer selbst
Egal was man sich anschaut, es ist und bleibt der Spiegel unser selbst. Will heißen, wer Balder schaut, der kann sich ausrechnen wie helle er selber ist. Auch Basta!
Dewerth (02.03.2008, 15:40 Uhr)
Es heißt...
...alle vier Wörter. Basta!
EspritCritique (02.03.2008, 01:06 Uhr)
Nil.Jang Ergänzung
Sie sind zweifelsohne immer noch nicht überzeugt. Also schauen Sie einfach einmal im Zwiebelfisch-Abc nach (merci, stern-Redaktion)(google.de: "Worte, Wörter")
EspritCritique (02.03.2008, 00:59 Uhr)
@ Realschullehrer Nil.Jang
Wörter können immer gezählt werden. Selbst abgesehen davon entscheiden nicht irgendwelche schematischen Regeln über die Richtigkeit einer Konstruktion. Das Sprachgefühl sollte einem den korrekten Weg weisen.
Ihre Regel mag in 95% der Fälle stimmen, aber vorrangig kommt es darauf an, ob die Worte/Wörter konkret von jemandem gesprochen wurden, bzw. ob ein Sinnzusammenhang zwischen Ihnen besteht, also ob oder nicht sie beziehungslos nebeneinander stehen. Oder würden Sie in einem Roman schreiben "Sie: Ich liebe Dich nicht." "Er: Diese nur vier Wörter brechen mir das Herz."? Alle? Jedes einzelne?
"Er: Diese vier Worte brechen mir das Herz." dürfte die Sache doch wohl erheblich besser treffen. S. o. Im Übrigen: Wenn Sie sich gleich so über solche Banalitäten echauffieren, erwecken Sie nur den Eindruck, Realschullehrer zu sein ;-). (Ich hoffe, die Ironie kommt an.)
Nil.Jang (01.03.2008, 20:33 Uhr)
Einfach mal die Klappe halten
Einfache Regel, die auch Espritcritique sich merken können sollte: Wenn's gezählt werden kann (hier: vier) sind Wörter, keine Worte.
unheilig (01.03.2008, 17:59 Uhr)
@irmanow
man mus es garnicht gesehen haben,die ausschnitte reichen auch schon.also denk doch mal bitte mit!:)
Benkku (01.03.2008, 17:18 Uhr)
Quotenherde befriedigen.
Kein Verständnis für Experimente mit der Würde des Menschen - ob unbedarft, ehrgeizig oder wie auch immer - in besagten Fernsehsendungen durch Ekel erregende Moderatoren, obwohl niemand zur Teilnahme daran gezwungen ist. Das Theater ist dazu da, um uns unsere Schwächen vorzuführen. Die Sudelsendungen dagegen nutzen vorallem menschliche Schwächen rücksichtslos aus. Weil den Blödelsendern mit derartigen Vorstellungen durch Befriedigung niederer Instinkte eine große Quotenherde gewiß ist, heißt das noch lange nicht die allgemeine Akzeptanz.
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