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23. Januar 2012, 14:50 Uhr

Gottschalk 3.0

Wenn TV-Meister Thomas Gottschalk heute Abend mit seiner ARD-Vorabendsendung den Neuanfang wagt, macht er alles richtig. Alte Tiger brauchen die Hilfe junger Dinger, um zu springen, meint Sophie Albers

Der Mann hat seine Lektionen in Übersee gelernt: Als Wahl-Amerikaner kennt Thomas Gottschalk das US-Showgeschäft gut genug, um zu wissen, wie man auch als Altmeister dran bleibt. Und er hat sich für das Modell "Madonna" entschieden: die rabiate Neuerfindung. Das ist mutig und ziemlich undeutsch. Aber wie Madonna weiß auch Gottschalk Sicherheitsnetze unter sich, und er kriegt "eben nicht mehr sofort die Flatter, weil ein besorgter Hasenfuß 'Risiko' ruft", wie er gerade im Interview mit "GQ" meinte. Die Chancen stehen bestens, dass der Wechsel vom TV-Prime-Time-Übermoderator zum Vorabend-Talker ein samtiger wird.

Wenn am Montag um 19:20 Uhr das erste Mal "Gottschalk Live" über die Fernseher flimmern wird, ist dem 61-jährigen professionellen Lockenkopf schon jetzt eine höhere Quote sicher als die von ihm angepeilten acht Prozent. Schließlich will jeder sehen, ob der Rockstar, der nur noch in Stadien aufgetreten ist, auch noch einen kleinen Club voll kriegen kann. Dieses Zurück-auf-Anfang ist das Beste, was Gottschalk für seinen Marktwert tun kann. Das ist wie Pink, die sich nach einer megalomanen Show mit Trapeznummer auf einen Barhocker setzt und zur Gitarre singt. Das Publikum versinkt in Ehrfurcht: Wenn der Künstler weiß, dass die Stimme da ist, ist so ein Blankziehen der Technik kein Problem.

Und Gottschalk weiß um die seine: "Ich habe 40 Jahre Rock'n'Roll hinter mir", hat er gerade im stern-Interview gesagt. Er sei kein Journalist und auch kein Moralist, sondern ein Unterhalter. "Mein Anspruch ist, das Publikum nicht zu verarschen und selber nicht zu verblöden." Und nun wolle er auch mal sein "Maul aufreißen", sagte er den Kinderreportern von "Dein Spiegel". Solche Worte sind wahrlich Musik in den Ohren der dauerenttäuschten Zuschauergemeinde, die sich offenbar auch aus Protest und Verzweiflung über die glattgebügelten Gesichter und Charaktere der deutschen Fernsehwelt schon länger in den Abgrund der Casting-Soaps wirft. Aber vielleicht kann Supermoderator Gottschalk die verlorenen Schafe ja wenigstens zum Teil wieder einsammeln und vom besseren Fernsehen überzeugen.

Von Lady Gaga bis Merkel

Eine 30-köpfige Redaktion hat Gottschalk um sich geschart. Angeblich ist die Sendung für die ARD kostenneutral, und der Moderator bekommen weniger als vier Millionen Euro pro Jahr (genauer wurde er nicht). Gesendet wird live aus dem Humboldt-Carrée in Berlin, weshalb Gottschalk sein sonniges Domizil in Malibu derzeit gegen die graukalte Hauptstadt eingetauscht hat. Das Konzept der Show liege irgendwo zwischen "spätem Frühstücksfernsehen und zu früher Late-Night-Show", sagte er auf der Pressekonferenz. Und Schluss sei, "wenn einer die Schnauze voll hat". Er oder die ARD. Gottschalk gibt sich drei Jahre.

"Gottschalk Live" solle keine Interview-, keine Talk- und auch keine Comedy-Sendung werden, sondern er wolle "mit der mir eigenen Einfalt, mit der ich den Zuschauern nahe bin, die Dinge des Tages auf der Zunge zergehen lassen.". Ziel sei, den "ganz normalen täglichen Wahnsinn" zu diskutieren, und dazu eingeladen sei jeder - von Lady Gaga bis Angela Merkel. "Einzige Voraussetzung ist, dass die Eingeladenen etwas zu erzählen haben, was Moderator wie Publikum gleichermaßen interessiert."

Facebook, Twitter, Skype

Und zu dieser "halben Stunde zum Wohlfühlen" vor der "Tagesschau" lädt Gottschalk auch sein Publikum ein: via Facebook, Twitter oder auch Skype sollen Zuschauer Themen anregen und kommentieren. Das ist neu für Gottschalk, der soziale Netzwerke bisher gemieden hat ("Der private Gottschalk will seine Ruhe haben"), aber eben das Ding der Jugend, das möglicherweise den Unterschied machen wird. So wie Tom Jones einst mit den Cardigans gesungen und Madonna mit Britney Spears geknutscht hat, um den Anschluss nicht zu verlieren und weil das Publikum der Verbindung von Alt und Neu immer offener gegenübersteht als der reinen Zukunftsmusik, geben nicht nur der Moderator, sondern auch sein Format Grund zur Hoffnung, dass sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen etwas tut, womit nicht jeder gerechnet hat.

Insofern hat Ex-"Gute Zeiten, schlechte Zeiten"-Starlet Susan Sideropoulos völlig recht, wenn sie sagt: "Der wird das schon rocken". Und Gottschalk krönt das Metaphernspiel auch noch mit einem Auftritt in der Vorabendserie "Heiter bis tödlich - Hubert & Staller", wenn er am 22. Februar als alternder Rockstar Johnny Silver auftritt.

Jetzt muss er nur noch halten, was er verspricht.

meint Sophie Albers
 
 
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